Die dunkle Seite der Kindheit 

Zahlen und Fakten über die Lebensbedingungen von Kindern und einige Antworten 

Kind sein: in der Sandkiste spielen, nach Schmetterlingen jagen, den ganz bestimmt höchsten Baum der Welt ersteigen… Das ist die eine Seite. Die andere: Kinderarbeit, Kindersoldaten, minderjährige Flüchtlinge. SOS-Kinderdorf strebt danach, den in seinen Programmen betreuten Kindern etwas zu geben, von dem Millionen Kinder nur träumen können: eine glückliche Kindheit.
Kinder ohne elterliche Betreuung

Foto: Joris Lugtigheid
Foto: Joris Lugtigheid
Die Fakten: Weltweit haben geschätzte 133 Millionen[1] Kinder zwischen 0 und 17 Jahren einen oder beide Elternteile verloren. Allein durch AIDS sind rund 15 Millionen Kinder zu Waisen geworden, die meisten von ihnen in afrikanischen Ländern südlich der Sahara.

Auch die Zahl der so genannten "Sozialwaisen", also verlassene oder vernachlässigte Kinder, beziehungsweise Kinder, die aufgrund der sozialen Umstände nicht bei ihren Eltern leben können, ist Besorgnis erregend. Allein in den Ländern Mittel- und Osteuropas sowie Zentralasiens leben 1,3 Millionen Kinder in Institutionen der Fremdunterbringung, deren Betreuungsqualität zum Teil sehr verbesserungswürdig ist.

Unsere Antwort: Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder die nicht in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen können, finden im SOS-Kinderdorf ein familiäres Umfeld mit stabilen, verlässlichen Beziehungen. Jedes Kind wird seinen Fähigkeiten gemäß gefördert und unterstützt.

Unter schwierigen Lebensbedingungen und in Krisensituationen sind Eltern häufig damit überfordert, für ihre Kinder angemessen zu sorgen. Vielen fehlt es am Nötigsten, dem Geld für den Arzt oder die Schule, an Kraft, Gesundheit oder Zuversicht für die Zukunft. Mit Familienförderprogrammen unterstützt SOS-Kinderdorf Familien, damit sie sich langfristig selbst erhalten können und eigenständig ihr Leben bewältigen. So ist gesichert, dass Kinder nicht alleine gelassen werden, sondern in ihrer Familie aufwachsen können. In Zusammenarbeit mit den jeweiligen Gemeinden und lokalen Partnern unterstützt SOS-Kinderdorf benachteiligte Familien auf der ganzen Welt.

SOS-Kinderdorf engagiert sich außerdem gemeinsam mit anderen Organisationen für die Entwicklung eines Referenzrahmens - so genannter Qualitätsstandards -, um die außerfamiliäre Betreuungssituation so gut, so sicher und so fürsorglich wie möglich zu gestalten und bestehende Mängel zu beheben.

 

Gewalt gegen Kinder

Foto: Robert Fleischanderl
Foto: Robert Fleischanderl
Die Fakten: Geschätzte 300 Millionen Kinder sind laut UNICEF Opfer von Gewalt, Ausbeutung, Kinderarbeit und Missbrauch. Jedes sechste Kind zwischen 5 und 14 Jahren ist in Kinderarbeit involviert. Rund 70 Millionen Mädchen und Frauen wurden genital verstümmelt und mehr als 60 Millionen Frauen im Alter zwischen 20 und 24 Jahren vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet.

Körperliche Züchtigung als Erziehungsmaßnahme ist immer noch weit verbreitet. Eine Studie von UNICEF ergab, dass in 29 untersuchten Ländern durchschnittlich 86% der Kinder in ihrem Elternhaus körperliche Züchtigung erlebt haben - unabhängig vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status.

Zwei Drittel aller Kinder weltweit leben in jenen 42 Ländern, die von gewalttätigen Konflikten erschüttert werden. Die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten auf Kindern sind schwer zu belegen, da es zu wenige verlässliche und aktuelle Statistiken gibt. Geschätzt wird, dass mehr als fünf Millionen Kinder und Jugendliche als Flüchtlinge leben. Wie viele Kinder als Kindersoldaten ihr Dasein fristen ist nicht bekannt, fest steht aber, dass allein 1998 100.000 Kinder demobilisiert wurden und versucht wurde, sie in die Gesellschaft zu reintegrieren.

Unsere Antwort: Kinder, die in einem SOS-Kinderdorf aufgenommen werden, haben häufig traumatische, oft von Gewalt geprägte Lebenserfahrungen hinter sich. Liebevolle, verlässliche Beziehungen, wie sie das SOS-Kinderdorf bietet, beinhalten die Chance, dass diese Wunden heilen können.

Durch die Familienförderprogramme, das zweite, sozusagen präventive Standbein, wird versucht Krisen in den Familien abzufangen. Ziel ist, die Familien zu stärken und zu stabilisieren, sodass sie ihr Leben wieder eigenständig bewältigen und gut für ihre Kinder sorgen können.

Alle Kinder sind SOS-Kinderdorf ein Anliegen. Ausgangspunkt und Ziel der SOS-Kinderdorf-Arbeit ist es, die Kinder zu schützen, ihre Rechte zu respektieren, zu fördern und sich für diese Rechte stark zu machen. Kindern in Gremien eine Stimme zu geben und nachdrücklich Forderungen aufzustellen, damit Kinder bessere Lebensbedingungen vorfinden, ist ein Weg, um Kindern zu ihrem Recht zu verhelfen. Ein anderer Weg ist, ihnen selbst Instrumente in die Hand zu geben, damit sie nicht nur als "Opfer" begriffen werden, die auf Erwachsenenhilfe angewiesen sind, sondern damit sie sich selbst als soziale Akteure erleben, die ein Mitspracherecht haben, die Grenzen setzen dürfen und Hilfe einfordern können. Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung innerhalb und außerhalb von SOS-Kinderdorf sowie die Bildung von einem Sicherheitsnetz für Kinder bilden dazu wichtige Komponenten.

 

Bildung

Foto: Robert Fleischanderl
Foto: Robert Fleischanderl
Die Fakten: Weltweit besuchen rund 86% aller Kinder im Grundschulalter die Schule. Dennoch waren es allein im Jahr 2006 geschätzte 101 Millionen Kinder, die keinen Grundschulunterricht besuchten, viele davon in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara sowie in Südasien. Die gute Nachricht: Der Prozentsatz von Mädchen und Buben in der Grundschule ist mittlerweile annähernd gleich. In Lateinamerika sowie im östlichen und südlichen Afrika finden sich mittlerweile sogar mehr Mädchen als Buben in der Grundschule.

Nur 60 Prozent der Kinder im Hauptschulalter besuchen auch eine Haupt- oder Sekundarschule. Die restlichen 40 Prozent besuchen entweder eine Grundschule oder gar keine Schule.

Unsere Antwort: SOS-Kinderdorf unterstützt Kinder bei ihrer Ausbildung, und zwar sowohl jene, die in SOS-Kinderdörfern aufwachsen, als auch jene, die an einem Familienstärkungsprogramm teilnehmen oder in von SOS-Kinderdorf-Programmen erfassten Gemeinden leben und in Not geraten sind. Das kann bedeuten, dass man ihnen den Zugang zu Bildung ermöglicht, indem man ihnen und ihren Familien beim Schulgeld, den Schulmaterialien und der Schuluniform finanziell unter die Arme greift. In anderen Fällen, wo es keine schulischen Einrichtungen gibt, betreibt SOS-Kinderdorf Kindergärten, Primär- und Sekundärschulen sowie Berufsbildungszentren. Alle SOS-Hermann-Gmeiner-Schulen – die oft im jeweiligen Land Vorzeigestatus genießen – sind staatlich anerkannt und unterrichten nach dem Lehrplan des Landes.

 

Gesundheit

Foto: Benno Neeleman
Foto: Benno Neeleman
Die Fakten: Jeden Tag sterben ungefähr 26.000 Kinder unter fünf Jahren, mehr als ein Drittel bei oder unmittelbar nach der Geburt. Diese Zahl ist seit mehreren Jahren unverändert. Kleinkinder sind am meisten von unzureichenden hygienischen Bedingungen gefährdet, wie zum Beispiel ungenügender Zugang zu sauberem Trinkwasser und ungenügende sanitäre Einrichtungen.

Unsere Antwort: In strukturschwachen Gebieten errichten wir bei Bedarf im Einzugsbereich von SOS-Kinderdörfern medizinische Zentren, die vorwiegend auf die Versorgung von Kindern und Frauen spezialisiert sind. Diese Zentren bieten je nach Erfordernissen Grundversorgung durch Impfaktionen, Geburtsstationen, begleitende Beratung zu Hygiene, Ernährung und Erste Hilfe, Aufklärung über und Prävention von HIV/AIDS sowie psychosoziale Dienste. Ein anderer Aspekt ist die psychische, soziale und seelische Gesundheit bzw. heiltherapeutische Begleitung von Kindern und Jugendlichen, die in SOS-Kinderdorf-Einrichtungen leben.

 

HIV/AIDS

Foto: SOS-Archiv
Foto: SOS-Archiv
Die Fakten: Im Jahre 2007 lebten circa zwei Millionen Kinder unter 15 Jahren mit dem HI-Virus, die meisten von ihnen in afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Hier ist HIV/AIDS zum bestimmenden Faktor für familiäre Strukturen geworden und einer der Hauptgründe für die extreme Zunahme an Halb- und Vollwaisen bzw. unzureichend betreuten Kindern.

Rund 420.000 Kinder wurden allein im Jahr 2007 infiziert, in der Regel durch ihre HIV-positive Mutter während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Untersuchungen in einigen asiatischen Ländern ergaben, dass das mit HIV/AIDS verbundene Stigma und die damit einhergehende Diskriminierung Kinder von grundlegenden sozialen Leistungen fernhält oder dazu führt, dass Kinder weggegeben und in Einrichtungen untergebracht werden.

Unsere Antwort: In den von SOS-Kinderdorf betriebenen Familienförderprogrammen im südlichen Afrika und auch in den medizinischen Zentren in dieser Region spielt die Auseinandersetzung mit der Immunschwächekrankheit eine zentrale Rolle. Aber auch in anderen Regionen setzt SOS-Kinderdorf auf Aufklärung, Enttabuisierung und Prävention.

In der Familienarbeit setzt sich SOS-Kinderdorf speziell für Kinder ein, die nach dem Tod beider Elternteile die Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen, sowie für Mütter. Denn Frauen sind wie in so vielen Lebensbereichen auch beim Thema HIV/AIDS benachteiligt. Ihre Infizierungsraten liegen deutlich über jenen der Männer und die Aufklärung ist in vielen Regionen alles andere als ausreichend. In allen SOS-Kinderdorf-Programmen werden Betroffene über die Risiken und Ursachen von AIDS umfassend informiert und aufgeklärt. In den SOS-medizinischen Einrichtungen erhalten betroffene Familien zusätzlich HIV/AIDS-Beratung, kostenlose Tests sowie antiretrovirale Therapie.

In Afrika unterstützen die Mitarbeiter/innen von SOS-Kinderdorf unter anderem in rund 60 Sozial- und Medizinzentren fast 40.000 von HIV/AIDS direkt und indirekt betroffene Kinder und Familien. Ein Großteil der Programme wird südlich der Sahara durchgeführt.


Kinder mit Behinderung

Foto: Katja Snozzi
Foto: Katja Snozzi
Die Fakten: Der Prozentsatz von Kindern mit Behinderung variiert von Land zu Land: Er reicht von 2% in Usbekistan bis 35% in Djibuti. Ursachen für diese extreme Schwankung sind Unterschiede in der Qualität der Ernährung und der medizinischen Betreuung von Kindern, in der Häufigkeit von Unfällen oder der gewalttätigen Übergriffe in Krisenregionen oder wie stark Kinder Umweltrisiken ausgesetzt sind. Rund die Hälfte aller Behinderungen könnten vermieden werden.

Unsere Antwort: SOS-Kinderdorf hat immer schon in seinen Programmen auch Kinder mit Behinderung betreut und fördert sie nach besten Kräften. Auch wenn vor allem in Ländern des Südens in der Vergangenheit Einrichtungen speziell für behinderte Kinder eingerichtet wurden, so verfolgt SOS-Kinderdorf heute einen integrativen Ansatz: SOS-Kinderdorf wird in Zukunft keine spezialisierten Behinderteneinrichtungen anbieten, sondern jene behinderten Kinder, die Teil der Zielgruppe von SOS-Kinderdorf sind, sollen in einer Familie leben können, die ihre Entwicklung bestmöglich unterstützen kann. Ein klarer Fokus richtet sich deshalb auf die Stärkung der Kapazitäten der Familien.

SOS-Kinderdorf ist aktiv darum bemüht, dass die Stigmatisierung dieser oft vielfach diskriminierten jungen Menschen ein Ende findet. Damit die Lebensbedingungen für behinderte Kinder verbessert werden, baut SOS-Kinderdorf ein Netzwerk mit gleichgesinnten Organisationen und Service-Einrichtungen auf. Auch Kinder mit Behinderung sind ernst zu nehmende Partner, wenn es um die Verwirklichung ihrer Rechte geht. 



[1] Diese und alle weiteren Zahlen in diesem Text stammen (wenn nicht anders angegeben) aus: Facts on Children, http://www.unicef.org/media/media_fastfacts.html