
In sicheren Armen (Nongkhai, Thailand) - Foto: R. Fleischanderl
|
Mit aktuellen Fragen rund um das Thema "Berufsbild SOS-Kinderdorf-Mutter" beschäftigte sich vom 19. bis 23. März 2007 eine internationale Gruppe von SOS-Kinderdorf-Mitarbeiter(inne)n, die im Bereich Auswahl, Ausbildung und Begleitung von SOS-Kinderdorf-Müttern tätig sind. Zu den Themen Aufgaben- und Kompetenzprofil, Curriculum-Entwicklung und externe Anerkennung des Berufsbildes wurde entwickelt, diskutiert und ein über alle Kontinente und Kulturen gemeinsames Verständnis erarbeitet.

Oft kommen Kinder als Babys ins SOS-Kinderdorf (Sarajevo, Bosnien und Herzegowina) - Foto: S. Gubelic
|
Wie wird man eine Familie?
Zum ersten Mal in der Geschichte der Organisation hat eine internationale Gruppe das Aufgabenprofil der SOS-Kinderdorf-Mutter gemeinsam erarbeitet. Das Kind mit seinen individuellen Bedürfnissen und seinen Rechten steht im Mittelpunkt der Arbeit jeder SOS-Kinderdorf-Mutter, darüber gab es keinen Zweifel. Die Hauptaufgabe der Kinderdorfmutter ist die Entwicklung der SOS-Kinderdorf-Familie - keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass Kinder mit ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten und oft sehr schmerzlichen Vorerfahrungen zusammen kommen und gemeinsam mit ihrer SOS-Kinderdorf-Mutter zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen sollen.
Wesentliches Element der Entwicklung der SOS-Kinderdorf-Familie ist, dass die Kinderdorfmutter jedem einzelnen Kind eine beständige Beziehung anbietet und es mit seinen individuellen Stärken und Schwächen sowie seiner besonderen Geschichte wahrnimmt und fördert. Das beinhaltet auch - neben vielem anderem - die Vergangenheit der Kinder zu bearbeiten und den Kontakt mit der biologischen Familie zu pflegen.

Die Vergangenheit der Kinder in die neue Familiensituation integrieren, ist eine Herausforderung - Foto: C. Mathisse
|
Theorie allein ist zu wenig
Um diese Aufgaben bewältigen zu können, braucht jede Frau spezifische Kompetenzen in unterschiedlichen Bereichen. Die Teilnehmer(innen) der Tagung definieren diese Bereiche mit "Haltung", "theoretisches Wissen" und "Fähigkeiten". Was ist damit gemeint? SOS-Kinderdorf-Mütter müssen eine bestimmte Haltung, gewisse Einstellungen und Werte mitbringen - gegenüber Kindern ebenso wie gegenüber sich selbst. Dazu gehört die Bereitschaft, sich auf schmerzhafte Prozesse einzulassen, wenn es das Interesse des Kindes erfordert sowie die eigenen Grenzen und Bedürfnisse anzuerkennen und sich nicht zu überfordern.
Das theoretische Wissen aus Bereichen wie Pädagogik und Psychologie bildet die Basis für das Verständnis der Arbeit, und die Umsetzung dieses Wissens erfordert bestimmte Fähigkeiten, das Gelernte in die Praxis umzusetzen.

Die SOS-Kinderdorf-Mutter als Dreh- und Angelpunkt der Familie (Santa Cruz, Bolivien) - Foto: B. Neeleman
|
Das globale Team hat begonnen die Kompetenzen in diesen drei Bereichen "Haltung", "theoretisches Wissen" und "Fähigkeiten" zu definieren. In einem nächsten Schritt werden jene Bausteine des Curriculums zur Ausbildung der SOS-Kinderdorf-Mütter definiert, in deren Rahmen diese Kompetenzen vermittelt werden sollen, und die für alle Kinderdorfmütter Gültigkeit haben sollen. Ein solches Curriculum bedeutet also nicht nur, Know-how und Methoden zur Umsetzung bereit zu stellen, sondern auch mit den Frauen gemeinsam an ihren Haltungen und Werten zu arbeiten.
Nicht alle diese Themen sind neu. Auch bisher war etwa die Arbeit mit der Herkunftsfamilie Teil der Aufgaben der SOS-Kinderdorf-Mütter. Dennoch: Eine Ausbildung, die diese Vermittlung von Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt, bedeutet einen weiteren Professionalisierungsschub für den Beruf SOS-Kinderdorf-Mutter. Damit ist ein wesentlicher Schritt in Richtung Anerkennung des Berufes SOS-Kinderdorf-Mutter als "pädagogische Fachkraft in der familiennahen Betreuung“ getan, den alle nationalen SOS-Kinderdorf-Vereine anstreben (April 2007).