Somalias Kinder hungern nach Bildung 

Trotz der ständigen politischen Unsicherheit und der herrschenden Gewalt in Somalias Hauptstadt Mogadischu sind die SOS-Kinderdorf-Einrichtungen, darunter eine große Klinik und eine Schule, in Betrieb. Musa Ibrahim Dugow, der Direktor der örtlichen SOS-Grund- und Sekundarschule, schildert den - nicht alltäglichen - Schulalltag inmitten von Krieg und Armut.
Foto: SOS Archiv
Der ständigen Gefahr zum Trotz wird der Unterricht abgehalten - Foto: SOS Archiv

Nach einem gewaltsamen Zwischenfall im Oktober 2008 auf dem temporär angemieteten Gelände [die Schule war zu diesem Zeitpunkt evakuiert; Anm.] mussten wir die Schule vorübergehend zusperren. Erst Anfang März dieses Jahres konnten wir den Unterricht wieder aufnehmen. Derzeit haben wir 500 Schüler, mehr als 500 stehen auf der Warteliste. Als der Schulbetrieb wieder los ging, wurden wir von Anmeldungen regelrecht überflutet. Wir wurden gefragt, ob wir nicht auch Nachmittagsunterricht einführen könnten, und ich begrüße diese Möglichkeit, noch mehr Schüler aufnehmen zu können.

Derzeit ist das Gelände rund um das SOS-Kinderdorf, wo sich auch die Schule befindet, im sichersten Teil von Mogadischu, was nicht immer so war. Aber vor dem Krieg hat jeder Angst. Inzwischen kann man die Menschen in zwei Gruppen einteilen: jene, die resigniert haben und bereit sind zu sterben, weil sie nicht wissen, wohin sie flüchten könnten; und jene, die bei Tag und Nacht die Stadt verlassen, weil sie nicht wissen, was als nächstes passiert. Die Menschen sind voller Angst, haben keine Hoffnung mehr und fühlen sich ständig bedroht. Die, die es schaffen, verlassen das Land. Die, die das Land nicht verlassen können, sind ständig in Bewegung und auf der Flucht. Und trotzdem haben wir immer noch Kinder, die jeden Tag in die Schule kommen, einfach weil der Bedarf so hoch ist.

Einer unserer Schüler wurde am Tag vor einer Prüfung getötet. Am nächsten Tag waren alle da - trotz des einen leeren Stuhls. Sie sind hungrig nach Lernen, sehr hungrig. Und sie haben eine hohe Lernbereitschaft. Die Art, wie sie zuhören, lässt einen vergessen, dass sie in einem Kriegsgebiet leben. Sie kommen immer, auch wenn gerade gekämpft wird. Sie wollen einfach nicht aufgeben, sie kommen und warten darauf, dass du sie unterrichtest. Wenn sie da sind, sind sie bereit, alles aufzunehmen.

In Mogadischu gibt es für uns noch viel zu tun, aber SOS-Kinderdorf hat den Kindern Hoffnung gegeben. Unsere Schule ist die einzige englischsprachige in ganz Mogadischu mit einem ordentlichen Curriculum. In allen anderen wird auf Arabisch oder Somali unterrichtet. Im Verhältnis zu den anderen Schulen haben wir auch eine sehr gute Ausstattung, wir haben ein Labor, einen Computerraum und eine Bücherei. Die Schüler können die gesamte Infrastruktur der Schule für eine ganz niedrige Schulgebühr nützen, 10 US-Dollar pro Semester, das sind 2,50 US-Dollar im Monat. Keine andere Schule in der Stadt bietet diese Möglichkeiten für so einen geringen Beitrag, inklusive unserer sehr guten Lehrer aus Kenia.

Foto: Hilary Atkins
Musa Ibrahim Dugow und die stellvertretende Leiterin von SOS-Kinderdorf Somalia, Sahara Mohamed, besprechen die Situation rund um die Schule - Foto: Hilary Atkins

Es gibt aber ein Problem, das vielen nicht bewusst ist, mich allerdings sehr beunruhigt und beschäftigt. Was passiert mit denen, die das nationale Examen bestehen? Wo gehen sie hin? Als Lehrer wollen wir natürlich wissen, wie es den ehemaligen Schülern ergeht, welchen Weg sie einschlagen. Mehr können wir nicht beitragen.

Die besten 35 Absolventen der Grundschule können in die Sekundarschule wechseln, alle anderen müssen in Schulen gehen, deren Standards nicht so hoch sind wie unsere. Jene wiederum, die die Sekundarschule abschließen, können lokale Einrichtungen besuchen, aber keine Universitäten im Ausland. Mit einigen Universitäten in Uganda konnten wir vereinbaren, dass unsere Absolventen aufgenommen werden. Und vor kurzem gelang es uns, mit einem Lehrerbildungscollege in Puntland in Verbindung zu treten. Sie haben uns zwei volle Stipendienplätze zugesagt unter der Bedingung, dass die Absolventen nach Somalia zurückkehren, um dann an unserer Schule zu unterrichten. Unser nationales Büro hat bereits ein Voll- und drei Halbstipendien an Absolventen unserer Sekundarschule vergeben, die als Lehrer ausgebildet werden, damit wir in Zukunft unser eigenes Lehrpersonal haben.

Ich kann mich erinnern, dass ich vor vier Jahren gesagt habe, wenn wir unsere Einrichtungen gut nützen, dann werden eines Tages alle Führungspersönlichkeiten von Somalia ehemalige Schüler von unserer Schule sein. Wir machen Fortschritte, aber es gibt Schwierigkeiten, die wir nicht so leicht überwinden können. Und trotzdem. Unsere tägliche Arbeit ist es, in den Kindern die Hoffnung lebendig zu halten - es ist die einzige Hoffnung, die sie haben.

*Die Schule war zu diesem Zeitpunkt evakuiert.

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