Kinder der Wüste 

Benno Neeleman, Profifotograf aus den Niederlanden, ist mit seiner Kamera überall in der Welt unterwegs, oft auch für SOS-Kinderdorf. Diesmal waren es nicht nur glückliche Kindergesichter, die er fotografisch festhielt. Im November 2008 besuchte er ein Flüchtlingscamp im Tschad, wo SOS-Kinderdorf traumatisierte Kinder betreut. Ausnahmsweise schildert er hier auch mit Worten, was er dabei gesehen hat.
Wir sind auf einem schmalen Sandstreifen inmitten einer endlosen Wüste gelandet. Unser Quartier ist das Gästehaus des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen - Hotels sind hier Mangelware.

Foto: Benno Neeleman
Flüchtlingsdasein in der Wüste - Foto: Benno Neeleman

Um 8.30 Uhr verlässt ein Konvoi von elf Fahrzeugen verschiedener Hilfsorganisationen das UNHCR-Büro in Richtung Flüchtlingslager Oure Cassoni. Nach einer halben Stunde taucht aus dem Nichts eine viele Hektar große Fläche mit Lehmhütten und Plastikbauten auf, die fast 30.000 Menschen Unterkunft bieten. Der Großteil von ihnen hat sich hier 2004 niedergelassen, nachdem die Situation in der sudanesischen Provinz Darfur ein Weiterleben unmöglich gemacht hatte. Zuvor war hier nur ein Platz in einer großen offenen Wüste, ohne einen einzigen Baum und mit Temperaturen von manchmal über 50 Grad. Der einzige Grund, warum die Vereinten Nationen gerade hier ein Lager errichten wollten, waren die Wasservorräte.

SOS-Kinderdorf wurde gebeten, ein Projekt zu starten, um möglichen psychischen Problemen von Kindern zu begegnen. Und solche Probleme gibt es zuhauf! Die Geschichte der zwölfjährigen Housna ist kein Einzelschicksal. Sie wohnte bis 2004 in einem friedlichen kleinen Dorf, das eines Tages plötzlich von berittenen Rebellen angegriffen und aus der Luft beschossen wurde. Zahlreiche Dorfbewohner wurden getötet, andere ergriffen panikartig die Flucht. So auch Housnas Vater. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Foto: Benno Neeleman
Housna - Foto: Benno Neeleman

Nur einem kleinen Teil der Bewohner des sonst so ruhigen Dörfleins gelang die Flucht. Housna, ihre Mutter, ihre Großmutter und vier ihrer Geschwister erreichten das Lager mehr tot als lebendig. Bereits am Tag ihrer Ankunft starb auch Housnas schwerkranke Mutter. Housna will nicht über die Vergangenheit reden, nur einmal in der Woche mit dem von SOS-Kinderdorf bereit gestellten Psychologen. Und das nur mit Mühe und vor allem unter vielen Tränen. Ich treffe Housna in einer kleinen Schulklasse, gemeinsam mit gut 40 weiteren Schülern. Der Lehrer lobt sie sehr. "Sie mag vor allem Mathematik! Später will sie Ärztin werden, damit sie kranke Menschen heilen kann!"

Das Projekt von SOS-Kinderdorf ist für Kinder wie Housna enorm wichtig. Mittlerweile werden 400 Kinder betreut, 200 von ihnen sind auf ihrer Flucht aus Darfur zu Waisen geworden. Im Zelt nebenan spricht Silvie, eine Psychologin, mit einem Mädchen von höchstens 16 Jahren. Sie möchte sie über ihre mittlerweile vier Jahre zurückliegenden Erfahrungen erzählen lassen. Das Kind bricht in Tränen aus. "Sie müssen aber immer wieder darüber reden", sagt Silvie. "Es ist die einzige Möglichkeit für diese Kinder, dem Erlebten einen Platz zu geben und damit leben zu lernen! Vergessen werden sie es nie!"

Foto: Benno Neeleman
Andere Hilfsorganisationen spenden Spielzeug - Foto: Benno Neeleman
Der nächste Tag ist der Internationale Tag des Kindes. Spiele im Freien, Wettbewerbe, Drachenfliegen und ein Zeichenwettbewerb für die älteren Kinder werden organisiert. Das Siegerbild, von einem Knirps von circa zwölf Jahren gemalt, zeigt ein brennendes Dorf, darüber ein Flugzeug, Rebellen, die ihre Waffen leer schießen, Tanks und fliehende Menschen! "Es ist für die Kinder unendlich wichtig, dass wir hier arbeiten", erzählt Abdelkerim Mahamat, Direktor von SOS-Kinderdorf Tschad.

Was in der Wüste trotz Krieg und Elend immer bleibt, ist der wunderbare nächtliche Sternenhimmel. Ich gehe raus und sehe lange Zeit nach oben.

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