George lernt lesen 

In Georgs Klassenzimmer hängen zwei Poster an der Wand: Eines zeigt einen jungen Mann, der von seiner Zukunft träumt, das andere eine junge Dame in einer Graduierungsrobe. Allmählich reift in George das Bewusstsein, selbst auch vieles erreichen zu können, wenn er sich in der Schule anstrengt.

Der zwölf-jährige George* kam 2005 ins SOS-Kinderdorf Kitwe. Nach dem Verlust seiner Eltern musste er die Schule verlassen. Als er ins Kinderdorf kam, sollte er auf Grund seines Alters eigentlich schon die 6. Klasse besuchen, doch leider war er schon einige Jahre nicht mehr zur Schule gegangen und konnte weder lesen noch schreiben. Seine SOS-Mutter und die Lehrer entschieden dann, dass er besondere Unterstützung brauchte und sich die Grundkenntnisse am besten in einer sogenannten Alphabetisierungsklasse aneignen würde.

Georg war zunächst gar nicht glücklich über diese Entscheidung und betrachtete sie als eine Strafe. Nach zahlreichen, mit großer Sorgfalt geführten Gesprächen zwischen ihm, seiner SOS-Mutter und Lehrpersonen, denen er vertraute, konnte er sich dann doch damit abfinden, in eine Alphabetisierungsklasse zu gehen. Schließlich begann er sich wegen der guten Lernatmosphäre an der Schule sogar auf den Schulbesuch zu freuen.

Die Schüler haben Spaß im Klassenzimmer - SOS-Hermann-Gmeiner-Schule Kitwe - Foto: SOS Archiv
Die Schüler haben Spaß im Klassenzimmer

Das vorrangige Ziel der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule ist es, insbesondere verwaisten, verlassenen und in Not geratenen Kindern aus dem SOS-Kinderdorf Kitwe und der umliegenden Gemeinde eine qualitativ hochwertige Grundschulbildung zu bieten, die lokalen und internationalen Standards entspricht.

Kitwe ist die drittgrößte Stadt Sambias, zählt rund 1,2 Millionen Einwohner und ist die Hauptstadt der Kupfergürtel-Region im Norden des Landes. Aufgrund der sinkenden Kupferpreise verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der Region und die Bevölkerung verarmte zusehends. Seit der Eröffnung des SOS-Kinderdorfs und der Hermann-Gmeiner-Schule in Kitwe im Jahre 2005 hat sich die Situation zahlreicher Waisen und in Not geratener Kinder in der gesamten Kupfergürtel-Region enorm gebessert. Die Aktivitäten der Schule endeten aber nicht an den Toren des SOS-Kinderdorfs, sondern reichten weit darüber hinaus.

Durch die Schließung von Industrien und Minen, der zum Teil größten Arbeitgeber, verloren viele Familienoberhäupter ihre Arbeit, was zwangsläufig dazu führte, dass viele Kinder nicht mehr zur Schule gehen konnten. Kinder anderer Familien mussten die Schule abbrechen, weil der Ernährer der Familie der Seuche HIV/AIDS zum Opfer gefallen war. Die Folge war eine alarmierend hohe Analphabetenrate, auf die die Schule mit einer Alphabetisierungskampagne für Erwachsene und Jugendliche dieser Gemeinde reagierte.

Herr Mwansa - Foto: SOS Archiv
Herr Mwansa
So nimmt Herr Chrispin Mwansa am Alphabetisierungsunterricht der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule teil, da er seine Schulbildung früher nicht abschließen hat können. Jetzt kann er lesen und schreiben, was er zuvor nicht konnte. Dieses neu erworbene Wissen kommt ihm in seinem Lebensmittelgeschäft, das seine Lebensgrundlage darstellt, sehr zu Gute.

Die SOS-Hermann-Gmeiner-Schule zählt zu den besten des Kupfergürtels. Es hat 18 Klassenzimmer, einen Computerraum, ein Chemielabor, eine Bibliothek sowie Räumlichkeiten für Hauswirtschaftslehre und Holz- und Metallverarbeitung.

George hat noch einen langen Weg zu gehen, bevor er sich für eine künftige berufliche Laufbahn entscheiden kann. In der Alphabetisierungsklasse hat er aber schon bald gelernt, sich konkrete Ziele zu setzen und hat hart daran gearbeitet. Letztes Jahr hat er seine Prüfungen der 7. Klasse mit sehr guten Noten bestanden und konnte in die 8. Klasse der Junior High School aufsteigen. Auch hier besticht George durch seine hervorragenden Leistungen und zählt regelmäßig zu den Klassenbesten.

Zurzeit besuchen 137 Kinder aus dem Dorf die ersten bis neunten Klassen der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule Kitwe. Insgesamt zählt die Schule 739 Kinder. Dazu gehören auch Kinder aus den ärmeren Gemeinden, die Unterstützung durch das Stipendienprogramm erhalten.

* Zum Schutz der Privatsphäre haben wir den Namen des Jungen geändert.