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| Putri in den sicheren Armen ihrer Mutter - Foto: Benno Neeleman |
Was am 26. Dezember vor fünf Jahren geschah, darüber kann Ibu bis heute nicht sprechen. Auch nicht über die Zeit danach, die schwerste ihres Lebens. Es sind Yudi, der Leiter des SOS-Kinderdorfes im nahen Meulaboh, und Rafi, der Dorfvorsteher von Gampong Cot, die über die Ereignisse von damals erzählen. Ibu redet über Putri, über ihren Alltag heute, hält ihre fünfjährige Tochter, die gerade die Windpocken überstanden hat, in den Armen.
Wasser ist immer noch angstbesetzt. Früher hat Ibu gemeinsam mit ihrer Familie in Reichweite zum Meer gewohnt. Doch das neue Haus, in dem sie seit Mai 2006 mit Putri lebt, steht in sicherer Entfernung von der Küste. Es ist eines von 132 Familienhäusern, die SOS-Kinderdorf Indonesien in Gampong Cot im Distrikt Meulaboh nach dem Tsunami errichtet hat. An jenem Tag, als die große Meerflut auf Land traf, war die damals hochschwangere Ibu Sarjani in ihrem kleinen Holzhaus gerade beim Saubermachen. Als sie hinaussah, war es anders als sonst, der Meeresspiegel befremdlich hoch. Ibu begann zu laufen, landeinwärts. Und sie dachte, ihr Sohn und ihre Tochter wären bei ihrem Mann Adnan in Sicherheit.
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| Die Moschee in Meulaboh, auf deren Dach Putri zur Welt kam - Foto: Benno Neeleman |
In der Nähe der Moschee konnte sie nicht mehr länger vor dem Wasser davonrennen, kletterte auf einen Baum und von dort auf das Dach der Moschee. Als die Flutwellen mit voller Wucht kamen, reichte das Wasser fast bis zum Dach. Allmählich ging es zurück bis auf eineinhalb Meter. Stundenlang harrte Ibu auf der rettenden Insel aus. Dann setzten die Wehen ein und ebendort, auf diesem Dach, brachte Ibu ein gesundes Mädchen zur Welt.
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| Putri und Ibu im Jahr 2007 - Foto: Sebastian Posingis |
Gegen Abend war das Wasser weg. Ibu legte ihr Neugeborenes in eine Plastiktrage, wie sie normalerweise die Fischer für ihren Fang verwenden, stieg mit Hilfe anderer Überlebender vom Dach der Moschee und machte sich auf den Weg durch das zerstörte Dorf in ein kleines Krankenhaus. Spät am Abend traf sie ihren Mann. Die beiden Kinder waren nicht bei ihm, sie sind in den Fluten umgekommen. Ihr eben geborenes Geschwisterchen bekam den Namen Putri Sunami Irayana. Putri heißt Mädchen, Irayana heißt große Welle in der lokalen Sprache von Aceh. Putris Vater Adnan starb mehr als zwei Jahre nach dem Tsunami an den Folgen einer schweren Infektion, die er sich vermutlich an jenem verhängnisvollen Tag durch verseuchtes Wasser geholt hatte.
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| Ibu und Putir fühlen sich wohl in ihrem neuen Haus in sicherer Entfernung vom Meer - Foto: Benno Neeleman |
Vor Adnans Tod konnte die Familie aber noch ein paar Monate gemeinsam in ihrem neuen Haus verbringen, bekam Kleidung und sonstige Unterstützung. Davor gab es nur ein Provisorium aus Plastikplanen. Das Haus hat, wie alle neuen von SOS-Kinderdorf in schlichtem Stil erbauten Familienhäuser in Gampong Cot, ein blaues Dach, eine kleine überdachte Terrasse und einen Garten, wo Platz ist für Gemüse- und Ostanbau. Ibu und Putri scheinen zurechtzukommen, in ihrem Leben in ihrem hübsch hergerichteten Eigenheim in sicherer Entfernung vom Meer. Nur in manchen Momenten, in kleinen Gesten, in Blicken ist er da, ein Schattenhauch.
Putri dreht im Haus auf ihrem rosaroten Plastikmoped ihre Runden, malt für ihr Leben gern und besucht gemeinsam mit elf anderen Kindern den kleinen örtlichen Kindergarten, in dem auch ihre Mutter arbeitet. Normalerweise ist sie ein gut gelauntes Kind, nur jetzt ist sie traurig, weil sich Yudi verabschiedet. Sie ist vernarrt in den Leiter des SOS-Kinderdorfes Meulaboh, der regelmäßig auf Besuch kommt, um zu schauen, wie es Mutter und Tochter geht.
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| Putri Sunami Irayana, geboren am 26. Dezember 2004 - Foto: Benno Neeleman |
Vor dem Tsunami wusste niemand in Gampong Cot, wer oder was SOS-Kinderdorf ist. Aber heute kommen die Leute sogar aus Banda Aceh, um das Dorf zu besichtigen. Wegen der hohen Bauqualität der Häuser und wegen der anderen SOS-Sozialprogramme. SOS-Kinderdorf hat auch ein Sozialzentrum errichtet, in dem ein Kindergarten und eine Grundschule untergebracht sind, das so genannte Hermann-Gmeiner-Haus. Außerdem werden Familien dabei unterstützt, sich ein Einkommen zu sichern, vor allem durch Produkte, die in Handarbeit hergestellt werden. Beratung und Unterstützung gibt es auch in Erziehungs- und Gesundheitsfragen und in anderen Fragen und Problembereichen, mit denen Familien zu kämpfen haben.
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| Foto: Benno Neeleman |
Viele Kinder im Meulaboh-Distrikt von den Familienprogrammen von SOS-Kinderdorf und den Projekten, die den Gemeinden übergeben worden sind. In der Hafenstadt Meulaboh, die von den Wassermassen vor fünf Jahren ebenfalls schwer zerstört worden war, ist das SOS-Kinderdorf. Die Kinder, die dort leben, haben im Tsunami ihre Familie verloren oder die Familie ist an den Folgen der Katastrophe zerbrochen oder an den Auswirkungen des über 30 Jahre dauernden Konflikts, der Aceh fast in den Ruin getrieben hat. Die Biographien der SOS-Kinderdorf-Mütter ähneln denen der Kinder, die sie nun betreuen. Die meisten haben durch die Flutwellen entweder ihren Ehemann oder ihre Kinder oder beides verloren. Einige Frauen können bis heute nicht darüber sprechen. Sie erzählen von ihrem jetzigen Alltag mit den Kindern, mit denen sie das Abenteuer einer neuen Familie wagen.