Ein Familienstärkungsprogramm, aber eine Vielzahl an Dienstleistungen 

Die alleinerziehende Mutter Ieva leidet an Multipler Sklerose und kann nicht arbeiten. Gemeinsam mit ihren drei Kindern im Teenageralter lebt sie in einer kleinen Wohnung.  Ievas Familie ist nur ein Beispiel für die Betreuung von Familien im Rahmen des Familienstärkungsprogramms, das SOS-Kinderdorf Lettland in der Region Valmiera, im Norden des Landes, ins Leben gerufen hat.

Der Schulpsychologe bemängelte, dass die Kinder immer nur über einen kurzen Zeitraum zur Schule gingen. Dabei waren sie dann häufig depressiv, wenig kommunikativ und nahmen an schulischen Aktivitäten kaum teil.

Als der Sozialarbeiter des Familienstärkungsprogramms die Familie besuchte, fand er die Wohnung in völlig unaufgeräumtem Zustand vor. Die Mutter erzählte, dass die ganze Familie mit hartnäckigen Kopfläusen zu kämpfen hatte, obwohl sie sich regelmäßig Haare waschen würden. Weitere Besuche bei der Familie ergaben, dass die jeweiligen sozialen Rollen nicht dem Alter der Kinder entsprachen - ihnen wurde zu viel Verantwortung aufgebürdet. Außerdem wurde festgestellt, dass es der Familie an sozialer Kompetenz mangelte und sie keinerlei soziale Kontakte pflegte - es gab weder Freunde noch weitere Familienmitglieder. Die Kinder liefen zweifellos Gefahr, ihre elterliche Betreuung zu verlieren.

Karte von Lettland - Foto: SOS-Archiv
Karte von Lettland

In Zusammenarbeit mit der Stadt Valmiera und dem "Vidzeme Regional Support Centre Dardedze" betreibt SOS-Kinderdorf sein Familienstärkungsprogramm in Lettland bereits das zweite Jahr. Betreut werden insgesamt 153 Familien und 278 Kinder.

Die schlechte wirtschaftliche Situation - Lettland wurde von der finanziellen und wirtschaftlichen Krise stärker getroffen als andere Länder in Europa - wirkt sich nachteilig auf viele Familien aus. Sie leiden unter Gehaltskürzungen, Arbeitslosigkeit und Rentenkürzungen. 

Besonders schwer haben es sozial gefährdete Familien, die weniger in der Lage sind, einen Ausweg aus diesen schwierigen Situationen zu finden. Dasselbe gilt auch für große, kinderreiche Familien und Menschen mit unverhältnismäßig niedrigem Einkommen. Das Risiko der Fremdunterbringung steigt naturgemäß für Kinder, deren Eltern nicht mehr imstande sind, für sie zu sorgen.  

Verbesserte Situation

Teilnehmer des Familienstärkungsprogramms - Foto: SOS-Archiv
Teilnehmer des Familienstärkungsprogramms

Die Experten der Familienstärkungsprogramme haben einen Entwicklungsplan für Ievas Familie ausgearbeitet. Die Sozialarbeiter besuchten die Familie zwei Mal wöchentlich in ihrem Zuhause, um der Mutter zu zeigen, wie man die Wohnung sauber hält und wie man ein familiengerechtes Umfeld schafft. Gemeinsam wuschen sie den Kindern die Haare, desinfizierten Wohnung, Kleidung und Bettwäsche.

Ieva ging zweimal die Woche ins Rehabilitationszentrum der Stadt, schloss neue Freundschaften und lernte zahlreiche praktische Dinge. Mehrmals wurde sie von einem Psychologen beraten und stand in regelmäßigen Kontakt mit dem Sozialarbeiter. Die Kinder wurden von einem Psychologen betreut und lernten Entscheidungen zu treffen und entwickelten Selbstvertrauen.

Die Familiensituation verbessert sich zusehends. Die Kinder gehen nun regelmäßig  zur Schule und sind viel fröhlicher. Die Mutter hat begonnen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ist deutlich offener und kooperativer.

Eine Vielzahl an Dienstleistungen

Ieva ist eines von vielen Beispielen, in denen SOS-Kinderdorf-Mitarbeiter ein passendes Paket für die Familie schnüren müssen. Da das Programm eine breite Palette an Dienstleistungen umfasst, ist es einfacher das jeweils richtige Hilfsinstrument zu finden. 

Ein Psychologe und ein Psychotherapeut stehen zur Verfügung, um den Familien zu helfen, ihre emotionalen Probleme und Probleme auf Beziehungsebene in den Griff zu bekommen. Sozialarbeiter besuchen die Familien zuhause, zeigen ihnen wie man den Haushalt führt und die Kinder betreut, oftmals ganz einfache Dinge, die jedoch die grundlegenden Lebensbedingungen und ganz allgemein die Lebensqualität verbessern. Das Programm profitiert auch von der Unterstützung eines sozialen Beraters, eines Montessori-Pädagogen, eines Sprachtherapeuten und eines Juristen.

Gute Ergebnisse wurden speziell in der Gruppe für emotionale Erziehung für Eltern mit Kindern unter 7 Jahren erzielt. Die erwachsenen Teilnehmer können nun ihre Kinder besser verstehen und sind imstande, Konfliktsituationen zu lösen. Nach Beendigung des Kurses sprachen 15 Eltern den Wunsch aus, die Schulung fortzusetzen und gründeten eine Selbsthilfegruppe für Eltern. So teilen sie ihr Wissen mit anderen Familien und weiteren, die noch folgen werden. Es gibt auch eine Selbsthilfegruppe, die Familien mit hohem sozialem Risiko unterstützt, und besonders aktive Eltern haben die Möglichkeit, sich in einem Elternkomitee zu engagieren.

Aktivitäten für Kinder

Teilnehmer des Familienstärkungsprogramms - Foto: SOS-Archiv
Teilnehmer des Familienstärkungsprogramms

Die Mitarbeiter versuchen die Kinder jener Familien, die im Rahmen der Familienstärkungsprogramme betreut werden, in verschiedene Aktivitäten mit einzubinden. So erlernen sie neue Fähigkeiten, machen neue Erfahrungen und erweitern ihren Horizont. Sie lernen beispielsweise über Bräuche und Traditionen und haben die Möglichkeit, kreativ tätig zu werden. 20 Kinder nehmen jedes Jahr an themenbezogenen Ausflügen teil, in denen es um den Umweltschutz geht. Sie lernen, ihren Beitrag zum Schutz der Natur und der Umwelt zu leisten.

Die Mitarbeiter des Familienstärkungsprogramms arbeiten eng mit den örtlichen Sozialbehörden, den Gerichten, den Beamten der Jugendfürsorge, den Schulpädagogen und -psychologen zusammen, und so kann viel erreicht werden. Bedürftige Familien erhalten die Hilfe, die sie benötigen, und die Beamten der Jugendgerichte betonen lobend, dass die Anzahl der Kinder, die von ihren Herkunftsfamilien getrennt wurden seit Beginn der Familienstärkungsprogramme beträchtlich gesunken ist.

Die Teilnahme am Familienstärkungsprogramm  

Der Kontakt zwischen den Familien in Not und den Mitarbeitern der Familienstärkungsprogramme entsteht auf unterschiedliche Weise - entweder auf Drängen der Sozial- oder Gerichtsbehörden oder durch Empfehlung bereits betreuter Familien.

Manchmal entdecken Menschen in Not das Programm aber auch selbst. Tania, 22 Jahre alt und in einem Waisenhaus aufgewachsen, kam mit ihrer 18 Monate alten Tochter zu uns und sagte, dass sie nicht für sie sorgen könne.

Der Vater ihrer Tochter erwies sich als aggressiv und emotional gewalttätig. Die Erfahrungen der Mutter im Waisenhaus und die Tatsache, dass sie keinen Beruf ausübte, machten die Situation noch schwieriger. Tania fehlte es an sozialen Kontakten und an Unterstützung durch ihre Herkunftsfamilie. Sie hatte weder ausreichende soziale Kompetenzen noch verfügte sie über entsprechende Fähigkeiten zur Kinderbetreuung. Sie hatte wenig Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen.

Eine bessere Zukunft  

Tania beschloss ihr Leben zu ändern und lernte von vorhandene Angebote in Anpsruch zu nehmen. Zwei mal wöchentlich ging sie zum Psychologen, um ihr Selbstvertrauen zu stärken und so aus der gewaltsamen Beziehung, in der sie lebte, herauszukommen.

Tania nahm auch an der Elternselbsthilfegruppe teil, in der sie Unterstützung von anderen Müttern erhielt. Familien aus dem Programm schenkten ihr Spielsachen und Kleidung für ihre kleine Tochter. Im Rahmen des Programms erhielt sie zudem auch juristische Beratung durch einen Rechtsanwalt.

Tania beendete ihre gewaltsame Beziehung und lebt nun in einer kleinen Mietwohnung, die sie mit Hilfe eines SOS-Kinderdorf-Mitarbeiters gefunden hat. Sie arbeitet halbtags an einer Tankstelle und die Vermieterin ihrer Wohnung passt währenddessen auf ihre Tochter auf. Sie sieht einer besseren Zukunft entgegen.

Gute Ergebnisse

Bedauerlicherweise gibt es einzelne Fälle, in denen die Bemühungen keine Früchte trugen und so war es unumgänglich, sechs Kinder von ihren Herkunftsfamilien zu trennen - vier  wurden im SOS-Kinderdorf Valmiera aufgenommen und zwei fanden ein Zuhause im SOS-Kinderdorf Islice.

Die MitarbeiterInnen sind dennoch stolz auf ihre Erfolge. Etwa auf eine sechsfache Mutter, die das Sorgerecht für ihre Kinder zurückbekam und deren Kinder nun ihre Fürsorge und Nähe genießen können. Sie freuen sich auch über die insgesamt 19 Kinder aus 16 Familien, die sich herumgetrieben haben und schlechte Schulnoten hatten. Denn mittlerweile gehen diese wieder zur Schule. Erfreulich ist auch, dass18 Eltern Arbeit gefunden haben…