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| Das BIWAK Haus in Hall in Tirol |
Eine Gruppe mit gesellschaftlich besonders schwierigem Status sind unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, die aus unterschiedlichen Gründen in den Wohlstandsstaaten stranden. Sie fliehen vor Krieg und Unterdrückung, verlassen ihre Heimat wegen Armut und Aussichtslosigkeit, werden von ihren Eltern weggeschickt, um etwas aus sich zu machen oder Geld für den Erhalt der Familie zu verdienen. In den reichen Ländern wie Österreich schweben diese Jugendlichen, die alleine in einer für sie völlig unbekannten Kultur ankommen, in einem luftleeren Raum. Sie können nicht in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden, erhalten aber oft erst nach längerer Zeit - wenn überhaupt - eine Aufenthaltsgenehmigung. Es ist eine Zeit des Wartens auf Abklärung, ob sie bleiben dürfen oder gehen müssen, eine Zeit, die sie zur Handlungsunfähigkeit zwingt.
In dieser Phase, wo die Jugendlichen eigentlich nirgendwo zugehörig sind, sie nur sehr eingeschränkte Rechte in Bezug auf Ausbildung, Arbeit, Wohnen und Mobilität haben, braucht es dringend entsprechende Stellen, die ihnen unterstützend, beratend und begleitend unter die Arme greifen. Das junge Team von Sozialpädagog(inn)en, Psycholog(inn)en, Pädagog(inn)en und Sozialarbeiter(inn)en im BIWAK in Hall versucht, bis zu 15 heimatlosen Jugendlichen ein Zuhause zu geben, eine sinnvolle Tagesstruktur zu schaffen, sie mit den lokalen Gegebenheiten vertraut zu machen und ihrem Alter gemäß zu betreuen.
Das BIWAK definiert sich als Wohngemeinschaft mit - im Fachjargon - "hochschwelliger" Betreuung. Das bedeutet, dass eine individuell ausgerichtete Begleitung angeboten wird, wo jederzeit eine Betreuungsperson zur Verfügung steht, täglich fixe Programmpunkte und auch eine verpflichtende Teilnahme am Gemeinschaftsleben und verschiedenen Tätigkeiten vorgesehen sind - allerdings ohne die Jugendlichen in ihren notwendigen Freiräumen zu beschneiden. "Diese Art der Intensivbetreuung ist nicht für jeden Jugendlichen geeignet", so BIWAK-Leiter Lorenz Kerer. "Ein Jugendlicher, der z.B. ein halbes Jahr auf der Flucht war, völlig auf sich alleine gestellt, der sich ohne Hilfe durchbringen musste, hat unter Umständen Schwierigkeiten mit dieser Unterbringungsform."
Die meisten der Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren erleben das BIWAK aber als Beheimatung und als Chance, ihre extrem schwierige Situation psychisch zu verarbeiten - und die wenigen Möglichkeiten zur Zukunftsgestaltung, die ihnen vom Gesetz her eingeräumt werden, zu nutzen. Der österreichische Lebensstil und die örtlichen Gegebenheiten dienen als Orientierung, denn schließlich, so Lorenz Kerer, "wollen die Jugendlichen ja hier Fuß fassen und leben."
Die jungen Menschen, die zurzeit im BIWAK wohnen, kommen u.a. aus Afghanistan, Gambia, Vietnam, aus Somalia, Nigeria und dem Libanon. Der Tag startet mit einem Deutschkurs für alle, dann steht Putzen, Aufräumen, Waschen, Bügeln und Kochen auf dem Programm, gemeinsames Essen zu Mittag, der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Daneben gibt es natürlich noch diverse andere Beratungs- und Bildungsangebote und Stützungsmaßnahmen. Eine der wichtigsten Bemühungen des BIWAK-Teams ist die Suche nach Anstellungs- und Ausbildungsmöglichkeiten - ein sehr schwieriges Unterfangen, da der Status der Jugendlichen keine offizielle Arbeitserlaubnis und keinen Zugang zu Lehrstellen ermöglicht. Bleibt oftmals nur, die Schlupflöcher im engen Korsett der Asylpraxis zu finden, z.B. gemeinnützige Arbeit, die erlaubt ist.
In der Stadt Hall, wo das BIWAK in einem großzügigen, alten Haus untergebracht ist, gibt es zahlreiche öffentliche Stellen, private Initiativen, Kultureinrichtungen und engagierte Einzelpersonen, die das Integrationsprojekt von SOS-Kinderdorf Österreich mittragen und auch mitgestalten - und den jugendlichen Flüchtlingen ein Zuhause geben wollen - wenn es auch nur eines auf Zeit ist, denn mit Erreichen der Volljährigkeit endet der Aufenthalt im BIWAK. Und der Staat entscheidet über Bleiben oder Gehen.