Wie ist die allgemeine Situation von Frauen in Indien, insbesondere in Gujarat?
Männer nahmen innerhalb der Familie eine dominierende Stellung ein und galten als privilegierte Klasse. In letzter Zeit tragen Frauen innerhalb der Familie eine Doppelbelastung, da sie außer Haus arbeiten und zusätzlich im Haushalt schuften. Trotz ihrer eingeschränkten Freiheit müssen Frauen verschiedene Rollen ausfüllen. Der Missbrauch von Frauen steigt, viele sind in dieser Situation sich selbst überlassen.
Obwohl Frauen einen großartigen Beitrag zur Gesellschaft leisten, werden sie immer noch stark diskriminiert. In Gujarat ist ihre Situation besonders schlecht. Die Alphabetisierungsrate bei Frauen beträgt nur 58,60%, wohingegen sie bei Männern 80,5% ausmacht. Im Verhältnis zwischen den Geschlechtern sind Frauen ebenfalls in der Unterzahl; der Anteil Frauen:Männer beträgt 919:1000. Morde an Frauen und kleinen Mädchen, Kinderhochzeiten und Unterernährung prägen das Bild.

Foto: SOS-Archiv
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Wie sehr beeinflussen kulturelle Traditionen die soziale Entwicklung?
In dieser Gegend ist Kinderehe noch gang und gäbe. Mädchen zur Schule zu schicken, gilt als sinnlos, da sie ohnehin heiraten und ihre Eltern verlassen werden. Viele Frauen sind Analphabetinnen und kennen nicht einmal die Grundregeln von Gesundheit und Hygiene. In den ländlichen Gegenden sind noch Hausgeburten ohne medizinische oder fachliche Hilfe üblich. Viele Geburten werden nur von Hebammen begleitet.
Es gilt dort außerdem noch das System der Mitgift. Die Mitgift besteht nicht nur aus Bargeld, sondern auch aus materiellen Gütern wie Fahrzeugen, Bettbezügen und anderen Haushaltsgegenständen. Frauen dürfen nicht sehr weit entfernt von ihrem Haus arbeiten. Dies erschwert das Leben der Frauen und in manchen Extremfällen stehen Witwen ohne Unterstützung da. Laut Tradition dürfen diese Frauen auch nicht wieder heiraten.
Wie unterstützt SOS-Kinderdorf die Frauen vor Ort?
Für viele Witwen ist es schwierig, in ihrer prekären finanziellen Lage ausreichend für Gesundheit und Ernährung zu sorgen. Diese Kinder gehen nicht zur Schule und könnten jederzeit verlassen werden. SOS-Kinderdorf gibt ihnen die so dringend benötigte finanzielle Hilfe, damit diese Kinder nicht die Schule abbrechen. Wir führen Hilfsprogramme für Schulabbrecher durch; wir bieten ihnen außerschulische Bildung zusammen mit nahrhaftem Essen. Diese Programme ermutigen Kinder, ihre schulische Ausbildung wieder aufzunehmen.
Das SOS-Sozialzentrum in Bhuj stärkt Frauen durch eine Ausbildung in Schneidern, Handarbeit, Taschenherstellung, was den Frauen alternative Erwerbsquellen erschließt. Wir hoffen, schon bald Computer-, Töpfer-, Kosmetik- und Kochkurse anbieten zu können.
Wir haben in den Dörfern Selbsthilfegruppen gebildet, wo die Frauen einander helfen und ihre Situation dadurch verbessern. Wir binden diese Selbsthilfegruppen bei der Abwicklung unserer Programme für berufliche und außerschulische Ausbildung ein. Über unser SOS-medizinisches Zentrum leisten wir in den umliegenden Gemeinden medizinische Hilfe. Wir führen Vorsorgeuntersuchungen in den Zentren für berufliche und außerschulische Ausbildung durch, und wir planen, einen Gesundheitspass an die Frauen auszugeben, damit ihre Gesundheit und die der lokalen ländlichen Bevölkerung besser kontrolliert wird.

Foto: SOS-Archiv
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Welchen Frauen kommt das Programm zugute?
Wir arbeiten mit Witwen, geschiedenen oder getrennt lebenden Frauen, die Schwierigkeiten haben, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Wir helfen auch den schwachen und benachteiligten Frauen der Gesellschaft, die manchmal schon Schwierigkeiten haben, ihre Kinder ausreichend zu ernähren.
Was sind die Hauptziele?
Das wichtigste ist, dass die Frauen selbstbewusst werden und sich ihrer Rechte bewusst werden. Dazu ist es wichtig, dass sie sich gegenseitig Mut machen und sich zusammenschließen. Nur so schaffen sie es, aktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Eine umfassende Alphabetisierungsoffensive sollte die Entwicklung der Frauen erst richtig vorantreiben.
Welche Auswirkungen hat das Programm auf das Leben von Kindern?
Etliche Kinder wurden vom Erdbeben 2001 traumatisiert. Sie litten unter den Nachwirkungen und den sozialen Tabus, die damit einhergingen. SOS-Kinderdorf wird etliche Kinder unterstützen, sodass sie bei ihren Familien bleiben können, eine gute Ausbildung bekommen sowie ausreichende Ernährung, Hygiene und Gesundheitsversorgung und insgesamt eine bessere Lebensqualität. Durch diese Programme wird die Kindesmissbrauchsrate sinken und die Kinder gewinnen an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen; solche Kinder können unbeschwert die Welt erkunden und Chancen ergreifen, die ihren Eltern noch verwehrt waren.