
Dazugehören, angenommen sein, ein Zuhause haben (Kandalaksha, Russland) - Foto: SOS-Archiv
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"Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann ich mich das erste Mal bei meiner Pflegefamilie gut gefühlt habe. Vielleicht als ich gebadet habe. Sauberkeit ist sehr wichtig für mich. Weißt du, um 19:30 Uhr ins Bett gebracht zu werden, vielleicht in ein Handtuch eingewickelt getragen zu werden, Früchte in einer Schüssel zu haben, Mahlzeiten immer zur gleichen Zeit, alle Dinge strukturiert. Sogar Kleinigkeiten sind so wichtig."
So erzählt ein Mädchen aus Irland rückblickend über die Anfangszeit in ihrer Pflegefamilie. In das Quality4Children-Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, Standards in der Fremdunterbringung in Europa zu erarbeiten, sind die Erfahrungen des irischen Mädchen ebenso eingeflossen wie jene von leiblichen Eltern und Pflegeeltern, Sozialarbeiter(inne)n, Behördenvertreter(inne)n, Jugendbetreuer(inne)n,
Forscher(inne)n, usw.
332 Geschichten aus 26 Ländern wurden für die Qualitätsstandards gesammelt und ausgewertet; die Hälfte der Geschichten kommt von Kindern und jungen Erwachsenen, die fremd untergebracht sind oder waren. Fremdunterbringung an sich ist ein Schreckenswort, wir assoziieren Nicht-Familie, Abschied, Unbekanntes, Neuland. Tatsächlich ist das die Lebenswirklichkeit von rund zwei Millionen Kindern und Jugendlichen in Europa.
Für sie haben sich SOS-Kinderdorf, IFCO und FICE* zusammengetan, um durch einen geeigneten Referenzrahmen ihre außerfamiliäre Betreuungssituation so gut, so sicher, so fürsorglich wie möglich zu gestalten und bestehende Mängel zu beheben. Werner Hilweg, einer der Projektverantwortlichen von SOS-Kinderdorf, spricht von einem deutlichen "Qualitätsgefälle in Europa von West nach Ost und von Nord nach Süd, aber auch dort, wo vermeintlich alles zum Besten steht, ist genug Handlungsbedarf."

Kleinigkeiten haben oft eine große Bedeutung… - Foto: SOS-Archiv
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Im besten Fall wird die Fremdunterbringung zu einem neuen Zuhause, vor allem dann, wenn eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie nicht möglich ist. Im schlechtesten Fall wird die Fremdunterbringung zur Fremdbestimmung und neuerlichen Traumatisierung.
Was also braucht es, damit ein radikal anderes Umfeld mit der Zeit ein vertrautes wird? Wann wird dieser neue Platz für das Kind Lebensmittelpunkt und verlässliches Bezugssystem? Regina Wintersperger, Sozialpädagogin in einem österreichischen SOS-Kinderdorf, meint, wenn "ein Kind bewusst erlebt und gespürt hat, wie sehr es um seiner selbst willen geliebt wird, und wenn es seinen Platz im neuen System hat." Entscheidend für das Kind ist, dass es sich als zugehörig erlebt und angenommen.
Genau das kam in den meisten der für Quality4Children zusammengetragenen Geschichten der Kinder und Jugendlichen zum Ausdruck. Die Standards, die nun vorliegen, sollen Handlungsanleitung und Stütze für alle Beteiligten in der Fremdunterbringung sein. Das betrifft die Herkunftsfamilie gleichermaßen wie stellvertretende Eltern, Betreuungseinrichtungen und involvierte Behörden.
Dabei geht es vor allem um Mitbestimmung, Transparenz, Achtung. Dies sind die Schlüssel zu den verschiedenen Türen im neuen Haus, seien es Adoptiv- oder Pflegeeltern, eine SOS-Kinderdorf-Familie, eine Mädchenwohngemeinschaft, ein Heim. Aus dem Bewusstsein, dass jedes Kind seine speziellen Bedürfnisse hat, seine besondere Geschichte und eine individuelle Wirklichkeit, wird klar, dass es nicht eine richtige Antwort geben kann.
Wir fordern zwar gleiche Rechte für alle Kinder, aber nicht alle Kinder brauchen das Gleiche, besonders dann nicht, wenn es um so schwerwiegende Fragen geht wie: Wo werde ich untergebracht? Wer kümmert sich um mich? Was geschieht mit mir? Es gibt vielfältige Angebote und Modelle in der außerfamiliären Betreuung, von denen keines per se schlechter oder besser sein muss, so Nigel Cantwell, UNICEF-Berater in Kinderschutzfragen. Vorausgesetzt, die Betreuungsqualität passt.
Quality4Children legt 18 Standards vor, deren Gliederung den drei Betreuungsphasen folgt. Es beginnt mit der Entscheidung, ein Kind fremd unterzubringen, und der Aufnahme in eine neue Betreuung.

Gemeinsam mit Geschwistern aufwachsen gehört zum Wichtigsten für Kinder - Foto: A. Meier
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Herkunft und Ankunft
Alle Entscheidungen müssen dem Wohl des Kindes dienen. Der tiefgreifende Beschluss, ein Kind aus seiner leiblichen Familie herauszunehmen, muss deswegen sehr sorgfältig gefasst werden. Es muss eine für das Kind bestmögliche Lösung gesucht werden und das Kind sowie die Herkunftsfamilie müssen in alle Schritte eingebunden sein. Das Kind soll, so möglich, über seine zukünftige Unterbringung mitentscheiden und es darf nie im Unklaren darüber gelassen werden, was mit ihm geschieht. Dazu braucht es offene Kommunikation, das heißt, die Erwachsenen müssen mit dem Kind eine Sprache sprechen, die es versteht, und das Kind muss gehört und ernst genommen werden.
Insgesamt soll dieser Übergangsprozess - Verlassen der leiblichen Familie und Ankunft im neuen Zuhause - so behutsam wie möglich gestaltet werden. Das heißt zum Beispiel, dass das Kind, noch bevor es endgültig in einer Pflegefamilie aufgenommen wird, diese bei regelmäßigen Besuchen allmählich kennenlernt. Eine Betreuerin aus Malta führte im Quality4Children-Projekt einen Fall an, wo die Aufnahme von Geschwistern bei ihren stellvertretenden Eltern sechs Monate lang vorbereitet wurde, dann "fühlten sich alle für diesen Schritt bereit".
In den Standards wird auch deutlich, dass es keine Standardantworten gibt. So sollte bei den meisten Geschwistern sicher gestellt sein, dass sie gemeinsam untergebracht werden. Dennoch kann es vorkommen, dass es für ein Kind besser ist, nicht mit einem Geschwister zusammenzuleben. In diesem Fall sollte aber der Kontakt zwischen ihnen aufrecht erhalten bleiben, wenn es dem Wohl des Kindes dient. Ganz besonders gilt dies für die leiblichen Eltern. Ihnen kommt im Betreuungsprozess eine tragende Rolle zu, ihre Beteiligung, Mitsprache und Position muss genauso respektiert und geregelt werden wie die des Kindes.

Ob SOS-Mutter, Pflegemutter oder andere Betreuungspersonen, stabile Beziehungen sind das A und O - Foto: F. Einkemmer
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Wurzeln und neue Bindungen
Für die Kinder ist und bleibt die Herkunftsfamilie der Ort, dem sie innerlich verbunden bleiben. Werden die leiblichen Eltern von anderen negiert, beschuldigt, übergangen, wird ein Kontakt unterbunden, wo das Kind ihn sucht, dann erlebt das Kind dies als direkte Verletzung seiner eigenen Person. Seine Herkunft muss geachtet werden, damit es seinen neuen Platz annehmen kann. Jeder hat seinen besonderen Stellenwert - leibliche Eltern, Kinder, stellvertretende Eltern/Betreuungspersonen, und alle Beteiligten brauchen darüber Klarheit, welcher Platz ihnen jeweils zusteht.
Den Eltern ist, so Pädagogin Wintersperger, "die oft schmerzliche Erkenntnis zuzumuten, dass die Fremdunterbringung zum Wohle ihrer Kinder erfolgt. Diese Form von Klarheit bedeutet für die Kinder Entlastung."
"Ich habe schreckliche Angst gehabt, meine Kinder zu verlieren […].Doch ich habe sofort gespürt, dass ich für das Heim eine wichtige Person geblieben bin. Ich wurde in allem, was mit den Kindern geschehen ist, einbezogen. Ich spürte mich als Teil des Ganzen […]", erzählt eine Mutter aus Luxemburg.
Ob und in welchem Ausmaß Elternbesuche für das Kind förderlich sind, muss im Einzelfall beurteilt werden, wichtig ist, "dass ein Kind sich nicht abgeschnitten fühlt von seinen Wurzeln", so Wintersperger.
"Der Junge wurde mit seinen zwei Brüdern und seinen zwei Schwestern dem SOS-Kinderdorf anvertraut. Die Geschwister konnten alle gemeinsam in einem Haus, in einer neuen Familie mit der SOS-Kinderdorf-Mutter und zwei weiteren Kindern leben. Er wuchs im Dorf in Ruhe auf und hielt die Bindung mit seinem Vater aufrecht, der die Kinder regelmäßig traf."
Stabile Beziehungen, der Kontakt mit der Herkunftsfamilie, qualifizierte Betreuer(innen), Verständnis, Respekt und Förderung, das Kind als Experte seines eigenen Lebens, ein gesundes Umfeld, Bildung, Leben mit der Nachbarschaft bzw. Gemeinde und adäquate Betreuung für Kinder mit speziellen Bedürfnissen sind die wichtigsten Aspekte in der Betreuungszeit, die schließlich in die Verselbständigung mündet.

Mitbestimmen bei der eigenen Zukunftsgestaltung (Jugendliche aus Dornbirn/Österreich) - Foto: SOS-Archiv
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Bindung und Loslassen
Im dritten Kapitel der Qualitätsstandards dreht sich alles um die Umbruchsphase der allmählichen Verselbständigung, wobei dies der Umzug in eine Jugendeinrichtung, die Rückkehr in die Herkunftsfamilie oder eine unabhängige Lebensführung sein kann. Diese Phase ist insofern kritisch, als sie einen neuerlichen Abschied bedeutet und zugleich einen Neuanfang.
Können die jungen Erwachsenen aktiv mitbestimmen, was ihre aktuelle Situation und ihre Zukunft betrifft, wird offen kommuniziert und geplant? Das sind die wichtigsten Indikatoren in diesem Lebensabschnitt der Kinder/jungen Erwachsenen.
Schon vor der Aufnahme in ein neues Zuhause ist die Zukunft des Kindes mitgedacht. Deshalb ist es so entscheidend, dass Kinder gefördert, gestärkt und auch selbstverantwortlich erzogen werden, dass sie soziale Fähigkeiten und sich selbst wertschätzen lernen. In der Verselbständigung schließt sich der Kreis der Fremdunterbringung, oft nicht reibungslos, oft angstbesetzt, aber wenn die Betreuung gelungen ist, dann wird die "Trennung" nicht als schwere Beeinträchtigung erfahren, sondern als eine Veränderung, die alle Möglichkeiten bietet.
Das Verlassen der Fremdunterbringung sollte aber kein "point of no return" sein, sondern der junge Erwachsene bekommt weiterhin Hilfe und Unterstützung, wenn er/sie es braucht, kann Kontakt halten und bleibt eingebunden in ein verlässliches Beziehungsnetz.
"Es klingelt an der Tür […], ich öffne, und da steht mein Sozialarbeiter mit den Händen voller Essen und er fragt: "Möchtest du mit mir essen?" Es ist genau das, was ich gebraucht habe. […] Er ist vorbeikommen und blieb eine Zeit lang, ganz alleine für mich - es war ein schöner Abend und ich habe in dieser Nacht gut geschlafen."
*IFCO (International Foster Care Organisation), FICE (Fédération Internationale des Communautés Educatives)