Mogadischu durchlebt seine schlimmste Zeit 

05/02/2008 - Ahmed Ibrahim, Leiter von SOS-Kinderdorf Somalia, ist in Mogadischu aufgewachsen. Warum er die Hoffnung auf eine baldige Wiedereröffnung des SOS-Kinderdorfs und der Klinik nicht aufgibt, erzählt er in diesem Interview.
Foto: SOS-Archiv
Die Familien sind seit Wochen in anderen Stadtteilen untergebracht - Foto: SOS-Archiv

Können Sie die derzeitige Situation im SOS-Kinderdorf beschreiben?

Ich war am 22. Dezember das letzte Mal dort. Das SOS-Kinderdorf ist bis auf ein paar Sicherheitswachen verlassen. Viele Mitarbeiter befanden sich bei meinem Besuch in Arrest. Die Soldaten hatten bei einer Waffendurchsuchung nichts gefunden und deshalb einfach die Mitarbeiter mitgenommen. Ich konnte ihre Freilassung bewirken.
Wie geht es den Kindern und Müttern?

Alle SOS-Familien sind auf Wohnungen über das Stadtgebiet verteilt. Es geht ihnen den Umständen entsprechend: Sie haben keinen Strom und kein fließendes Wasser, aber sie sind gut versorgt. Wir haben die Familien absichtlich getrennt. Sollte ein Stadtteil beschossen werden, können die Betroffenen bei den anderen Familien unterkommen.

Wie sieht die Situation in der Stadt aus?

Unwirklich! Sie gehen zum Beispiel einen verlassenen Häuserblock entlang, der vom Militär kontrolliert wird, biegen um die Ecke und befinden sich auf einem belebten Marktplatz wieder. Hinter der nächsten Straßenecke herrscht wieder Totenstille. Gerade um das SOS-Gelände verschlechtert sich die Lage leider zunehmend. Äthiopische Truppen haben ihr Basislager unweit des Kinderdorfes aufgeschlagen. Deshalb ist die Hauptstraße dorthin gesperrt. Man kommt nur über gefährliche Umwege ins Dorf.

Foto: SOS-Archiv
Verwüstung in Mogadischu - Foto: SOS-Archiv

Wie sieht es mit der SOS-Klinik aus?

Die Klinik ist zu, weil durch die Straßensperren niemand auf das SOS-Gelände kommt. Das Krankenhauspersonal würde sofort die Arbeit aufnehmen, aber die Zufahrtswege sind zu gefährlich. Der Ältestenrat bat uns, die Klinik zu öffnen. Wir sagten: "Vereinbart mit der Armee einen sicheren Korridor und wir öffnen sie noch heute!" Doch ihre Verhandlungen mit der Regierung laufen noch. Niemand sieht die Klinik gerne geschlossen.

Rechnen Sie mit einer baldigen Wiederaufnahme des Klinikbetriebes?

Vielleicht. Wir haben ja den Wunsch des Ältestenrats und die Zustimmung der Bezirksvorsteher. Auch der neue Premierminister spricht von Frieden und Dialog. Mit der Regierung stehen wir schon in Kontakt. Das stimmt uns positiv und lässt auf eine Wiedereröffnung hoffen.

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Über 500 Schüler gehen normalerweise in die SOS-Hermann-Gmeiner-Schule - Foto: SOS-Archiv
Wie geht es den Kindern ohne SOS-Hermann-Gmeiner-Schule?

Unsere Schule besuchten 550 Schüler aus ganz Mogadischu. Seit über einem Monat gibt es keinen Unterricht mehr. Auch in den Flüchtlingslagern außerhalb von Mogadischu gibt es keinen Unterricht. Derzeit sehen gerade Jugendliche und Studenten in Mogadischu keine Zukunft. Ich befürchte, dass noch viele von ihnen die extrem risikoreiche Reise in den Jemen antreten werden. In kleinen Fischerbooten überqueren sie das Rote Meer; die meisten Schiffe sinken. Laut UNICEF gibt es in Mogadischu 40.000 Schüler und Studenten. Sie alle haben keine abgeschlossene Schulausbildung. Hoffnung und Zukunft verspricht nur die gefährliche Reise über das offene Meer.

Sie haben in Mogadischu schon einiges durchgemacht. Ist die derzeitige Situation mit vergangenen Jahren vergleichbar?

Nein, Mogadischu durchlebt seine schlimmste Zeit. Einige Stadtteile sind völlig verwüstet. Leben und Wohnen war dort noch nie so gefährlich. Sie können jederzeit eingesperrt werden, einfach weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

Haben Sie noch Hoffnung?

Wir geben die Hoffnung nie auf. Wir hoffen immer - und die Zeichen stehen nicht ganz so schlecht. Der Ältestenrat unterstützt uns, die Regierung sucht den Dialog - das alles gibt uns berechtigte Hoffnung.