"Ich hoffe, Haiti wird wieder schön sein - eines Tages" 

In Kooperation mit Plan International nehmen Kinder und Jugendliche aus den haitianischen SOS-Kinderdörfern an einer landesweiten Initiative teil, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Stimmen von Jugendlichen in den Wiederaufbau des Landes zu integrieren.

Foto: Line Wolf Nielsen
Die eigenen Träume und Wünsche festhalten - Foto: Line Wolf Nielsen

Die Sonne ist ein heller, gelber Kreis und schickt lange Strahlen auf die Erde. Die Flagge Haitis weht stolz von einem fein säuberlich bemalten Haus. Zum Schluss zeichnet die zwölfjährige Sandra noch Blumen vor das Familienhaus und schreibt ihren Namen und ihr Alter auf das Blatt Papier. Sie ist eine aus einer Gruppe Mädchen, alle zwischen 12 und 17 Jahren alt, die im Schulgebäude im SOS-Kinderdorf Santo, am Rande der Hauptstadt Port-au-Prince, zusammen gekommen sind. Ihre Aufgabe: eine Vision für ein neues Haiti zu formulieren. Für ein Haiti nach dem Erdbeben.

In den ersten Wochen nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Jänner ging es vor allem darum, Überlebende zu retten, Unterkunft, Nahrung und medizinische Versorgung sicher zu stellen. Jetzt ist für die haitianische Regierung und ihre internationalen Partner der Zeitpunkt gekommen, den Fokus auf den Wiederaufbau richten.


Foto: Line Wolf Nielsen
In der Wiederaufbauphase müssen die Stimmen der Kinder gehört werden  - Foto: Line Wolf Nielsen

In Kooperation mit Plan International entstand das Projekt, Kinder und Jugendliche zu befragen, um sicherzustellen, dass die Stimmen der Jugendlichen in dieser Übergangsphase von Nothilfemaßnahmen zu Wiederaufbau gehört werden. Die Regierung Haitis, unterstützt von den Vereinten Nationen, der EU-Kommission, der Weltbank und anderen internationalen Partnern, lancierte ein so genanntes Post Disaster Needs Assessment (PDNA), eine Bedarfserhebung nach der Katastrophe. Das Resultat soll eine leitende Vision für den Wiederaufbau Haitis sein.


In verschiedenen Regionen des Landes werden die Ideen und die Sicht der Kinder in mehr als 50 Fokusgruppen erhoben. Sechs von ihnen bestehen aus Kindern, die in SOS-Kinderdörfern oder –Jugendwohngemeinschaften leben.
"Die Hälfte der haitianischen Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt, und so ist es entscheidend für den Erfolg einer Strategie, Jugendliche einzubinden: Die Entwicklung des Landes ruht auf der positiven Veränderung im Leben der Kinder", erklärt Jules, Sozialarbeiter von SOS-Kinderdorf. Er hat das Wochenende damit verbracht, die Arbeit mit den Fokusgruppen zu begleiten.

Foto: Line Wolf Nielsen
Foto: Line Wolf Nielsen

Mit ihrer leuchtend bunten Zeichnung präsentiert Sandra eine klare Vision, wie ein neues Haiti aussehen könnte. "Ich wünsche mir, dass alle Kinder in die Schule gehen können und dass es Wasser aus der Leitung gibt. Außerdem Geld, um Essen kaufen zu können und Arbeit für alle Menschen", erklärt sie.
Auf der Zeichnung des neun Jahre alten Jeffreys sieht man zwei Menschen, die sich an den Händen halten. Einige Wörter auf Kreolisch, der Sprache, die hauptsächlich in Haiti gesprochen wird, schildern seine Hoffnungen für das Land: dass es sich von der desolaten Situation nach dem Erdbeben erholen möge und zu einer Nation wird, die andere bewundern.


Foto: Line Wolf Nielsen
Kinder wollen zur Schule, genug zu essen, Arbeit für alle - Foto: Line Wolf Nielsen

Jules erzählt, dass die Burschen über ihre Ängste gesprochen haben, dass sie nachts schlecht schlafen. Viel wurde darüber diskutiert, wie wichtig es ist, sichere Häuser zu bauen.


Jungen und Mädchen arbeiten in getrennten Gruppen, die je nach Alter zusammengestellt sind. In der Gruppe der 12- bis 17-jährigen Burschen ist oft die Rede von der Notwendigkeit, Haitis Infrastruktur zu verbessern, insbesondere die Straßen und Krankenhäuser. "Ich möchte, dass alle Kinder Bildung erhalten, einen Platz zum Leben und das Recht auf Gesundheit. Ich selber möchte Agronom werden," teilt der 14-jährige Mainviel Jeanfritz mit. Seine Vision beinhaltet übrigens auch ein Fahrrad für sich und seine Freunde.