Statistiken zufolge sind 1,8 % der Bevölkerung von Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland, HIV-positiv. Dies bestätigt Chris Jalle, Koordinator der Familienstärkungsprogramme von SOS-Kinderdorf in Somaliland, und fügt hinzu, dass aufgrund des mit der Krankheit verbundenen Stigmas viele Fälle nicht registriert sind. Die Erkrankung an HIV/AIDS wird als Fluch gesehen, der die infizierte Person trifft. Im besten Falle führt dies zu mangelnden Informationen über die Krankheit, im schlimmsten Fall dazu, dass die Krankheit in Somaliland komplett verleugnet wird.
HIV-positive Menschen werden oft geächtet
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| Eine der Familien, die vom Zentrum in Hargeisa unterstützt wird - Foto: H. Atkins |
Aisha*, eine verwitwete Mutter von vier Kindern, wurde von ihrer Familie geächtet, als ihre Krankheit bekannt wurde. Ihr erster Mann starb und sie heiratete erneut. Als ihr zweiter Ehemann aber herausfand, dass sie HIV-positiv war, verließ er sie und ihre Kinder. Aisha zog von ihrer Familie und ihrer Gemeinde fort und lebt heute mit ihren Kindern in einer Unterkunft, die aus Karton, alten Säcken, Wellblechteilen, PVC-Bodenplatten und Zweigen gebaut ist. Wenn man bedenkt, aus welchem Material sie besteht, so ist sie erstaunlich gut gebaut, und die einzige Lichtquelle im Inneren scheint durch den Türspalt hindurch.
Aisha lebte zweieinhalb Jahre dort und erhielt Unterstützung einer Organisation namens Talowadag, einem Verband von HIV/AIDS-Projekten der Gemeinden. Das Familienstärkungsprogramm in Hargeisa arbeitet mit Talowadag zusammen und so wurde Aisha mit ihrer Familie als dringender Fall eingestuft, um medizinische und soziale Unterstützung zu erhalten. Aisha erhält Medikamente zur antiretroviralen Therapie kostenlos durch ein Krankenhaus in Hargeisa geliefert. Zusätzlich wird sie kostenlos im SOS-medizinischen Zentrum wegen diverser Erkrankungen, die häufig mit der HIV-Infektion einhergehen, betreut. Auch ihre Kinder erhalten unentgeltlich medizinische Betreuung.
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| Frauen werden vor und nach der Geburt professionell betreut - Foto: H. Atkins |
Ausbildung von traditionellen GeburtshelferInnen
Das SOS-Sozial-und medizinische Zentrum Hargeisa wurde im Juni 2008 eröffnet und ist das modernste Krankenhaus der Stadt. Ein Team von neun vollbeschäftigten und zwei halbtags beschäftigten Ärzten und einer Reihe gut qualifizierter freiwilliger Mitarbeiter betreut derzeit 65 Familien mit 387 Kindern, die am Familienstärkungsprogramm teilnehmen. Für diejenigen, die nicht Teil des Programms sind, ist das Zentrum in erster Linie eine Mutter-Kind-Klinik für prä-und postnatale Geburtsbetreuung. Dazu gibt es noch ein Programm für Kinder unter 5 Jahren, deren Entwicklung beobachtet wird und die in Zusammenarbeit mit UNICEF Impfungen erhalten.
Im Januar 2009 wird der Kreissaal in Betrieb gehen. Derzeit finden 90 % der Geburten zu Hause statt, sodass damit zu rechnen ist, dass nur die komplizierten Fälle in das medizinische Zentrum kommen. Dennoch ist die Einstellung von traditionellen GeburtshelferInnen für das Zentrum geplant und weitere Hebammen für die Assistenz bei Hausgeburten. Während in der SOS-Mutter-Kind-Klinik in Mogadischu Entbindungen kostenlos sind, werden für Standarddienstleistungen in Hargeisa 50 US-Cent Aufnahmegebühr verrechnet.
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Warten auf die Untersuchung Foto: H. Atkins |
Das medizinische Zentrum Hargeisa wird stark frequentiert
Chris Jalle berichtet, dass am Eröffnungstag ca. 150 Patienten aus ganz Hargeisa zur Behandlung kamen und die Mitarbeiter den Ansturm kaum bewältigen konnten. "Mittlerweile gibt es eine lokale Beschränkung auf die nähere Umgebung und Teilnehmer der Familienstärkungsprogramme, und so konnte die Anzahl der Patienten auf 40 - 50 pro Tag reduziert werden".
Das Zentrum bietet auch freiwillige Beratung und freiwillige Tests. Beratung wird in allen Bereichen angeboten, insbesondere aber zu HIV/AIDS. Es gibt ein Labor, einen Überwachungsraum, eine Apotheke und das Impfprogramm. "Somaliland hat die geringste Impfrate weltweit", berichtet Chris Jalle, "und deshalb wollen wir uns darauf konzentrieren."
Durch diese Form der Unterstützung können zumindest die medizinischen Bedürfnisse von Aisha und ihrer Familie gedeckt werden. Im Rahmen des Familienstärkungsprogramms wird sie in Fertigkeiten geschult, die ihr ein Einkommen ermöglichen und erhält ein Startkapital, um auch langfristig ihre Lebensbedingungen verbessern zu können.
Obwohl sie wusste, dass sie dadurch die Unterstützung und Liebe ihrer Familie verlieren würde, entschied Aisha, sich selbst und anderen ihre Krankheit einzugestehen und sie zu bekämpfen. Deshalb wurde sie in das SOS-Familienstärkungsprogramm aufgenommen. Nun versucht sie mit aller Kraft, ihre kleine Familie zusammenzuhalten. Kulturelle Traditionen und Einstellungen halten andere Frauen womöglich davon ab, rechtzeitig um Hilfe zu bitten und ihre Haltung zu ändern. Aber Chris Jalle ist zuversichtlich, dass bis Juni 2009 1.000 Kinder vom SOS-Familienstärkungsprogramm in Hargeisa unterstützt und eine weitaus größere Anzahl aus den Gemeinden täglich im Zentrum betreut werden.
*Name von der Redaktion geändert.