Im SOS-Betreuungszentrum für Flüchtlingskinder in Sri Lanka 

So was wie einen normalen Alltag leben 

Seit August leitet SOS-Kinderdorf im riesigen Flüchtlingscamp in Chettikulam bei Vavuniya, wo immer noch mehr als 250.000 Menschen leben müssen, ein Betreuungszentrum für Kinder. Der Bürgerkrieg, vor dem die Menschen flüchten mussten, gilt zwar seit Mai 2009 für offiziell beendet, aber nach wie vor ist ungewiss, wann die Menschen zurückkehren können. Und ungewiss ist für viele der zurzeit 175 betreuten Kinder im SOS-Zentrum in der so genannten Zone 4, ob sie jemals wieder mit ihrer Familie zusammenleben können (Bericht Oktober 2009).
Einige Kinder sind Vollwaisen, viele haben nur mehr einen Elternteil, bei anderen wiederum bestehen begründete Zweifel, ob jene, die die Elternschaft beanspruchen, tatsächlich Vater und Mutter sind. Bei 16 Kindern gelang es allerdings in den vergangenen Wochen, sie mit ihren Familien zusammenzuführen.

Foto: SOS-Archiv
Das SOS-Betreuungszentrum befindet sich in einem riesigen Flüchtlingscamp - Foto: SOS-Archiv

Familien ausfindig machen
Die Obsorge für die Kinder, die als "unbegleitet" gelten, wird SOS-Kinderdorf per Gerichtsbeschluss übertragen. Um den familiären Status zu klären, wird doppelt geprüft: einerseits durch Befragung der Kinder, andererseits durch Erhebungen innerhalb und außerhalb des Flüchtlingscamps in Zusammenarbeit mit den Behörden. Die Familienzusammenführung ist das oberste Ziel, dafür steht SOS-Kinderdorf auch mit Save the Children im Gespräch, um gemeinsame Ressourcen zu nutzen. In der Zwischenzeit brauchen die Kinder jedoch intensive Betreuung und besonderen Schutz.

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Das Zentrum hat auch einen Spielplatz, eine Rarität in Chettikulam - Foto: SOS-Archiv

Divakar Ratnadurai von SOS-Kinderdorf Sri Lanka rechnet damit, dass noch viele weitere Kinder im Zentrum aufgenommen werden und dass das Programm - in einer ersten Phase für sechs Monate anberaumt - sicherlich noch ein weiteres halbes Jahr fortgesetzt wird. Falls sich trotz aller Bemühungen herausstellen sollte, dass ein Kind keine Angehörigen mehr hat, könnte es langfristig in einem SOS-Kinderdorf aufgenommen werden.

Seit Wochen verschärfen heftige Monsunregen und verstopfte Abflussrohre die Lebensbedingungen im Flüchtlingscamp, wobei die Verhältnisse im SOS-Zentrum noch wesentlich besser sind. Trotzdem erkrankten wegen einer regelrechten Moskito- und Fliegeninvasion auch Kinder im Zentrum an Malaria, drei weitere Kinder mussten wegen Windpocken behandelt werden. Bei zwei anderen wiederum mussten alte Schusswunden operiert werden.

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Alle Kinder werden in unterschiedlichen Klassen unterrichtet - Foto: SOS-Archiv

Unterricht und Freizeitspaß
Nachdem es im August endlich gelungen ist, nach langwierigen Vorbereitungen und Verhandlungen das Zentrum zu errichten, erleben die Kinder, von denen mehr als die Hälfte zwischen elf und 15 Jahre alt ist*, einen geregelten Alltag und nach langem wieder so etwas wie Normalität. "Man konnte innerhalb von nur zwei Wochen eine extreme Veränderung bei den Kindern sehen", erzählt Divakar. Verschreckt, in sich gekehrt und schweigsam kamen und kommen die meisten an, aber im SOS-Zentrum, in der Gemeinschaft mit den anderen Kindern, die ein ähnliches Schicksal haben, gewinnen sie wieder Vertrauen, Sicherheit und Perspektiven.

SOS-Kinderdorf bemüht sich besonders darum, dass die Kinder einen regulären Unterricht besuchen können. In den zwei Speiseräumen und in einem leer stehenden Schlafsaal wird im Schichtunterricht von Lehrern, die ehemals in öffentlichen Schulen unterrichtet haben und ebenfalls Flüchtlinge sind, unter anderem Mathematik, Tamil, Physik und Tanzen gelehrt; alle Kinder besuchen auch gemeinsam Englischstunden. Die Kinder werden gemäß offiziellen Lehrplänen unterrichtet und müssen Examen bestehen, die ihnen später den Besuch öffentlicher Schulen ermöglichen. Außerdem haben fünf Jugendliche, die über 18 Jahre alt sind, im Ausbildungszentrum von Don Bosco in Vavuniya eine Lehrstelle bekommen.

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Zeit, Platz und Material, um sich kreativ auszuleben - Foto: SOS-Archiv

Besonders positiv werden von den Kindern die Freizeitaktivitäten und Rahmenprogramme angenommen. So wird zum Beispiel jeden Sonntag in verschiedenen Gruppen gesungen, getanzt oder Theater gespielt. An Samstagen stehen Fußball und Volleyball am Programm und andere Sportarten. Zahlreiche Freiwillige aus dem Flüchtlingscamp helfen dabei als engagierte Trainer mit. Jeden Mittwoch wiederum gibt es ein gemeinsames Treffen, wo jedes Kind und jeder Jugendliche die Möglichkeit hat, Sorgen und Wünsche zu artikulieren, Fragen zur Ausbildung, zum Leben im Zentrum und zur Zukunft zu diskutieren. Geplant ist laut Divakar auch ein Kinderrechtsforum, in dem die Kinder aktiv einbezogen und über ihre Rechte aufgeklärt werden.

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Mit viel Sorgfalt kümmern sie die Kinder um ihren Gemüsegarten - Foto: SOS-Archiv
Ein eigener Garten
Hinter den Gebäuden des SOS-Zentrums tut sich Erstaunliches. Aus dem monotonen Lehmboden, der sich im ganzen Lager bei Regen in knöcheltiefen Morast verwandelt, wachsen kleine Pflänzchen. Sie wurden von den Kindern gesät, die sich jeden Tag darum kümmern, dass aus dem zarten Grün gesundes Gemüse und Obst wird. Es ist eine Beschäftigung, die den Kindern sichtlich Spaß macht, und bei der sie lernen, Verantwortung zu nehmen und - vor allem - dass sie selbst etwas bewirken und in die Hand nehmen können.

*95 Mädchen und 80 Buben; mehr als 100 Kinder sind elf bis 15 Jahre alt, über 20 Kinder sind zwischen sechs und zehn, über dreißig zwischen 16 und 20 Jahre alt.

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