Wenn an aufgeben nicht zu denken ist 

Jomana, eine 48 Jahre alte Witwe mit fünf Kindern, bekommt Unterstützung vom Familienstärkungsprogramm, das vom SOS-Sozialzentrum Ksarnaba, Libanon, organisiert wird. Das kleine Geschäft, das sie mit Hilfe des SOS-Sozialzentrums gegründet hat, wirft mittlerweile genug ab, um die sechsköpfige Familie zu ernähren und gibt der Mutter Kraft weiterzumachen.

Libanonkarte - Foto: SOS Archiv
Libanonkarte

10 Uhr vormittags an einem Montagmorgen: im SOS-Sozialzentrum Ksarnaba in der libanesischen Region Bekaa wimmelt es vor Leuten. Manche sind zum ersten Mal hier um sich zu erkundigen oder sich für das Familienstärkungsprogramm anzumelden. Andere begleiten ihre Kinder zum Kinderarzt und wieder andere machen hier im Sozialzentrum Sprach- oder Computerkurse. Dies sind nur einige Beispiele für die Angebote, die das Sozialzentrum den Teilnehmern am Familienstärkungsprogramm und den benachbarten Gemeinden zur Verfügung stellt.

Unter den Besuchern ist auch die 48-jährige Jomana*. Allerdings ist sie aus einem völlig anderen Grund hier. Sie ist aus einem ca. 60 km von Ksarnaba entfernten Dorf gekommen, um im Sozialzentrum Secondhandkleidung abzuholen, die sie in ihrem Geschäft wieder verkaufen möchte.

Jomana wird vom Familienstärkungsprogramm in Ksarnaba unterstützt. Alles hat vor vier Jahren angefangen, als das Programm das Schulgeld für ihre fünf schulpflichtigen Kinder übernahm. Einige Monate später entschieden Jomana und die Sozialarbeiter, dass es für sie nun an der Zeit war, ein Projekt zu starten, mit dem sie Geld verdienen konnte. Da Jomana keine Ausbildung hat und weder lesen noch schreiben kann, entstand die Idee, dass sie zunächst in ihrem eigenen Haus Secondhandkleidung verkaufen konnte. Statt Geld zur Verfügung zu stellen, überlies das Sozialzentrum ihr die Kleidung, die bereits im Lager war.

"Wir bekommen viele Kleiderspenden und kamen daher zu dem Schluss, dass Jomana daraus etwas machen und mit der Kleidung ihr eigenes Geschäft gründen könnte. Für uns sind daraus keine Kosten entstanden,“ erklärt Samar Berro, der Leiter des Sozialzentrums, der Jomana von Anfang an betreut hat.

Fünf minderjährige Kinder, keine Ausbildung, keine Erfahrung am Arbeitsmarkt

Jomana mit ihrer Familie ihrem Secondhandshop, SOS-Kinderdorf Sozialzentrum Ksarnaba
Jomana mit ihrer Familie ihrem Secondhandshop

Jomanas Mann starb vor sechs Jahren; fünf Monate später gebar sie ihr fünftes Kind. Durch diese Umstände geriet Jomana, die in einer sehr armen ländlichen Gegend in Bekaa geboren und aufgewachsen war, in der die meisten Frauen ihres Alters und ihrer Herkunft weder arbeiten noch eine Ausbildung haben, in erhebliche Schwierigkeiten und war auf Hilfe angewiesen.

"Eine meiner Töchter ist sehr krank, für ihre Medikamente muss ich jeden Monat 300.000 Libanesische Pfund (157 Euro) ausgeben. Es war sehr schwierig für mich, diese Medikamente regelmäßig zu bekommen. Schließlich erhielt ich staatliche Unterstützung und jetzt kann ich die Medikamente kostenlos in den öffentlichen Apotheken abholen. Das Problem ist aber, dass sie diese Medikamente nicht immer vorrätig haben und ich sie nur in Privatapotheken in der Hauptstadt Beirut bekomme, wo ich sie natürlich selbst bezahlen muss. Wenn das SOS Sozialzentrum mir nicht bei meiner Geschäftsgründung geholfen hätte, wäre ich zurzeit sicherlich nicht in der Lage sie zu kaufen,“ meint Jomana.

Eine erfolgreiche Geschäftsidee

Foto: SOS Archiv

"Mittlerweile mache ich mit dem Verkauf der Secondhandkleidung aus dem Sozialzentrum auch schon Gewinne. Jedes Mal, wenn ich etwas gespart habe, kaufe ich in Beirut neue Ware ein. Mein Geschäft wächst und ich verkaufe jetzt auch andere Sachen als gebrauchte Kleidung. Ich bringe oft Tücher, Socken, Schals und Pantoffel mit, die ich dann in meinem Geschäft verkaufe. Und manchmal kann ich meinen Kindern sogar etwas Neues kaufen,“ erzählt sie mit einem stolzen Lächeln.

Jomana gibt zu, dass es solche Sachen auch in anderen Geschäften gibt. Die Nachbarn kaufen aber häufig bei ihr, um ihr in diesen schwierigen Zeiten zu helfen. "Ich darf meine Ware gratis im Geschäft einer Verwandten ausstellen und muss das Geschäft also nicht länger in meinem Haus unterbringen. Die Nachbarn unterstützen mich auch sehr. Das Geschäft hat mir nicht nur in finanzieller sondern auch in emotionaler Hinsicht geholfen. Als mein Mann starb, war ich am Ende,“ sagt Jomana.

Jomana war zuvor verschuldet und musste hart kämpfen, um über die Runden zu kommen. In dieser Zeit, so gesteht sie heute, hat sie manchmal ans Aufgeben gedacht und wollte sich geschlagen geben. "Das war aber keine Lösung, ich konnte nicht aufgeben. Schließlich habe ich Kinder, für die ich da sein und die ich ernähren muss. Wenn mich die Hoffnungslosigkeit mal wieder übermannte, überlegte ich mir, meine Kinder aus der Schule zu nehmen. Zum Glück war der Schulleiter sehr geduldig und ermöglichte mir, das Schulgeld später zu bezahlen, wenn es mir wieder besser gehen würde. Dann trat plötzlich das SOS-Sozialzentrum in mein Leben und bot mir Hilfe an,“ erzählt Jomana und geht in Richtung Lagerraum.

Das Familienstärkungsprogramm des SOS-Sozialzentrums nahm seine Arbeit im Jahre 2005 in einer Übergangslokalität auf und zog 2006 ins neu eröffnete Kinderdorf. Das Familienstärkungsprogramm ist das wichtigste Programm, welches das Sozialzentrum in Ksarnaba anbietet. Die Einrichtung verfügt ferner über einen Mehrzweckraum, eine Bücherei, eine Zahnklinik und eine Mutter-Kind-Abteilung, die grundlegende Gesundheitsvorsorge bietet. Das Zentrum, das ursprünglich für 120 Familien konzipiert war, betreute 2008 bereits 142 Familien. Die Kapazität für 2009 ist mit 180 Familien veranschlagt. Andere Programme wie Gesundheitsvorsorge, Sprachkurse und Bewusstseinsbildung sollen die in den Familienstärkungsprogrammen betreuten Familien sowie die Bevölkerung der umliegenden Gemeinden weiter unterstützen.


* Der Name der Frau wurde geändert, um ihre Privatsphäre zu schützen.