Familienförderung in Bulgarien 

2007 haben in Bulgarien über hundert Familien von den zwei laufenden Familienstärkungsprogrammen profitiert. Wegen des guten Erfolgs und der positiven Resonanz seitens der Begünstigten wurden zwei weitere Programme, die mindestens 150 Familien zugute kommen sollen, gestartet.
Foto: Katerina Ilievska
Halbfertiges Haus einer Familie in der Nähe von Sofia - Foto: K. Ilievska

Nicht viele Besucher kommen zu Marinas Haus in den Hügeln nahe der Stadt Gabrovo. Die wenigen Menschen, die die schmale, steile Straße hinaufgehen, sind Schäfer oder Jäger. Als Marina zwei junge Frauen dabei beobachtete, wie sie sich mühsam den Weg hinaufschleppten, dachte sie, dass sie wohl das falsche Schuhwerk gewählt hatten.

 Marinas Haus hätte ein geräumiges zweistöckiges Familienhaus werden sollen, hätten nicht Armut, Familienstreitigkeiten und der Lauf der Zeit es zu einem desolaten Gebäude verkommen lassen. "Eine Hälfte des Hauses gehört dem Bruder meines Mannes," erklärt Marina zögernd. "Wir können diesen Teil nicht benutzen." Ihre Haushälfte ist nicht fertig und kann kaum als Zuhause bezeichnet werden.

Der Wohnbereich besteht aus zwei Räumen, die Toilette befindet sich außerhalb des Hauses. Die Mädchen schlafen, essen, machen ihre Hausaufgaben und spielen im einzigen beheizten Raum. Die verkohlten Wände und das veraltete Mobiliar verbreiten einen unangenehmen Geruch; das Fenster ist zerbrochen und ständig zieht es.

 Bescheidener Beginn

Zwischen 2004 und 2006 hat SOS-Kinderdorf Bulgarien vier kleinere Unterstützungsprogramme für Familien gestartet: in Dren, Trjavna [an beiden Standorten befindet sich ein SOS-Kinderdorf; Anm. Redaktion], Sofia und Gabrovo. Mit dieser Hilfe wurde direkt auf die Bedürfnisse vor Ort, die von Nachhilfe bis zur Unterstützung von behinderten Kindern und ihren Familien reichen, reagiert.

Diese Erfahrungen und die über die drei Jahre aufgebauten Kontakte ermöglichten ab 2006 breit angelegte Familienförderprogramme, die gemeinsam mit Partner-NGOs und lokalen Behörden organisiert werden. Was dies genau bedeutet und wie diese Hilfe umgesetzt wird, konnte Marina direkt erfahren.

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Desolate Wohnverhältnisse einer Familie in Sofia - Foto: K. Ilievska

 Wenn Probleme auftauchen…

 
Nach dem Albtraum ihrer ersten Ehe hatte Marina wenig Hoffnung auf eine Unterstützung aus öffentlicher Hand. Sie war glücklich, entronnen zu sein, und begann ein bescheidenes, aber zufriedenes Leben mit ihrem neuen Mann und ihren neugeborenen Zwillingsmädchen. Nach ein paar Jahren wurde ihr Ehemann, der alleine für den Familienunterhalt sorgte, verhaftet. Marina glaubte unerschütterlich an seine Unschuld, sogar dann noch, als er verurteilt wurde.

Sie war allein, ohne Arbeit und fixes Einkommen, und die Rechnungen begannen sich zu stapeln. Ihre schwierige Lebenssituation wurde beim örtlichen Amt für Kinderschutz als kritisch eingestuft, und sie wurde über mögliche Unterstützungsangebote informiert. Kurze Zeit später machten sich die zwei jungen Frauen, die bereits am Anfang der Geschichte erwähnt wurden, auf den beschwerlichen Weg zu Marina und ihrer Familie.

Mariana und Zvezdelina sind erfahrene Sozialarbeiterinnen und sind für das Familienförderprogramm von SOS-Kinderdorf in Gabrovo tätig. Ihre Arbeit beginnt, wenn Kinder, wie zum Beispiel die von Marina, Gefahr laufen, sei es durch soziale oder finanzielle Probleme, von ihrer Familie getrennt zu werden.

Jemand hilft

"Eigentlich sollten die Familien zwischen den verschiedenen Unterstützungsangeboten auswählen, aber das tun sie kaum", erklärt Mariana und fügt hinzu, dass viele nicht um Hilfe ansuchen, da sie sich entweder schämen oder schlichtweg im alltäglichen Überlebenskampf keine Zeit dafür haben.

Marinas Familie war eine von vierzig, die die Sozialarbeiter(innen) des Programms besuchten. Sie berieten und unterstützten die Familie in medizinischen, finanziellen und pädagogischen Belangen. Auch bei der Arbeitssuche halfen sie Marina. Sie fand schließlich eine Anstellung als Hausmeisterin in der örtlichen Grundschule.

"Die Eltern sind oft überfordert mit dem komplizierten Sozialsystem", sagt Zvezdelina. Viele wissen nicht, dass sie Anspruch auf Zuschüsse haben und dies ihre Situation erleichtern würde. Daher begleiten die Sozialarbeiter(innen) die Eltern beim Besuch der verschiedenen Behörden, um ihre Rechte geltend zu machen. 
 

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Großfamilien leben oft am Rande des Existenzminimum oder darunter - Foto: K. Ilievska
Am anderen Ende

In einer kleinen Gemeinde etwas außerhalb der Stadt Sofia, vor den Augen der Sozialämter, kämpft eine weitere Familie mit vier Kindern ums nackte Überleben.

Svetla lebt in einem zweistöckigen Gebäude, mehr ein Rohbau, in dem nur ein Raum bewohnbar ist. Sie und ihr Mann sind arbeitslos. Ihre älteste Tochter war nicht in der Sekundarschule angemeldet und die zwei mittleren gingen nicht zum Kindergarten. Das Baby schlief auf einer alten Couch, denn eine Wiege wäre zu teuer gewesen.

"Zusätzlich zu der ohnehin schon schwierigen Situation brannte eines Nachts ihre Küche aus", erzählt Bobi, ein Sozialarbeiter vom SOS-Familienförderprogramm in Sofia. Svetla vermutet, dass es Brandlegung war, aber sie kann es nicht beweisen. Der Versuch, das Feuer zu löschen, kostete ihr beinahe das Leben. Ihre Narben erinnern heute noch daran.

Dies war ein weiterer Rückschlag für die Familie und keiner half. Ironischerweise befanden sich die örtlichen Sozialstellen direkt auf der anderen Straßenseite.  

Die Gemeinde hilft mit

Als die Sozialarbeiter des SOS-Familienförderprogramms von Svetlas Situation erfuhren, wurde ihr sofort die Aufnahme in das Programm angeboten. Die Probleme in dieser Familie waren vielschichtig - von Armut bis schwerer häuslicher Gewalt. Svetla hatte die Erziehung der Kinder vernachlässigt und ihre einzige erzieherische Maßnahme bestand aus Ohrfeigen.

"Es dauerte nur einige Minuten, um zu realisieren, dass es in dieser Familie sehr viel zu tun gab", erklärt Bobi. Hier beginnt die Arbeit mit den Partnern des Programms. Staatliche Einrichtungen und einige NGOs sind involviert, wenn es darum geht, psychologische Unterstützung zu leisten und die Eltern in Erziehungsfragen zu unterstützen.

Die schulischen Einrichtungen verlangen keine Gebühren für Unterricht und Betreuung. Zusätzlich werden auch Spezialisten wie Sprachtherapeuten, Kinderärzte usw. herangezogen. Um die Probleme anzugehen und den Bedürfnissen einer Familie entgegenzukommen, werden manchmal auch kreativere Lösungswege in Betracht gezogen.

"Nicht jede Familie öffnet sich völlig", weiß Bobi. "Oft müssen wir auch mit Verwandten oder Nachbarn sprechen, um mehr herauszufinden und um ein rundes Bild von der Familie zu bekommen. Dies wir immer mit höchster Diskretion gemacht und dient der genauen Eruierung der Situation. Damit wird es möglich, die für die Familie beste Art der Unterstützung zu finden." 

 

Foto: Katerina Ilievska
Foto: K. Ilievska
Der Prozess wird dokumentiert

Die Unterstützung jeder Familie, die ins Programm aufgenommen wird, wird vertraglich festgehalten, um die Rollen und den Verantwortungsbereich beider Seiten festzuhalten. Ein Unterstützungs- und Entwicklungplan wird zusammengestellt und die Ziele werden gemeinsam festgelegt. Durchschnittlich sind drei Jahre für die Betreuung einer Familie vorgesehen.

Der Ist-Stand und die Erreichung der Ziele werden von den Sozialarbeiter(inne)n regelmäßig durch Familienbesuche überprüft und falls nötig, werden Änderungen vorgenommen oder zusätzliche Hilfe angeboten. Eine regelmäßige Evaluierung gibt nicht nur Auskunft über den Entwicklungsstand, sondern erlaubt auch, gemeinsam mit der Familie die Ziele zu überdenken und sie gegebenenfalls zu adaptieren.

Jede Familie beurteilt ihren eigenen Fortschritt und gibt Rückmeldung über das Programm. Damit wird eine konstante Verbesserung der Leistungen möglich, und die Ziele können schneller realisiert werden: starke unabhängige Familien, in denen für die Bedürfnisse der Kinder gesorgt wird und sie mit Liebe und in Sicherheit aufwachsen können.

Hinter den Kulissen

Es sind die kleinen Gesten zwischen den Menschen, die menschliche Nähe und selbstlose Großzügigkeit, die Hoffnung geben, Engagement fördern und die Eltern wieder an eine bessere Zukunft glauben lassen. Diese wertvollen Momente werden nicht in den Berichten und Evaluierungen erwähnt und sind dennoch von großer Bedeutung.

Es waren wunderbare menschliche Momente, die Zvezdelina und Mariana beim Besuch mit dem Pädagogen von SOS-Kinderdorf Trjavna bei Marinas Familie erlebten. Der Pädagoge, ein passionierter Bergwanderer, hatte sofort seine Wanderkollegen organisiert und mit ihnen die Versorgung der Familie mit Brennholz übernommen. Außerdem wurde Marina mit der Verschönerung ihres Hauses überrascht. Mit Farbe wurde ihr bescheidenes Heim ein wenig wohnlicher.

Dreihundert Kilometer entfernt lächelt ein kleines Baby. Der Sozialarbeiter Bobi singt ein Schlaflied für das Baby im Kinderwagen. Bobi hatte den Kinderwagen Svetla geschenkt. "Als ich ihn gekauft hatte, war ich nicht sicher, ob ich mich für den stabileren, teureren oder für eine günstigere Version entscheiden sollte", lächelt Bobi. "Ich denke, ich hatte schon damals gefühlt, dass nicht nur mein Sohn in ihm schlafen wird."

Marina findet schwer Worte, um auszudrücken, wie viel ihr das Sozialprogramm bedeutet und wie sehr es ihr und ihrer Familie weitergeholfen hat. Mit Tränen in den Augen sagt sie, dass sie sich nur mit einem Danke erkenntlich zeigen kann. "Alles, was man tun muss, ist, daran zu arbeiten und nicht aufzugeben", sagt Mariana zu ihr mit einer heiteren, aber nachdrücklichen Stimme. "Dein und das Wohlergehen deiner Kinder sind Dank genug."

 Namen von der Redaktion geändert.

Artikel von Katerina Ilievska, Mitarbeiterin von SOS-Kinderdorf für Osteuropa.