Der westlichste Teil Indiens, ein Gebiet mit dem Namen Kutch im Bundesstaat Gujarat - auch bekannt als Land der schwarzen Hügel, ist vom Rest des Landes durch eine Salzwüste, den sogenannten "Runn of Kutch", abgeschnitten. Vor ungefähr tausend Jahren floss der Indus durch diese Gegend und bildete hier einen Süßwassersee. Im Laufe der Zeit änderte der östliche Arm des Indus seinen Lauf, und das Gebiet wurde vom Meer überflutet. Heute ist der Runn während der Regenzeit (Mai bis August) ein Salzwassersumpf, während der Trockenzeit eine Salzwüste, in der nicht ein einziger Grashalm wächst. Die Temperaturen klettern im Sommer auf bis zu 48° Celsius. Trinkwasser ist in dieser Gegend ein knappes Gut.
Ungefähr zweimal in jedem Jahrhundert wird das Gebiet von schweren Erdbeben heimgesucht. Diese bringen Flüsse dazu, ihren Lauf zu ändern, oder lassen Hügel wie "Allah's Bund" (den Damm Allahs) entstehen und gestalten so die Oberfläche um. Am 26. Jänner 2001, als die Menschen im ganzen Land gerade den Tag der Republik feierten, erschütterte ein derartiges Beben die Erde. Innerhalb von wenigen Minuten lagen mehr als 100.000 Menschen unter dem Schutt ihrer Häuser oder in den Straßen begraben.
SOS-Kinderdorf Indien war rasch zur Stelle und leistete Nothilfe. Innerhalb weniger Wochen wurden 25 Kinderhilfszentren eingerichtet. Dort wurden über zweitausend Kinder tagsüber betreut, medizinisch versorgt und erhielten zusätzliche Nahrung. Diese Kinderhilfszentren wurden sechs Monate lang betrieben, um den Familien genug Zeit zu geben, sich zu reorganisieren. Innerhalb dieses Zeitraumes nahmen die meisten Schulen und medizinischen Zentren ihren Betrieb in Zelten wieder auf. Nach Ablauf der sechs Monate war klar, dass über 100 Kinder ständige Betreuung benötigen würden, da sie entweder zu Voll- oder zu Halbwaisen, deren noch lebender Elternteil sich nicht alleine um sie kümmern kann, geworden waren. Im Laufe der Zeit wurden auch noch einige Kinder, die nach dem Erdbeben von Verwandten betreut worden waren, im Stich gelassen. Am Ende blieben 125 Kinder, die Langzeitbetreuung benötigten. Da in dieser Gegend kein SOS-Kinderdorf vorhanden war, beschloss man, ein neues zu errichten.
Das Grundstück, auf dem das SOS-Kinderdorf steht, liegt am Rand der Stadt Bhuj in Madhapur. Neben dem Dorf befindet sich eine Siedlung für Menschen, deren Häuser vom Erdbeben zerstört wurden. Zwölf der Häuser dieser Siedlung wurden vor Fertigstellung des SOS-Kinderdorfes von den SOS-Kindern bewohnt. Das SOS-Kinderdorf Bhuj besteht aus 14 Familienhäusern, einem Gemeinschaftshaus, Mitarbeiterunterkünften und den notwendigen Verwaltungsgebäuden. Außerdem verfügt es über einen SOS-Kindergarten, der auch den Kindern aus der Nachbarschaft offen steht.
Da in diesem Teil Indiens die Schulbildung der Mädchen besonders gefördert werden muss, wurde eine SOS-Hermann-Gmeiner-Schule mit einem kleinen Wohnheim für Mädchen errichtet. Diese Grundschule hat zehn Klassen für bis zu 350 Schüler. Um die medizinische Versorgung der Bewohner dieser Gegend zu verbessern, betreibt SOS-Kinderdorf in Bhuj ein SOS-medizinisches Zentrum, wo sich die Menschen aus der Umgebung untersuchen und behandeln oder beraten lassen können.
2004 startete SOS-Kinderdorf Indien seine Familienstärkungsprogramme in Bhuj. Mit Hilfe dieser Programme soll verhindert werden, dass Familien ihre Kinder verlassen. Um dies zu erreichen, arbeitet SOS-Kinderdorf direkt mit den Familien und den jeweiligen Gemeinden und unterstützt diese darin, bestmöglich für die Kinder zu sorgen. Organisiert wird die Präventionsarbeit gemeinsam mit lokalen Behörden und anderen Partnern.
Das Familienstärkungsprogramm in Bhuj bietet Beratung und Unterstützung in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Bildung. Verschiedene Ausbildungen werden angeboten, die Menschen werden bei der Berufswahl beraten und bei der Arbeitssuche unterstützt. Man hilft den Familien, mit bereits bestehenden Selbsthilfegruppen Kontakt aufzunehmen. Wenn keine passende Gruppe existiert, wird eine neue gegründet. Neben Erziehungsberatung finden auch Aktivitäten statt, um Hygiene und Kinderrechte im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.