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| Während sich die Lage von Kindern ohne elterliche Fürsorge weltweit allmählich bessert, führen Millionen Kinder nach wie vor eine Existenz am Rande der Gesellschaft - Foto: Sebastian Posingis |
Der Status von Waisenkindern, ihre Überlebens- und Entwicklungschancen sind auch ein Maßstab dafür, wie es um die allgemeinen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in einem Staat und einer Gesellschaft bestellt ist. Generell kann man sagen, dass sich in Teilbereichen und in bestimmten Regionen für Kinder ohne elterliche Betreuung einiges zum Besseren verändert. Zugleich kann aber keineswegs Entwarnung gegeben werden, im Gegenteil. Schon bloße Zahlen erschrecken.
Eine verlässliche Gesamtzahl aller Waisenkinder weltweit gibt es nicht. UNICEF nennt als ungefähren Richtwert 163 Millionen Kinder, die als Waisen gelten. Darunter werden allerdings auch Kinder verstanden, die noch einen Elternteil haben und häufig auch mit diesem leben. In vielen Ländern gibt es überhaupt keine statistischen Erhebungen zu Kindern ohne elterliche Betreuung, was durchaus als Zeichen dafür verstanden werden kann, dass diese Kinder keine oder nur unzureichende Unterstützung bekommen bzw. ihre Existenz verschleiert wird und kein ernsthafter politischer Wille besteht, sich um ihr Wohlergehen zu kümmern.
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| Die Hauptursache, aus der Kinder zu Waisen werden, ist Armut, sei es als direkte oder indirekte Ursache - Foto: D. Sansoni |
Tatsache ist, dass Abermillionen Kinder in aller Welt ohne elterliche Betreuung aufwachsen müssen - ob nun als Voll- oder Halbwaisen oder weil Familien nicht in der Lage sind, sich um ihre Kinder zu kümmern. Ein Blick auf verschiedene Länder in verschiedenen Kontinenten verdeutlicht die unterschiedlichen Gründe für den Verlust der Herkunftsfamilie, welche alternativen Betreuungsformen für Kinder vorhanden oder inexistent sind, welchen gesellschaftlichen Status Kinder ohne elterliche Betreuung genießen oder, besser gesagt, erdulden müssen und in welchem Ausmaß die oftmals kritischen Lebensbedingungen von Waisenkindern und Kindern ohne elterliche Fürsorge die allgemeine Kinderrechtslage im jeweiligen Land widerspiegeln.
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| Millionen von Kindern sind durch HIV/AIDS zu Waisen geworden - Foto: B. Neelemann |
Ursachen für Verwaisung
Länder des südlichen Afrika sind hinsichtlich der Zahl der Kinder ohne elterliche Betreuung und der Vollwaisen im internationalen Vergleich einsame Spitzenreiter. Hauptgrund für diesen traurigen Negativrekord, eng verknüpft mit der weit verbreiteten Armut: HIV/AIDS. Am schlimmsten ist die Situation in Swasiland, wo die Schätzungen für 2010 bei 200.000 liegen - bei einer Bevölkerung von etwas über einer Million. In Sambia hat sich die Zahl der Waisenkinder innerhalb von zehn Jahren verdoppelt und liegt nun bei einer Million Kindern. Auch in Simbabwe müssen sich im Jahr 2010 geschätzte zwei Millionen Kinder ohne ihre Eltern durchs Leben schlagen. Doch auch in anderen Ländern ist HIV/AIDS als Ursache für die Verwaisung von Kindern im Vormarsch, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie in Afrika südlich der Sahara.
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| Bewaffnete Konflikte zerstören mehr Schicksale als durch bloßes Zählen der Todesopfer ausgedrückt werden kann - Foto: R. Fleischanderl |
In Ländern anderer Kontinenten sind die Gründe vielfältiger, dennoch ist in der Mehrheit aller Fälle mittelbar oder unmittelbar Armut und die damit einhergehenden Begleiterscheinungen der ausschlaggebende Faktor. Das bedeutet auch, dass sehr viele Kinder noch mindestens einen Elternteil oder beide Eltern haben. In Sri Lanka beispielsweise sind nur 8% aller Kinder ohne elterliche Betreuung Vollwaisen, was durchaus repräsentativ ist für viele andere Länder. Die "klassischen" Gründe, warum Eltern nicht für ihre Kinder sorgen können, sind innerfamiliäre Konflikte und Scheidung, Drogen- oder Alkoholsucht, Krankheit, Gewalt und Missbrauch, Gesetzeskonflikte, Unfälle, Arbeitslosigkeit. In Ländern wie Sri Lanka und Nepal spielen allerdings zusätzlich gewaltsame Konflikte eine Rolle beim Verlust des familiären Schutzes. So gibt es z.B. in abgelegenen Gebieten in Nepal sogar von Maoisten geführte Waisenhäuser für Kinder von getöteten Rebellen. Für Sri Lanka gibt es keine gesicherten Zahlen, wie viele Kinder im Bürgerkrieg über die Jahre ihre Eltern verloren haben. Bei einzelnen Ländern stechen bestimmte Ursachen für Elternlosigkeit von Kindern bzw. den Verlust der familiären Betreuung besonders ins Auge, sei es Migration aufgrund fehlender Arbeitsmöglichkeiten, häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder sowie die Feminisierung von Armut (z.B. in Nicaragua), ein rapider Anstieg bei Krebserkrankungen und eine signifikant hohe Zahl an Autounfällen wie in der Mongolei, eine massive Zunahme an Gewalttaten wie in Venezuela (13.000 Morde im Jahr 2007) oder die Vernachlässigung der elterlichen Pflichten und Verwahrlosung wie z.B. in Russland, wo geschätzte 700.000 bis eine Million Kinder ohne elterliche Betreuung leben. Dazu kommen noch Naturkatastrophen, die Kinder zu Waisen machen und auffallend oft genau jene Bevölkerungskreise treffen, die bereits am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala ums Überleben kämpfen müssen.
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| SOS-Kinderdorf hat zur Verbesserung der Lebensstandards von Kindern ohne elterliche Fürsorge Wesentliches beigetragen - Foto: SOS-Archiv |
Alternative Betreuung häufig unzureichend
So gut wie alle Staaten der Welt haben die UN-Konvention über die Rechte des Kindes ratifiziert, was sich auch in Gesetzgebungen und staatlichen Initiativen zum Schutz von Kindern niederschlägt. Auch gibt es mittlerweile Empfehlungen und Maßnahmenkataloge wie z.B. die UN-Richtlinien zur alternativen Betreuung von Kindern (an denen SOS-Kinderdorf maßgeblich mitgearbeitet hat), die klare Vorgaben und Standards für eine qualitätsvolle, kindgerechte, die Interessen jedes einzelnen Kindes wahrnehmende alternative Betreuung außerhalb des Herkunftssystems definieren. In der Realität ist die Betreuungspraxis in vielen Bereichen jedoch meilenweit von diesen Empfehlungen entfernt - bis hin zum Extremfall, dass ein Kind überhaupt kein Zuhause und keine Bezugspersonen hat.
Viele Staaten versuchen zwar, ein Minimum an Standards in Betreuungseinrichtungen zu garantieren, allein, es mangelt oft an materiellen und personellen Ressourcen und an den nötigen Mechanismen, um die Betreuungsqualität auch zu kontrollieren. Sehr oft ist die institutionelle Betreuung von Kindern etwa in Heimen und Waisenhäusern nach traditioneller Art die einzige Antwort auf den Verlust der Herkunftsfamilie; familiennahe Modelle (z.B. Pflegeelternschaft, kleine familiennah gestaltete Betreuungseinheiten wie in einem SOS-Kinderdorf, Adoption) sind Einzelphänomene. Auf Grund der schieren Zahl von Waisenkindern vor allem im südlichen Afrika ist die am meisten verbreitete Form der Betreuung im informellen Bereich "geregelt", sprich in der Betreuung innerhalb der erweiterten Familie oder durch Gemeindemitglieder. In sehr vielen Fällen haben aber die Familienverbände (Großeltern, ältere Kinder als Familienvorstand) selbst kaum Mittel, um die Kinder mit dem Notwendigsten zu versorgen. Institutionelle Betreuungseinrichtungen wie Kinderheime vermehren sich in Ländern wie zum Beispiel in Simbabwe zwar rasant, nur mangelt es gravierend an adäquater Infrastruktur, entsprechenden Qualifikationen des pädagogischen Personals und Kinderschutzmaßnahmen. Finanzielle und beratende Unterstützung sowie Qualitätskontrollen vom Staat gibt es oft nur unzureichend oder gar nicht.
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| Wenngleich die Deinstitutionalisierung der Kinderfürsorge in Ländern der ehemaligen Sowjetunion bereits große Fortschritte gemacht hat, ist der Staat nach wie vor der wichtigste Versorger von Kindern ausserhalb der Familie - Foto: SOS Archives |
In Ländern der ehemaligen Sowjetunion, wo Heimbetreuung flächendeckende Norm war und der Staat sich oftmals per se als der bessere Erzieher positionierte, sind mittlerweile Deinstitutionalisierungsprozesse am Laufen (Ablöse großer Institutionen durch klein strukturierte, im Idealfall an Familiensystemen orientierte Betreuungseinheiten). So ist beispielsweise in der Ukraine eine starke Zunahme an Pflegefamilien und familienähnlich gestalteten Betreuungseinrichtungen festzustellen sowie ein intensives Engagement von Seiten des Staates, die rechtliche Situation von Waisenkindern zur Chefsache zu machen. Auf der anderen Seite gibt es keinen Zugang zu Informationen, ob und inwieweit diese Betreuungsformen erfolgreich sind und Qualitätskriterien, wie etwa in den UN-Richtlinien definiert, von staatlichen Stellen kontrolliert werden. In Kasachstan, wo die Obsorge für Kinder ohne elterliche Betreuung größtenteils durch Verwandte übernommen wird (insgesamt rund 47.000 Kinder ohne elterliche Betreuung), stehen immer noch 13.156 Kinder in institutioneller Betreuung nur 932 Kindern in familiennahen Betreuungsformen gegenüber. In Russland wiederum, das eine Vielzahl an verschiedenen, auch familiennahen Betreuungsmodellen aufweist, gab es im Jahr 2008 mehr als 2.000 Institutionen für rund 162.000 Kinder - von Babyhäusern über Internate bis hin zu umstrittenen Militärschulen, die sogar Kinder im Alter von sieben Jahren aufnehmen. Einen verschwindend kleinen Anteil bilden in Russland privat geführte Einrichtungen, der Staat ist neben der Obsorge durch Verwandte nach wie vor der wichtigste Akteur im außerfamiliären Betreuungssektor. Im Schatten der russischen Gesellschaft führen allerdings auch tausende Kinder und Jugendliche ein Leben auf der Straße, ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Kindern auf dieser Welt teilen, auch mit vielen Kindern zum Beispiel in Venezuela.
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| Neben den zahlreichen unmittelbaren und zukünftigen Risiken, denen Waisen ausgesetzt sind, werden sie oft zudem noch stigmatisiert, diskriminiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt - Foto: Georg Willeit |
Extreme Benachteiligung von Waisenkindern
Das exponierte, de facto lebensgefährliche Leben auf der Straße ist die letzte Station eines Kindes, das nicht in seiner Herkunftsfamilie leben kann. Aber auch Kinder ohne biologische Familie, die in irgendeiner Form betreut werden, leben in dem Risiko, weitaus geringere Möglichkeiten für eine gesunde Entwicklung und ein förderliches Umfeld zu haben als ihre Altersgenossen mit Familie. Das Bedrohungsspektrum ist groß und reicht von extremer Benachteiligung (unzureichender Zugang zu Bildung, zu medizinischer Versorgung, zu ausgewogener Ernährung etc.) über gesellschaftliche Stigmatisierung und Marginalisierung bis hin zur Tatsache, dass der Verlust der Familie grundsätzlich ein schweres Trauma darstellt, das einen Menschen ein Leben lang begleitet - und unter Umständen schwer beeinträchtigt, wenn er im Kindesalter keine Hilfestellung bei der Bewältigung erfahren hat. Grundsätzlich muss gesagt werden, dass Waisenkinder nachweislich massive Formen der Diskriminierung erleiden müssen, sei es, dass ihnen das Erbe vorenthalten wird und ihnen z.B. innerhalb der erweiterten Familie leibliche Kinder der Ersatzeltern vorgezogen werden, sei es, dass sie Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch erleiden müssen , dass über ihr Schicksal entschieden wird ohne irgendeine Möglichkeit der Mitsprache, sei es, dass sie beschränkte Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten vorfinden, sei es, dass sie wie im Fall von minderjährigen Mädchen in Nepal früher verheiratet werden, sei es, dass sie mit Erreichen der Volljährigkeit aus der Betreuung entlassen werden und nicht wissen wohin.
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| In vielen Fällen ist das Klischee vom Waisenkind, das zum Scheitern verurteilt ist eine Prophezeiung, die sich selbst erfüllt - Foto: K. Ilievska |
Das Stigma des Verlassenseins
An Waisenkindern haftet der Nimbus des Unglücks, auch wenn viele Menschen für verwaiste und verlassene Kinder tiefes Mitgefühl empfinden und auch den Wunsch, etwas für sie tun. Die Lebensrealitäten vieler Millionen Kinder ohne elterliche Betreuung bleiben davon allerdings unberührt. Die gesellschaftliche Wahrnehmung und Stereotype, dass Waisenkinder es zu nichts bringen und ihr Leben nicht bewältigen werden, wirken sich fatal auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die schwächsten Mitglieder aus. Das kann extreme Formen annehmen wie in Nepal, wo Kindern manchmal die Schuld am Tod der Eltern gegeben wird, oder weniger auffällige wie in der grundsätzlichen Haltung, der Staat müsse sich kümmern.
Mangelnde Hinwendung, inadäquate Fürsorge, Ignoranz und Diskriminierung können auf dramatische Weise das Trauma von Waisenkindern intensivieren und letztlich dafür sorgen, dass sie es wirklich nicht schaffen.