"Gebt mir mein Leben zurück" 

Die Bilder ähneln sich: Seit Tagen fahren MitarbeiterInnen von SOS-Kinderdorf Haiti und des internationalen SOS-Nothilfeteams durch Port-au-Prince, vorbei an Häuserruinen und Nothilfelagern. Sie versorgen Kinder in den ärmsten Gegenden mit Essen und versuchen, etwas Abwechslung in ihren traurigen Alltag zu bringen. Auch die Geschichten der Kinder und Mütter an diesen Orten ähneln sich. “Unser bescheidenes Leben zerbrach in wenigen Sekunden. Wir hatten nicht viel, aber wir besaßen ein kleines Haus, und wir waren zusammen. Ich möchte die Uhr zurückdrehen, ich möchte mein Leben zurück”, sagt Soraja Beaujour. Das Erdbeben hat ihr alles genommen. Ihr Haus ist zerstört, ihr Mann und ihre älteste Tochter starben. Seither lebt sei mit ihren drei Söhnen auf der Straße.

Foto: Georg Willeit
Foto: Georg Willeit
Schon vor dem Erdbeben waren viele Menschen angewiesen auf Hilfe. Die Menschen erzählen von Armut, wenig Schulbildung, Müttern ohne Ausbildung. Deswegen hatte SOS-Kinderdorf 16 Gemeindezentren aufgebaut, um die Kinder und Familien mit dem Nötigsten zu versorgen.

Dann die Katastrophe. Inzwischen sind 20 neue Zentren dazugekommen. SOS-Kinderdorf besucht sie täglich und versorgt inzwischen über 4.000 Kinder pro Tag mit Essen. Die Not der Menschen hat sich unendlich vergrößert. Fast alle haben ihr weniges Hab und Gut verloren, nahezu alle trauern um nahe Angehörige, die Kinder sind krank und unterernährt.

“Wir schlafen nach wie vor auf der Straße. Jetzt haben wir wenigstens ein Leintuch, um uns zudecken zu können, mehr aber auch nicht”. Soraja ist eine von vielen, die Tag für Tag wartet, bis die Gemeinschaft in ihrem Viertel zusammen kommt und der SOS-Bus vorfährt. Das Essen wird ausgegeben und sofort beginnen die Menschen, gemeinsam zu kochen.

“Das bedeutet für uns mehr als essen, wir kommen zusammen, es bringt Abwechslung und Freude in unseren Alltag. Nach dem Essen spielen die SOS-Kinderdorf-Mitarbeiter mit den Kindern, sie lachen und tanzen. Das gibt uns und den Kindern Kraft und Zuversicht. Wir spüren, dass wir nicht auf der Straße vergessen werden, dass jemand da ist.”

All das haben die Familien, so wie jene von Soraja, auch bitter nötig. Die meisten Kinder husten, haben Würmer und Ekzeme vom Leben auf der Straße. Bei allen Besuchen ist eine Krankenschwester von SOS-Kinderdorf mit dabei, um die nötigste Hilfe geben zu können.

SOS-Kinderdorf will in den nächsten Tagen und Wochen diese Aktivitäten in den ärmsten Vierteln ausweiten, Hilfe direkt zu den Kindern bringen. Es sollen nicht nur Essenspakete verteilt werden, sondern auch die Gemeinschaft, die Kraft zur Selbsthilfe, gestärkt werden. Und: SOS-Kinderdorf kann sicher sein, dass die Lebensmittel wirklich dort ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden. Bei den Kindern.

Soraja sitzt etwas abseits, als ihre Kinder singen und tanzen. Hin und wieder huscht ein Schmunzeln über ihr Gesicht, auch wenn ihre Augen über den Augenblick hinausschauen in eine sorgenvolle Zukunft. Aber diese Momente geben ihr Halt und ein wenig Hoffnung, bevor sie sich mit ihren drei kleinen Söhnen wieder einen Platz zum Schlafen auf der Straße sucht.
Diese Seite drucken
Schriftgröße:
Size 1 Size 2 Size 3