"Die Welt muss diese Kinder endlich hören!" 

Interview mit Helmut Kutin, Präsident von SOS-Kinderdorf, der im April die SOS-Familien in der somalischen Hauptstadt Mogadischu besucht hat. 

In Mogadischu sind die schwersten Kämpfe seit Monaten aufgeflammt. Allein in den vergangenen Wochen wurden zwei SOS-Mitarbeiter getötet, mehrere verletzt. Schon im Dezember waren Mitarbeiter und ihre Kinder ums Leben gekommen. Das SOS-Kinderdorf wurde evakuiert, die SOS-Hermann-Gmeiner-Schule stellte den Unterricht ein. Immerhin: Das SOS-Krankenhaus, das ebenfalls geschlossen worden war, hat den Betrieb wieder aufgenommen, in der Nachbarschaft kommt es aber weiter zu Gefechten. SOS-Kinderdorf-Präsident Helmut Kutin hat sich vor Ort selbst ein Bild gemacht und durch seinen Besuch den Kindern, SOS-Müttern und Mitarbeitern das Gefühl gegeben, dass sie nicht vergessen sind.

Foto: Alexander Gabriel
Helmut Kutin begrüßt am Flughafen von Mogadischu eine SOS-Familie - Foto: A. Gabriel

Herr Kutin, wie waren Ihre ersten Eindrücke, als Sie in Mogadischu angekommen sind?
Unsere einheimischen Mitarbeiter haben mich sofort in ein Auto gesetzt, um mich in eine sichere Gegend zu bringen. Die kurze Fahrt zeigte die Wunden von 17 Jahren ununterbrochener Kampftätigkeit: Alles zerschossen, alles zerstört, verstörte Menschen, verstörte Kinder. Für mich war das einer der deprimierendsten Besuche in meinem ganzen Kinderdorfleben.

Wie geht es den SOS-Kinderdorf-Familien?
Nach einem Granatenangriff musste das Kinderdorf evakuiert werden. Mütter und Kinder wohnen in angemieteten Häusern in einem Stadtteil nahe des Flughafens, der im Moment zu den sichersten der Stadt zählt. Die Notsituation hat sie zusammengeschweißt, der Zusammenhalt ist enorm.

Sie haben die Familien aus dem SOS-Kinderdorf erstmals nicht im Dorf, sondern im Hotel getroffen. Was war das für eine Situation?
Hotel ist übertrieben, es war mehr eine Absteige, aber immerhin sicher. Wächter mit Maschinenpistolen bewachten den Eingang. Es war für mich ein unglaublich emotionaler Moment, den Blicken der Kinder und der Mütter zu begegnen, die all ihre Verletztheit widerspiegelten und gleichzeitig eine große Kraft. Und zu sehen, wie die SOS-Kinderdorf-Idee weitergelebt wird, wenn auch zur Zeit nicht im SOS-Kinderdorf, sondern in angemieteten Häusern in der Stadt Mogadischu.

Foto: Alexander Gabriel
Trotz allem haben sich die Kinder das Lachen bewahrt - Foto: Alexander Gabriel

Stand für SOS-Kinderdorf je zur Debatte, sich völlig aus Somalia zurückzuziehen?
Vor zehn Jahren waren wir nahe daran, das gesamte SOS-Kinderdorf an die Grenze zu Kenia umzusiedeln, haben uns dann aber dagegen entschieden. Aktuell haben die SOS-Mütter und der Dorfleiter, die die Situation besser kennen als wir alle, beschlossen, in Notunterkünften in Mogadischu zu bleiben, bis sie wieder ins Kinderdorf zurückkehren können.

Welchen Einfluss hat die SOS-Kinderdorf-Arbeit in Somalia?
Das SOS-Kinderdorf in Mogadischu hat eine hervorragende Stellung, was die Betreuung von Waisenkindern angeht. Insbesondere das angeschlossene Krankenhaus war von größter Bedeutung, denn es war eines der ganz wenigen, das insbesondere Kindern und Frauen geholfen hat. Das couragierte Eintreten unserer Mitarbeiter hat es ermöglicht, dieses nun wieder zu eröffnen. Täglich werden dort einige hundert Patienten betreut.

Wie kann man unter diesen Bedingungen einen Krankenhausbetrieb aufrechterhalten?
Das geht nur mit großem persönlichem Einsatz. Einer unserer leitenden Ärzte, ein Somali, hat seine Ausbildung in Italien gemacht und seine Praxis in England aufgebaut und vor vier Monaten beschlossen, für ein Jahr in Somalia seinen Landsleuten zu helfen. Er motiviert alle anderen Mitarbeiter. Die Medikamente bekommen wir über tägliche Flüge, die von ECHO [EU Humanitarian Aid] und anderen Organisationen durchgeführt werden.

Foto: Alexander Gabriel
Die Schule musste in ein altes Fabriksgebäude umsiedeln - Foto: A. Gabriel
Die SOS-Schule ist geschlossen, wie findet der Unterricht statt?
Die Kinder werden provisorisch in einer leer stehenden Fabrikhalle unterrichtet, in Klassenzimmern, die wir mit einfachen Brettern abgeteilt haben. Es gibt kaum Fahrmöglichkeiten dorthin, weshalb Lehrer und Kinder zum Teil Wege von zwei bis drei Stunden täglich auf sich nehmen. Es ist unglaublich. Für die Menschen ist dies aber auch ein Zeichen der Hoffnung, es passiert etwas.

Wie wird es in Somalia weitergehen?
Bei meinem Besuch haben die Kinder ein Lied gesungen, das ein 18-jähriger Student komponiert hat, der selbst durch Schüsse schwerstverletzt wurde und nun auf Krücken gestützt den Chor geleitet hat. "Wir möchten keinen Krieg, wir möchten keinen Hunger, aber niemand hört uns“, lautet eine Zeile. Die Welt muss diese Kinder endlich hören, damit etwas passiert!