Wie wirken sich die gesellschaftspolitischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte auf das Leben unserer Kinder aus? Welchen Einfluss haben Globalisierung, Individualisierung sowie veränderte Familienbegriffe, -bilder und -strukturen auf die Lebenswelt von Kindern? Was kann angesichts der tiefgreifenden Änderungen der gesellschaftlichen Umstände präventiv getan werden, um Kindern bessere Möglichkeiten für ihr Leben zu bieten? Auf diese zweifellos bedeutsamen Fragen überzeugende Antworten zu finden, stellt allerdings eine außergewöhnliche intellektuelle und analytische Herausforderung dar.
Begriffe wie "Globalisierung" oder "Individualisierung" sind zu Metaphern für tiefgreifende historische Umwälzungen geworden, die häufig kaum verstanden werden. Anders gesagt: Diese Metaphern ersetzen oft das Bemühen um ein historisches Verständnis und eine ernsthafte Analyse dieser Veränderungen. Ihre Schwäche wird besonders deutlich, wenn wir versuchen, mit diesen Begriffen die gegenwärtigen und zukünftigen Lebensbedingungen von Kindern sowohl in den industrialisierten als auch in den sich entwickelnden Ländern zu erfassen.

Foto: C. Martinelli
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"Kinder": Eine eigene Klasse - von den Erwachsenen abgekoppelt?
Traditionell betrachtet fällt es schwer, Kinder isoliert von den Eltern und dem Familienkreis, in den sie hineingeboren wurden, zu sehen. Doch in den letzten Jahrzehnten scheinen Kinder zu einer separaten und spezifischen sozialen Klasse geworden zu sein. Auf wissenschaftlicher Ebene wurde und wird ein Diskurs geführt, der sich exklusiv mit dem Thema "Kinder" beschäftigt. Neue Gebiete wie "Kindheitsgeschichte", "Kindersoziologie" oder "Kinderrechte" entwickelten sich. In der Sozialpolitik richten sich klar definierte Bemühungen in der Sozialhilfe, in Ausbildungsfragen oder im Jugendrecht spezifisch auf die Kinder. Insbesondere in den Industrieländern gilt der Ausbildungsgrad der Kinder und Jugendlichen als wesentlicher Faktor für die nationale Volkswirtschaft und die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Die Anzahl der Kinder und ihr Ausbildungsgrad werden als entscheidende Faktoren für einen erfolgreichen Arbeitsmarkt der Zukunft gesehen und als Voraussetzung für die Versorgung einer anwachsenden älteren Generation, wenn diese aus dem Arbeitsmarkt ausscheidet.
Zunehmende Scheidungsraten und eine steigenden Zahl allein erziehender Eltern in den entwickelten und post-industriellen Gesellschaften befördern ihrerseits, dass die Kinder heute eine eigene soziale Klasse bilden. Diesem Trend entsprechen in der industrialisierten als auch in der Dritten Welt die Bemühungen zahlreicher öffentlicher, nationaler und internationaler, privater, Nonprofit- und karitativer Organisationen speziell zum Wohl der Kinder und die Entwicklung von Strategien, die verbesserte Lebensbedingungen in einer Welt von Armut, Hunger, Krankheit und Mangel an lebensnotwendigen Dingen herbeiführen sollen.
Gefährdete Kinder wie Straßenkinder, Kinder, die als Soldaten missbraucht werden oder Kinderhandel, Prostitution und Kinderarbeit zum Opfer fallen, sind zu spezifischen Zielgruppen der organisierten sozialen Wohlfahrt geworden. Gleichzeitig erleben wir einen sich rasant ausweitenden Güter- und Dienstleistungsmarkt, der sich speziell an Kinder richtet. Vor zwei Jahren berichtete die Zeitschrift "The Economist", dass allein in den USA der Markt für Kinder- und Jugendprodukte ein Volumen von 155 Milliarden Dollar umfasst.
Was hat das alles zu bedeuten? Handelt es sich um eine rein konzeptuelle Entwicklung, in der Kinder aus dem sozialen Gefüge des familiären Netzwerks hinausgetrieben und abgekoppelt von den Erwachsenen in eine eigene Klasse eingegliedert werden? Oder sind es tatsächliche Verschiebungen in den heutigen Gesellschaften, die zur Entstehung einer "Kinderklasse" geführt und entsprechende Reflexionen im wissenschaftlichen, sozialpolitischen, karitativen und wirtschaftspolitischen Diskurs, Maßnahmen und Strategien hervorgerufen haben? Ist es wahr, dass die Kinder in zunehmendem Ausmaß von den sozialen Bindungen und Verantwortlichkeiten der Erwachsenen abgekoppelt werden? Alle Indikatoren weisen auf die fortschreitende Bildung einer eigenen und getrennten sozialen Klasse der Kinder hin.

Foto: B. Neeleman
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Implikationen für die Zukunft
Die Abgrenzung zwischen Kindern und Erwachsenen ist unscharf geworden. In der industrialisierten Welt spricht man zunehmend vom "Aufstieg des 'zum Erwachsenen gemachten' Kindes ('adultified' child) und dem 'zum Kinde gemachten' Erwachsenen ('childified' adult)"1 Der allgemeine Trend entwickelt sich in Richtung einer Auflösung der traditionellen familiären, sozialen und generationenübergreifenden Bande, die den Kindern bisher ein Netzwerk und Sicherheit garantierten. Die Gründe für diese bedrohliche Tendenz sind vielfältig.
In den sich entwickelnden Ländern und in den ärmeren Schichten der Industrieländer fehlen den Eltern bzw. Familien die Mittel, sich angemessen um ihre Kinder zu kümmern. Armut, Krankheit und Mittellosigkeit von Kindern in Drittweltländern sind in der Regel eine Fortsetzung der Lebensbedingungen der Eltern und Familienangehörigen dieser Kinder. Dieser soziale Mechanismus unterscheidet sich kaum von jenem in den Gesellschaften der nördlichen Hemisphäre.
Andere Gründe für die Entstehung einer eigenen Kinderklasse in unserer Gesellschaft sind auf die veränderten Familienstrukturen und den daraus resultierenden höheren Scheidungsraten oder Partnerwechsel zurückzuführen. Die Erwachsenen tendieren heute zu Entscheidungen, die mehr ihrem eigenen Interesse entsprechen und weniger auf das Wohlergehen ihrer Kinder gerichtet sind.
Entgegen des von der Politik häufig verkündeten Slogans, dass "Kinder unsere Zukunft" sind, ist eine weitverbreitete Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber den Kindern zu beobachten. Die wirtschaftlichen Marktinteressen an Kindern tragen zur Lockerung der familiären Bande bei. Eine vermarktete und materielle Kinder- und Jugendkultur trennt und isoliert die jungen von den älteren Generationen.
Sicherlich gab es immer schon das Bedürfnis der heranwachsenden Generation, sich von ihren Altvorderen zu unterscheiden, aber heute wird diese Unterscheidung von mächtigen wirtschaftlichen Interessen gelenkt, die mit immer subtileren Methoden und steigendem Erfolg auf eine Ausweitung des Kinder- und Jugendmarktes setzen. Über Modetrends, Vorbilder und Produkte verbreiten sich diese Kinder- und Jugendmärkte mit großer Geschwindigkeit auf der ganzen Welt.
Gleichzeitig ist ein neuer und profitabler Bildungsmarkt für Kinder entstanden. Überall - insbesondere in den Industrieländern - zielt die Bildungspolitik auf die Maximierung des Humankapitals von Kindern ab, als Vorbereitung für deren zukünftigen Eintritt in den Arbeitsmarkt. Die Ausbildung wird zu einem großen Geschäft. Insbesondere in den USA steigen Wirtschaftsunternehmen in den geschäftsträchtigen Bildungsbereich ein.
Dies sind nur einige Gründe, die zur Entstehung einer eigenen Klasse von Kindern und Jugendlichen beigetragen haben. Zur eigenen, abgetrennten Klasse gemacht, erhöhen sich ihre Verwundbarkeit und der besondere Bedarf an sozialer Intervention. Die Kräfte, die die Kinder aus ihrem traditionellen sozialen Gefüge hinaustreiben, müssen erkannt und entsprechende Gegenmaßnahmen getroffen werden.
Bilder von Kindern und Kindheit im Wettstreit
Die Entwicklung einer sich aus dem schützenden Netzwerk von Familie und Gesellschaft herauslösenden Kinderklasse ist bei weitem nicht beendet. Ihre Entwicklung wurde bisher verkannt, weil in unserer Gesellschaft gleichzeitig verschiedene Bilder von Kindern existieren. Da gibt es dass Bild des "unschuldigen Kindes", welches Schutz braucht; das Bild des mit Menschenrechten ausgestatteten Kindes; des "bösen Kindes", welches als bedrohlich gilt; dann das des Kindes als mächtiger Konsument und Marktfaktor; und das des armen Kindes, dem alle Mittel für Überleben und persönliche Entwicklung fehlen; und schließlich das Bild jener Kinder, die die nächste Generation auf dem Arbeitsmarkt sein werden und die Verantwortung für die jüngeren und älteren Generationen zu übernehmen haben.
Diese unterschiedlichen Bilder, Vorstellungen und Erwartungen bestimmen die Handlungen und Maßnahmen der Eltern, der erwachsenen Generationen und der Politiker. In anderen Worten heißt dies, dass viele dieser widersprüchlichen Trends, die Kinder, ihre Kindheit und ihr Leben betreffend, häufig zu mehr sozialen Dissonanzen und Konflikten führen werden.

Foto: K. Ilievska
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Präventive Maßnahmen?
Neben der Aufrechterhaltung von Hilfeleistungen an Kindern durch freiwillige Einrichtungen und Organisationen, ist es ebenfalls wesentlich, einen Schritt zurückzugehen und die größeren sozialen, historischen und wirtschaftlichen Triebkräfte, die das Leben der Kinder zunehmend angreifbarer und schutzloser machen, verstehen zu lernen. Jeder, der an Kindern und deren Wohlergehen interessiert ist, muss sich bemühen, die Ursachen zu analysieren, die Kinder aus dem für ihr Wohlergehen und ihre Entwicklung so wichtigen geschützten familiären, generationsübergreifenden und sozialen Umfeld hinausgetrieben haben.
Wenn wir uns mit diesen grundlegenden Realitäten nicht auseinandersetzen, werden unsere Bemühungen, gefährdeten Kindern zu helfen, lediglich symptomatischer Natur bleiben. Prävention muss von der Analyse und Erkenntnis der Ursachen ausgehen, um den Auswirkungen der sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen auf die Kinder angemessen begegnen zu können.
Univ. Prof. Dr. Gertrud Lenzer
Professorin für Soziologie, Vorstand des Zentrums für Kinderstudien (Children's Studies Program and Center) am Brooklyn College sowie Professorin für Soziologie am Graduiertenzentrum der City University New York; Gründungsvorsitzende der Sektion Kindersoziologie der amerikanischen Soziologenvereinigung (American Sociological Association), Begründerin der Kinderstudien (Children's Studies), Vorstandsmitglied des Nationalen Komitees gegen Kinderarbeit. Veröffentlichungen im Bereich der Entstehungsgeschichte von Ideen und der Sozialtheorie, für die UN-Konvention zum Thema "Recht des Kindes" in den Bereichen "Kinderrecht" und "Kinderstudien". 1997 erhielt sie den Lewis Hine Preis für ihre beispielgebenden Dienste im Interesse von Kindern und Jugendlichen.