"Für mich war es der absolute Schock, ich wusste nicht mehr, was ich tun soll. Ich konnte meinem Sohn nicht helfen, ich habe ihn nur gepflegt," erzählt Ludmilla rückblickend. Sie nimmt Wassilij und reist mit ihm nach Borowljany bei Minsk, wo es eine Fachklinik für Krebserkrankungen gibt. Wassilij bekommt eine Chemotherapie. Die Mutter möchte bei ihm sein, für ihn da sein. Im Krankenhaus ist wenig Platz, sie schläft auf Holzbänken oder manchmal auf dem Fußboden. Wassilij geht es nicht gut, die Therapie ist hart. Und die Medikamente schlagen nicht an. Irgendwann erfährt Ludmilla, dass es im Krankenhaus zu deutschen Hilfsorganisationen Kontakte gibt. Von einem Hilfspaket kritzelt sie die Adresse ab und "mit Lexikon, Ach und Krach habe ich einen Brief nach Deutschland geschrieben. Man hat mich verstanden und mir Medizin geschickt." Diese Medikamente zeigen eine bessere Wirkung als die zuvor verwendeten Präparate.
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| Ludmilla mit ihrem Sohn Wassilij im Krankenhaus - Foto: W. Kehl |
Dann erfährt sie von einem SOS-Kinderdorf neben der Klinik und dass es dort ein Sozialzentrum für Familien mit Kindern gibt, die zur Chemotherapie ins Krankenhaus müssen. Vier Häuser sind das, mit mehreren Wohnungen. Ludmilla erkundigt sich und wird mit Wassilij aufgenommen. Der erste Aufenthalt dauert ein halbes Jahr. So lange wird Wassilij mit Chemotherapie behandelt. Vorbei die Nächte auf dem Fußboden im Krankenhaus. "Hier im SOS-Sozialzentrum haben wir ein Zimmer bekommen mit Küche und Bad. Und es gibt auch ein Spielzimmer. Die Kinder sind schwer krank, werden schnell müde und haben Schmerzen. Hier finden sie den geschützten Raum, den sie brauchen, um mit den Strapazen der Chemotherapie fertig zu werden. Wir können hier ausruhen und stören niemanden." Wenn es ihrem Sohn besonders schlecht geht, nimmt sie ihn auf den Arm und geht ins Krankenhaus.
Ludmilla und Wassilij leben ein weiteres halbes Jahr und dann noch drei mal drei Monate im SOS-Sozialzentrum. Im Krankenhaus ist es schon ein Ritual, das Wassilij kennt und geduldig über sich ergehen lässt: Er bekommt in einem Raum eine Infusion und darf dann in ein anderes Zimmer, wo er auf einem Bett liegt und zuschaut, wie die Infusion tröpfelt. Er wird matt, es tut weh, ihm wird schlecht - die bunten Clowns an der Wand können ihn nicht wirklich aufheitern. Aber er erträgt es. Seine Mutter leidet innerlich, aber sie versucht, Wassilij ein bisschen gute Laune und Zuversicht zu schenken.
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| Wowa (rechts) und Wassilij wachsen nun gemeinsam in einer Familie auf - Foto: W. Kehl |
Bei einem dieser Aufenthalte, es ist der Dezember 2005, wird Ludmilla auf den kleinen Wladimir aufmerksam - "Wowa", wie sie ihn zärtlich nennt. Wowa liegt auf der gleichen Intensivstation wie Wassilij. Arzt und Krankenschwester kümmern sich um Wowa, wie man sich im Krankenhaus eben kümmert. Aber es ist keiner da, der Wowa Aufmerksamkeit und Zeit schenkt, der seine Hand nimmt und mit ihm spricht. Wowa leidet stumm. Nur wenn er Hunger hat, weint er. Ludmilla erfährt: Wowa hat keine Eltern mehr und auch sonst niemanden. Wowas Diagnose: Leberkrebs. Zu dieser Zeit geht es Ludmillas Wassilij besonders schlecht. Ludmilla leidet, sie sucht Trost und Hoffnung im Gebet. Wassilijs und Ludmillas Kräfte gehen scheinbar dem Ende entgegen. In dem Augenblick, in dem ihr die Kraft auszugehen droht, sagt sie: "Wenn mein Wassilij hier lebend rauskommt, nehme ich den Wowa auch mit und werde für ihn da sein. Wir werden ihn großziehen wie unsere eigenen Kinder. Er wird bei uns sein und das Gleiche essen wie wir."
Wasillji überlebt. "Wir wurden eines Tages aus dem Krankenhaus entlassen und haben Wowa mitgenommen." Wowa trägt eine riesige Narbe quer über dem Bauch, weite Teile der Leber wurden ihm entfernt. Als Ludmilla die Papiere für Wowas Adoption zusammensammelt erfährt sie seine Geschichte: "Seine Mutter hat ihn buchstäblich zum Fenster rausgeworfen, als er drei Monate alt war. Ein Nachbar, der früh um sechs zur Arbeit ging, fand Wowa im Schnee liegen." Halb erfroren kommt Wowa ins Krankenhaus. Und später ins Waisenhaus. Und dann wieder ins Krankenhaus mit dem Tumor in der Leber.
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| Ludmilla hat nun fünf Kinder, um die sie sich mit großem Herz und starker Seele kümmert - Foto: W. Kehl |
Ihre Familie unterstützt Ludmilla, ihr Mann hat gesagt: "Wenn es für dich wichtig ist, dann machen wir das." Im Dorf, wo Ludmilla wohnt, gibt es aber auch Verwandte und Bekannte, die nicht so viel Verständnis haben. "Für ein gesundes Kind trägt man große Verantwortung - für ein krankes umso mehr. Mein Leben wird aus ewiger Fahrerei und Krankenhäusern bestehen. Ich sehe es vielen Leuten an, dass sie mich nicht verstehen," erzählt Ludmilla. Sie hat manchmal das Gefühl, dass manche Leute den Kontakt meiden. Als wären Leukämie und Leberkrebs etwas Ansteckendes.
Vielleicht ist es weniger die Angst vor Ansteckung, sondern das Verdrängen von Krankheit und Leid, das Menschen um Ludmilla auf Distanz gehen lässt. Ludmilla darf nicht verdrängen, sie muss sich der Situation stellen. "Ich habe verstanden, dass ich nicht so viel im Leben brauche wie früher. Ich habe angefangen, andere Werte im Leben zu schätzen. Materielle Dinge waren mir früher wichtig. Heute sind sie es nicht mehr," sagt sie im Rückblick auf die letzten Jahre. Und was die Adoption von Wowa betrifft, sagt Ludmilla: "Ich habe gelernt, dass man ein Versprechen halten muss. Es ging uns sehr schlecht. Aber wir sind drüber hinweg. Also ist es kein Problem, einem Kind auf die Beine zu helfen. Hauptsache, man ist gesund und stark genug. Wir helfen ihm, das kriegen wir hin."
Wenn Ludmilla ihre Geschichte erzählt, lässt sie immer wieder Worte der Dankbarkeit einfließen. Sie möchte den Leuten danken, die Medikamente geschickt haben, den Ärzten und Schwestern und den Leuten im SOS-Sozialzentrum, die der Familie zu essen und vor allem einen Raum gegeben haben, in dem Mutter und Kinder trotz aller Strapazen immer wieder neu zusammenfinden und füreinander da sein können. "Wenn es all diese Menschen nicht gäbe, die uns geholfen haben, dann gäbe es uns auch schon lange nicht mehr. Dabei kenne ich die meisten, die uns geholfen haben, gar nicht," sagt Ludmilla. "Ich möchte auch im Namen aller Mütter Danke sagen, die schon im Sozialzentrum waren." Wenn Ludmilla "danke" sagt, dann ist das ein Ausdruck der Bescheidenheit. Gewiss, viele Menschen haben die Hände gereicht, als Ludmilla am Boden zerstört war. Aber aufgestanden ist sie selber. Sie ist diesen Weg gegangen und sie geht ihn weiter. Manchmal, wenn Ludmilla erzählt, schimmern Sorgen in ihren Augen. Aber die Kraft ihrer Stimme ist jedes Mal ein bisschen stärker als das Schimmern in ihren Augen.
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| Das SOS-Sozialzentrum liegt in Sichtweite des Krankenhauses - Foto: W. Kehl |
Das ist die Geschichte von Ludmilla. Sie erzählt diese Geschichte am Küchentisch im SOS-Sozialzentrum, weil sie wieder mal zur Chemotherapie mit Wassilij hier ist. Mit dabei hat sie den kleinen Wowa, außerdem die Töchter Anja und Dascha. Wowa ist heute vier Jahre alt und Wasillij sechs. Beide essen mit großem Appetit frisches Obst und spielen mit Bauklötzen. Wenn Wassilij in zwei Stunden die Infusion bekommt, wird er matt auf der Pritsche im Krankenhaus liegen. Ludmilla wird ihm die Hand halten und hoffen, dass sie bald wieder zurück können ins Sozialzentrum.
Man kann viel aus Ludmillas Geschichte lernen. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Niemand weiß, wie sie enden wird. Es gibt keine Gewissheit. Und doch sagt Ludmilla: "Der Zustand meiner beiden Söhne ist im Moment stabil. Es geht ihnen nicht besser, aber auch nicht schlechter. Wir leben - und das ist schon mal gut!"
Artikel von Wolfgang Kehl, Mitarbeiter beim deutschen Förderverein SOS-Kinderdörfer weltweit.