 |
| Ein guter Fang |
Den Tagesfang an Land zu ziehen, stellt für die Schüler des Zentrums eine Übung in Teamwork dar. Die sechzehn Jungen ziehen die großen Fischernetze immer enger zusammen, während sie zum Rand des großen Fischzuchtbeckens im SOS-Berufsbildungszentrumg Bagerhat schwimmen. Dabei versuchen sie, die Netzränder mit ihren Händen so hochzuhalten, dass, während sie näher an das seichte Ufer schwimmen, große und kleine Fische nicht darüber gelangen können, auch wenn diese ständig hochspringen und so das Wasser innerhalb des Netzes zum Schäumen bringen. Neben orangefarbenen Karpfen und vielen anderen Arten von lokalen Fischen sieht man auch große blaue Riesengarnelen. Die kleinen Tiere werden schnell wieder in das Wasser zurückgeworfen, während die größeren sorgfältig sortiert werden, um danach ihre Tage in großen blauen Eimern zu beschließen.
Später wird der Fisch auf dem örtlichen Markt verkauft. Der halbe Gewinn landet auf den persönlichen Sparkonten der Schüler.
Das SOS-Berufsbildungszentrum Bagerhat in Bangladesch bietet Jugendlichen, die in diesem Bereich tätig werden wollen, eine gründliche Ausbildung in Landwirtschaft und Viehzucht. Den zukünftigen Landwirten und Viehzüchtern werden praktische Kenntnisse und theoretischer Unterricht vermittelt, und dazu gehört neben vielen anderen Fächern auch das Fischen.
Eine Entenfarm befindet sich gleich neben dem Zuchtbecken, und auf dem Weg zu den Unterständen, die die Ziegen und Kühe vor der sengenden Mittagshitze schützen, trifft man auf insgesamt fünf Hühnerställe. Außerdem gibt es noch 250 Tauben, die in den kleinen Löchern über dem neuerrichteten Geräteschuppen nisten.
 |
| Auch Melken will gelernt sein! |
Der zweiundzwanzigjährige Imtaz und der ein Jahr jüngere MD melken gerade eine weiße Kuh; einer hält das junge Kalb am Seil, während der andere neben der Mutterkuh hockt und melkt. Beide befinden sich in ihrem vierten und letzten Ausbildungsjahr und werden in sieben Monaten ihren Abschluss machen, um Viehzüchter und Milchbauern zu werden. Imtaz ist im SOS-Kinderdorf Bogra aufgewachsen, und das Aneignen von Bücherwissen war nie so ganz seine Sache. "Ich lernte nur sehr langsam und hatte keine Lust, noch länger die Schulbank zu drücken", erzählt er.
Imtaz ist mit seinem jetzigen Tätigkeitsfeld rundum zufrieden und träumt von einem eigenen Bauernhof: "Eine gute Kuh gibt am Tag 33 Liter Milch, das bringt einen guten Gewinn!"
In dem Schulprojekt haben Imtaz und MD alles über Kühe gelernt, angefangen vom Wasserbedarf über Tierhygiene bis zur Fütterung und Versorgung mit allen nötigen Nährstoffen. "Kühe benötigen eine Mischung aus Heu, Futtermitteln aus Sojasamen und Stroh; dadurch steigert man die Milchproduktion und verhütet Krankheiten", sagt MD. Er ist im SOS-Kinderdorf Rajshahi aufgewachsen und träumt davon, einmal zehn oder zwölf Kühe sein Eigen zu nennen. "Aber für den Anfang werde ich mich wohl mit einer begnügen müssen! Eine Kuh kostet zwischen 10.000 und 19.000 Taka." (Anmerkung: 1 Euro entspricht 107 Taka)
Jugendliche aus allen SOS-Kinderdörfern in Bangladesch können das Berufsbildungszentrum besuchen, sofern sie schon vierzehn Jahre alt sind und Interesse an einer einschlägigen Ausbildung zeigen.
Die Kuh ist gemolken und Imtaz schüttet den letzten Eimer schäumender Milch in den Container. Später werden sie die Milch abpacken und auf dem Markt verkaufen.
 |
| Ein umweltfreundlicher Brennstoff |
Die Herstellung von Milch und Fleisch ist aber nur ein Teil der Produktpalette. Im SOS-Berufsbildungszentrum Bagerhat sorgt eine Biogas-Anlage dafür, dass sogar der Kuhdung verwertet wird. Neben Hühnermist, verfaultem Gras und Laub wird Kuhdung als Rohmaterial in der Biogas-Anlage verwendet und das " hausgemachte" Gas findet in allen Küchen der Umgebung Verwendung. Die hochwertigen Düngemittel, die ebenfalls daraus gewonnen werden, kommen direkt auf die Beete und bringen eine ergiebige Ernte an feinstem Gemüse, riesigen Wassermelonen und Reis.
Die Ausbildung dauert vier Jahre und die Jungen durchlaufen dabei halbjährliche Fachmodule, in denen sie mit allen praktischen und theoretischen Aspekten des Berufs vertraut gemacht werden. Die Jungen aus der Nachbarschaft können sich gemeinsam mit den SOS-Jugendlichen aus der Nachbarschaft zu Tischlern und Landwirtschaftstechnikern ausbilden lassen. Dies fördert die guten Beziehungen zu den umliegenden Gemeinden und hilft außerdem, das Problem der hohen Arbeitslosigkeit in der Region zu mildern. Bagerhat befindet sich im Südwesten von Bangladesh in der Bucht von Bengalen. Die wirtschaftliche Lage der Menschen ist prekär; viele sind Landarbeiter oder arbeiten in der Fisch- und Krustentierzucht, wobei die größte wirtschaftliche Bedeutung der Shrimp-Zucht zukommt.
Das Ausbildungsprojekt startete 1996 und hat bereits 55 Absolventen hervorgebracht. Mehr als 30 davon arbeiten entweder in dem landwirtschaftlichen Projekt selbst oder sind in der Industrie und auf Hühnerfarmen beschäftigt. Einige haben es bereits zu einem kleinen Bauernhof gebracht und sich so eine eigene Existenz auf dem Lande geschaffen.