Mit den Händen greift man nach Sternen 

Der Wecker läutet um 6 Uhr morgens. René wacht auf und bereitet sich auf seinen Arbeitstag vor. Um acht Uhr ist er bereits voll im Einsatz und glücklich, das tun zu dürfen, was ihm am meisten Spaß macht: Er schwingt als Küchenchef eines der bekanntesten Unternehmen in der Stadt Concepcion den Kochlöffel.
René, Absolvent der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule und Küchenchef - Foto: F. Espinoza
René, Absolvent der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule und Küchenchef

Jeden Morgen begibt sich René zu einem der ältesten und bekanntesten Fabriksgebäude in der Stadt Concepción, dem so genannten "Versluys". Das Unternehmen hat mehrere Niederlassungen in der ganzen Stadt, die erlesene Backwaren und Fertiggerichte verkaufen. René ist in der Firmenkantine der Küchenchef und bereitet das Essen für die 140 Angestellten zu. In dem halben Jahr, das er nun schon tätig ist, wurde seine ausgezeichnete Küche schon häufig gelobt.

Das Erreichte hat er sich hart erkämpft. René war Schüler der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule in Concepcion, deren Ausbildungsschwerpunkte auf der persönlichen Entwicklung und der beruflichen Fachausbildung liegen. Die Schule bietet drei Ausbildungszweige: Elektrotechnik, Textilien- und Uniformenherstellung und Großgastronomie, wobei Renés Wahl auf letzteres fiel.

Theorie und Praxis genießen den gleichen Stellenwert. Die Schüler verbringen drei Wochentage in der Schule und zwei Tage in einem Betrieb. So werden sie mit den Regeln und internen Betriebsabläufen vertraut - ganz so als wären sie Angestellte - und setzten dabei ihr theoretisches Wissen gleich in die Praxis um. Außerdem lernen sie die Anforderungen der verschiedenen Unternehmen kennen. "Dadurch wird das Lernen zu einem in sich viel geschlossenerem Prozess", meint der Schuldirektor Victor Cardenas.

Zur Zeit sind 273 Kinder und Jugendliche in Ausbildung (17 in Gastronomie), die hauptsächlich aus dem Stadtteil Pedro del Río Zañartu stammen, eine Gemeinde mit sehr hohem Anteil armutsgefährdeter Personen. Der Anteil von Armutsgefährdeten in der Schule beträgt laut der nationalen Studienbeihilfenbehörde 76,3 %.

René erinnert sich mit einem breiten Lächeln an das Jahr 2003: "Ich ging mit meinen Eltern zur Einschreibung in die SOS-Hermann-Gmeiner-Schule. Mein Traum war eine Ausbildung in Gastronomie."Vier Jahre später beendete er das vierte Jahr Sekundarschule und begann seine erste Berufspraxis in dem Hotel "El Araucano", wo er sechs Monate arbeitete. Er erwies sich als so tüchtig, dass er gleich danach in dem Betrieb zu arbeiten beginnen konnte, wo er heute ist. Einer der berührendsten Momente in seinem Leben war sicherlich 2007, als ihm sein Berufsdiplom verliehen wurde. "Meine Eltern und sechs Geschwister platzten fast vor Stolz. Mein Vater war völlig aus dem Häuschen; er ist Straßenverkäufer, und für ihn war dies die Erfüllung eines Traums. Wir sind eine große Familie mit sehr geringem Einkommen. Das war wirklich ein Erfolg für die ganze Familie."

Zwei Studenten im Labor der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule in Concepcion - Foto: F. Espinoza
Zwei Studenten im Labor der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule in Concepcion

Zusätzlich zum offiziellen Lehrplan, den das Unterrichtsministerium vorschreibt, bietet die Schule auch Englisch, Musik und EDV-Workshops. Letztere üben zweifellos am meisten Anziehungskraft auf die Studenten aus, da nur wenige einen eigenen Computer zu Hause haben. Zeichnen, malen oder einfach nur mit Unterrichts-Software arbeiten ist für die meisten von ihnen das höchste der Gefühle.

Auch für die Eltern der Schüler hat die Schule etwas im Programm: Regelmäßige EDV-Kurse und wirtschaftliche Workshops zum Beispiel. Eltern und Pflegeeltern erhalten in Gruppen Informationen über Familienstärkung, damit sie ihren Teil zum Schutz der Kinder und Jugendlichen beitragen.

Das Unterrichtsministerium hat der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule 2007 für ihr hohes Unterrichtsniveau ein Qualitätszertifikat verliehen. Dadurch taten sich für die Schule wichtige Kooperationsmöglichkeiten mit Unternehmen aus der Gegend auf, die den PraktikantInnen Jobs anbieten.

René hat noch andere Träume: Eines Tages möchte er beispielsweise als Koch auf einem Kreuzschiff arbeiten. "Mein größter Traum wäre ein eigenes Restaurant", bemerkt er, und auf die Frage, was er uns dort kredenzen würde, antwortet er aufgeregt: "Risotto mit Shrimps aus Ecuador oder Lachs aus dem Süden an Seebarsch und Cremespinat."

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