SOS-Kinderdorf Polen - ein Vorreiter in Osteuropa 

"Laut Studien ist die Familie eine 50.000 Jahre alte Institution, die funktioniert. Warum sollten wir das ändern?", sagt Elzbieta Janczur, die Leiterin von SOS-Kinderdorf Polen wenn sie erklärt, was hinter dem Pilotprojekt steht, das Paare in die polnischen Kinderdörfer gebracht hat.

Ritual vor dem Schlafengehen - Foto: M. Mägi
Ritual vor dem Schlafengehen

"Polen hat 38 Millionen Einwohner. Es ist ein großes Land mit vielen sozialen Problemen. 62.000 Kinder leben nicht zu Hause, 25.000 von ihnen leben in staatlichen Kinderheimen und kurzfristiger staatlicher Unterbringung. Obwohl die Geburtenrate zurückgeht, bleibt die Zahl von Kindern in Fremdunterbringung gleich. Wir können also sagen, dass sich die Situation für Kinder verschlechtert", erklärt Elzbieta Janczur.

SOS-Kinderdorf Polen hat das Ziel, eine Antwort auf diesen Bedarf zu bieten. So setzt die Organisation zum Beispiel im ländlichen östlichen Landesteil, wo die Armut zu sozialen Problemen geführt hat, die meisten ihrer Programme um. Zusätzlich zu den drei Kinderdörfern in der Region arbeitet SOS-Kinderdorf direkt mit 52 Familien in der Stadt Lublin. Sie sollen darin unterstützt werden, ihre Kinder in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden und anderen Dienstleistern effektiv zu schützen und zu betreuen, sowohl in emotioneller als auch in materieller Hinsicht. Vor kurzem wurde in Karlino im Nordwesten Polens ein viertes SOS-Kinderdorf eröffnet. In dieser hauptsächlich landwirtschaftlich geprägten Gegend gibt es einen hohen Prozentsatz von Arbeitslosen, und die meisten Familien leben unter der Armutsgrenze.

Väter und Onkel

SOS-Kinderdorfvater und Tochter - Foto: M. Mägi
SOS-Kinderdorfvater und Tochter

Im neuen SOS-Kinderdorf Karlino betreut - einzigartig für SOS-Kinderdorf in Osteuropa - ein Paar eine Familie. Dafür gibt es zweierlei Gründe: Erstens führte die Tatsache, dass es in den SOS-Kinderdörfern nur allein stehende Mütter gab, in der polnischen Gesellschaft, wo die Familie als Institution und Wert fest verankert ist, zu Missverständnissen. Die Aufnahme von Paaren brachte eine stärkere Unterstützung und Wertschätzung für die Arbeit der Organisation. Zweitens, erklärt Frau Janczur: "Wenn wir das Ganze aus Sicht des Kindes betrachten, sind die beste Lösung die biologischen Eltern. Wenn es nicht möglich ist, bei den biologischen Eltern oder bei einem Elternteil zu leben, ist die zweitbeste Lösung eine Pflegefamilie mit Mutter und Vater. Ich persönlich sehe ehrlich gesagt keinen Unterschied zwischen einer SOS-Kinderdorf-Mutter und SOS-Kinderdorf- Eltern. Die Hauptsache ist, die richtigen, kompetenten Menschen zu finden - und sie entsprechend zu unterstützen."

Adam und Dorata arbeiten seit 16 Monaten hier im SOS-Kinderdorf Karlino sind. "Es gab einen Punkt in unserem Leben wo wir uns die Frage nach dem warum stellten. Warum sind wir Teil einer immer schneller werdenden Welt, was ist mit der Familie, was mit uns?" erzählt Dorata. Beide gaben ihre Jobs als Journalisten bei der zweitgrößten Zeitung in Polen, der "Gazeta Wyborcza", auf und zogen von der Metropole Warschau in die Kleinstadt Karlino. Und nun haben sie sechs Kinder anstatt nur eines: die Zehnjährige Dagmara, der Neunjährige Adrian, der Siebenjährige Kristian, die Sechsjährige Marta, ihre eigene Tochter - die Fünfjährige Gosia, und die Zweijährige Amelia. "Freunde, die den Schritt anfangs nicht verstehen konnten kommen mittlerweile an den freien Wochenende oft zu Besuch", so Adam.

Der Familienhelfer hilft beim Lesen - Foto: M. Mägi
Der Familienhelfer hilft beim Lesen

Es ist geplant, diese Initiative auf drei Paare pro Kinderdorf auszubauen. SOS-Kinderdorf Polen hat die Bedeutung von männlichen Bezugspersonen schon lange erkannt. 2003 wurde der erste männliche Familienhelfer eingestellt, nun gibt es in allen vier Dörfern Männer. Ein Onkel, wie die Kinder ihn nennen, kann seinen eigenen Weg wählen - er kann entweder genau jene Aufgaben übernehmen, die eine Familienhelferin normalerweise macht, oder, wenn er sich entscheidet, in traditionell eher männlich dominierten Bereichen tätig zu sein, kann er zum Beispiel eine Sportgruppe leiten. Elzbieta ist der Meinung, beides sei sehr gut für die Kinder: "Unsere Organisation ist aufgeschlossener geworden, und unser Bild in der Gesellschaft ist gut, aber wir haben auch dafür gearbeitet."

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