Familien zusammenhalten 

Das SOS-Familienstärkungsprogramm in Georgien ist oftmals der einzige Hoffnungsschimmer für sozial schwache Familien, die knapp davor stehen, ihre Kinder zu verlassen.
 

Landkarte von Georgien - Foto: SOS-Archiv
Landkarte von Georgien
Georgien ist zwar kürzlich wegen seiner politischen Turbulenzen in die Schlagzeilen gekommen, normalerweise findet das Land in den Nachrichten aber keine Erwähnung.

Die in Südwestasien gelegene Republik Georgien leidet noch immer an den Auswirkungen des sozialen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs durch das Auseinanderfallen der früheren Sowjetunion. Seit der Unabhängigkeit im April 1991 haben mehr als eine Million Menschen das Land verlassen, hauptsächlich jene mit hohem Bildungsniveau. 32% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, 13 - 15% der Haushalte sind völlig verarmt (Quelle: Wikipedia). Das Land zählt 4,77 Millionen Einwohner (Juli 2005).

Infolge dieser Lebensbedingungen landeten immer mehr Kinder auf der Straße und mussten sich selbst durchschlagen. 1998 beschloss SOS-Kinderdorf daher, in Georgien aktiv zu werden. Das erste SOS-Kinderdorf Tbilisi ging im Oktober 1996 in der gleichnamigen Hauptstadt (auch Tiflis) in Betrieb, ein zweites im September 2002 in Kutaisi, einer einst wichtigen Industriestadt. An diesem Standort wurde drei Jahre später ein Familienstärkungsprogramm eingerichtet. Durch das Projekt werden derzeit 92 Kinder (52 Mädchen und 40 Buben), 172 Erwachsene und 42 Familien betreut.

Wiedergewonnener Glaube

Georgische Fahne - Foto: K. Ilievska
Georgische Fahne

Die dunkelhaarige Tamar ist Alleinerzieherin und nimmt seit fast zehn Monaten an dem Programm teil. Ihre Lebensgeschichte ist exemplarisch für so viele andere: "Nachdem ich mein Universitätsstudium in Mathematik und Physik abgeschlossen hatte, fand ich eine Anstellung mit guten Aufstiegschancen als Bibliothekarin in einer hiesigen höheren Schule." Tamar wollte heiraten und ein glückliches Leben führen. Sie wurde schwanger, doch ihr Freund stahl sich aus der Verantwortung… Die Türen ihres Elternhauses auf dem Lande blieben für sie verschlossen – die Tochter wurde von der ganzen Familie geächtet. "Sie sprechen seither nicht mit mir." Dann verlor sie ihren Job, "Abbau von überschüssiger Arbeitskraft", lautete das Schlagwort. Allein mit ihrem fünf Monate alten Baby stand sie vor den Trümmern ihrer Existenz und musste ihr Dasein nunmehr in einem feuchten Untermietszimmer im Souterrain eines Hauses außerhalb von Kutaisi fristen. Eines Tages kam sie auf der Suche nach Arbeit in das SOS-Kinderdorf Kutaisi. Sie wurde sofort in das Familienstärkungsprogramm aufgenommen und erhält dadurch eine monatliche finanzielle Unterstützung sowie eine Lebensmittelration. Tamar würde sich niemals auf die Hilfe anderer verlassen, wäre sie nicht unbedingt darauf angewiesen, da in Kutaisi Anstellungsmöglichkeiten in ihrem Beruf so gut wie nicht vorhanden sind. "Ich möchte gerne nähen lernen. Als Näherin könnte ich einen Job finden und vielleicht sogar von zu Hause aus arbeiten."

Neben Lebensmitteln und Medikamenten erhalten TeilnehmerInnen des Familienstärkungsprogramms auch soziale und psychologische Unterstützung. SOS-Kinderdorf arbeitet auch eng mit externen Partnern zusammen, um dadurch besser Jobs akquirieren zu können. Es werden Treffen mit einflussreichen Persönlichkeiten aus der Gemeinschaft veranstaltet, damit auch diese in den Arbeitsprozess eingebunden werden. Dadurch erleben sie hautnah, mit welchen Problemen Familien zu kämpfen haben, und können besser geeignete Lösungen für sie finden. Vielleicht auch für Tamar.

Großmutters Wunsch

Maria mit ihrem Enkelsohn - Foto: K. Ilievska
Maria mit ihrem Enkelsohn

Ein zweites Familienstärkungsprogramm ging im Februar 2007 in Tbilisi in Betrieb. Im Rahmen dieses Projektes werden derzeit 120 Kinder (61 Buben, 59 Mädchen), 154 Erwachsene und 87 Familien betreut. Ebenso wie in Kutaisi bietet das Familienstärkungsprogramm Unterstützung bei Ausbildung, Ernährung und Gesundheitsversorgung; außerdem hilft es den Familien, ihre Kinder ausreichend zu schützen und zu versorgen. Ziel des Programms ist es auch, für die Familien Mittel und Wege zu finden, durch die sie zu einem eigenständigen Einkommen gelangen. Seit Beginn des Programms ist zwar noch niemand unabhängig geworden, dafür sind aber die gesundheitlichen Bedingungen schon wesentlich verbessert worden, alle teilnehmenden Kinder befinden sich weiterhin im Schoße ihrer leiblichen Familie und die Zahl jener Familien, die ihre Kinder ausreichend ernähren können, ist gestiegen. Ebenso wie in Kutaisi werden die Kinder, Erwachsenen und ganze Familien von SozialarbeiterInnen betreut.

Die 71jährige Maria ist eine von ihnen. Am Stadtrand von Tbilisi wohnt sie mit ihren beiden kleinen Enkelsöhnen im fünften Stock eines alten Gebäudes: Kein Lift, eingeschlagene Fensterscheiben und verschmutzte Korridore.

Vor vier Jahren besaß Maria noch ein Haus im Zentrum von Tbilisi. Eines Tages ging Marias Schwiegertochter für immer und die Familie blieb zurück. Der Vater (Marias Sohn) versank daraufhin in Kummer und Alkohol, wurde arbeitslos und war nur noch mit seinen psychosomatischen Problemen beschäftigt. Als er schließlich in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, musste Maria ihr Haus mit einer Hypothek belasten, damit sie die Spitalsbehandlung für ihren Sohn bezahlen konnte. Schon bald gelangte das Haus in den Besitz der Bank, und die Großmutter mit ihren beiden kleinen Enkelsöhnen wurde obdachlos. Sie wandte sich um Hilfe an das Sozialamt und erhielt eine Ein-Zimmer-Wohnung.

Maria wurde schon Anfang 2007 in das Familienstärkungsprogramm aufgenommen. Es war bereits hoch an der Zeit, da sie bereits begonnen hatte, eine institutionelle Unterbringungsmöglichkeit für ihre Enkelsöhne in Erwägung zu ziehen. Einmal im Monat bringt Darejan, der Sozialarbeiter des Programms, Essens- und Haushaltspakete vorbei, und Maria kommt einmal pro Woche zu einer persönlichen Beratung.

Der Eingang von Marias Wohnung - Foto: K. Ilievska
Der Eingang von Marias Wohnung

Viel Platz zum Spielen haben die Jungen nicht. Im Inneren des Gebäudes ist es aufgrund der eingeschlagenen Fensterscheiben zu gefährlich, und der Spielplatz im Freien ist übersät mit Müll und Bauabfällen. Maria nimmt immer noch täglich die Strapaze auf sich, die fünf Stockwerke hinab und hinaufzusteigen, damit ihre Enkelsöhne Fußball spielen können. "Hinunter brauche ich ungefähr dreißig Minuten", sagt sie. "Hinauf dauert es länger."

Maria sorgt schon für das Unvermeidliche vor. "Wenn ich einmal sterbe, kommen meine Enkelsöhne zu meiner Tochter. Ihr Ehemann ist behindert und sie sind auch sehr arm, aber SOS-Kinderdorf hat uns wieder Zuversicht gegeben. Meine Familie muss zusammenbleiben. Das ist mein einziger Wunsch."

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