Der Name des Lächelns 

Mit einem alten Regenschirm schützt sie sich vor der Nässe. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie winkt, als sie den Raum betritt und entschuldigt sich laut für ihr Zuspätkommen: "Heute ist das Eltern-Lehrer Treffen, aber ich habe um eine Pause gebeten", sie lächelt immer noch. Zu lange war ihr Gesicht von Kummer und Sorgen gezeichnet.

Landkarte von Georgien - Foto: SOS-Archiv
Landkarte von Georgien

Ihre Flucht

Geboren und aufgewachsen in Sukhumi, in der von Georgien abgespaltenen Provinz Abchasien hoffte Lamzira auf ein friedvolles Leben als Bibliothekarin, Frau und Mutter. Kurz nach Abschluss ihres Studiums heiratete sie und gebar ihre Tochter. Dann begann ihr Albtraum.

Der in Abchasien herrschende Krieg zwang die georgische Bevölkerung in andere Teile des Landes zu flüchten. Lamziras Familie ließ sich, so wie die meisten Flüchtlinge, in Kutaisi nieder. Die kleine Familie fand vorübergehend Unterkunft in einem Klassenzimmer eines alten Schulgebäudes. 16 Jahre später leben sie und weitere 15 Familien immer noch dort.

Ihre Zuflucht

Die Lebensbedingungen sind schrecklich. Undichte Dächer, zerborstene Fensterscheiben, improvisierte Küchen in den Gängen, permanente Stromprobleme, kaputte Böden, die den Blick auf den Keller freigeben, desolate Treppen, provisorisch angebaute Toiletten und der Geruch der Hoffnungslosigkeit. 

Lamzira schiebt ein großes, hölzernes Brett zur Seite, von dem man denken könnte, es diene dazu, ein Loch in der Wand abzudecken. Tatsächlich aber ist es die Tür zu ihrer Einraumwohnung. Innen befinden sich ein altes Metallbett, zwei gebrauchte Sofas, zwei kleine Kaffeetischchen, zwei alte Stühle und ein abgenutztes Wandregal. Die einzige Lichtquelle kommt aus hohen Fenstern, von denen einige wenige mit Laken abgedeckt sind. Das einzig strahlende in Lamziras Heim ist Lamzira selbst.

Ihre Schwangerschaften

Lamzira beginnt ihre Geschichte zu erzählen: "Wir waren glücklich, damals vor 16 Jahren. Dieser Raum war etwas heller und unsere zweite Tochter, die kurz nach unserer Ankunft in Kutaisi geborgen wurde, machte unser Leben noch glücklicher. Mein Mann fand nur als Arbeiter eine Beschäftigung, aber er beklagte sich nicht. Vier Jahre lang lebten wir in Armut aber wir waren glücklich.

Unser drittes Kind starb nach nur acht Monaten. Ein Jahr später verlor ich ein weiteres Kind, eine Totgeburt. Kummer und Verzweiflung waren wieder an der Tagesordnung. Die meiste Zeit über nahm ich die Welt um mich gar nicht war. Dennoch hielt ich durch und beruhigte mich, indem ich mir sagte, dass dies nun die letzte Prüfung sei, die Gott mir auferlegt.

Meine fünfte Schwangerschaft verlief ruhig und ich gebar einen gesunden Jungen. - So dachte ich zumindest. Während der Geburt verlor ich viel Blut und brauchte eine Bluttransfusion. Zwei Jahre später nahm die Klinik mit mir Kontakt auf, ich sollte ein paar Tests machen und meine gesamte Familie mitbringen.

Die Bluttransfusion stammte von einer HIV-infizierten Person, die mittlerweile verstorben war. Ich konnte es nicht fassen. Wir wurden alle getestet. Mein Mann und meine zwei Mädchen waren negativ. Das Ergebnis für meinen Jungen und mich fiel schlecht aus. Wir waren beide positiv.

Ihre Wut

Lamzira in ihrer Einzimmerwohnung - Foto: K. Ilievska
Lamzira in ihrer Einzimmerwohnung

In diesem Moment gab ich auf. Trost und Zuflucht fand ich einzig im Alkohol.

Mit meiner HIV-Diagnose ging ich offen um. All meine Nachbarn, Freunde und Verwandten wissen Bescheid. Ich informierte sofort die Betreuer im Kindergarten meines Sohnes, die mich sehr unterstützen und nicht eine Sekunde lang verurteilten. Dies galt nicht für die Eltern der anderen Kinder.

Die meisten wollten dass mein Sohn nicht länger im Kindergarten bleibt oder zumindest sollten ihre Kinder nicht im selben Raum spielen. Ich versuchte mit einigen von ihnen zu sprechen, ihnen zu erklären, wie die Krankheit übertragen werden kann, ihnen zu sagen, dass die Betreuer wüssten, was zu tun sei, wenn mein Sohn sich verletzten sollte. Niemals habe ich schlimmere Vorwürfe zu hören bekommen. Es war ein Albtraum.

Ihr Lichtblick

Vor zwei Jahren traf ich zufällig Lela (Sozialarbeiterin und Programmkoordinatorin) vor unserem Wohngebäude. Sie arbeitete bereits mit anderen Familien, die nur voll des Lobes für sie waren. Sie sprach kurz mit mir und schlug mir vor, in ihr Büro zu kommen, um uns ausführlicher zu unterhalten.

Und so nahmen wir am Familienstärkungsprogramm teil. Ich wäre schon mit dem Essen, den Hygieneutensilien und der gebrauchten Kleidung zufrieden gewesen. Aber Lela bestand darauf, dass wir auch an der Familienentwicklung teilnehmen sollten. Warum dachte ich, wozu sollte das gut sein? 

Wir trafen uns regelmäßig, unterhielten uns stundenlang. Lela tröstete und unterstützte mich. Sie gab mir Ratschläge und ermunterte mich, eine aktive Mutter zu sein. Und da dämmerte es mir. Wenn diese Frau, eine Fremde, so viel für meine Familie tun konnte, warum konnte ich nicht dasselbe tun?  

Ihr neues Leben

Ich hörte mit dem Trinken auf. Seit zwei Jahren habe ich keinen Tropfen mehr angerührt. Ich sah wieder die schönen Dinge im Leben. Das Lachen der Kinder, die Farben des Frühlings. Ich fand den Glauben  in die Menschen und an Gott wieder. Mir wurde klar, es war kein Test und keine Strafe, es war einfach das Leben und das Leben kann hart sein.

Mein kleiner Sohn kam in die Schule und ich wurde Mitglied im Elternverein. Ich beschäftigte mich intensiver mit der Erziehung meiner Töchter und achtete darauf, dass wir uns näher kamen. Sie vertrauen mir, so wie ich es immer gehofft hatte. Gemeinsam mit Lela setzte ich mir Ziele und arbeitete hart daran, diese auch zu erreichen.

Das tue ich auch weiterhin. Das ist heute mein Leben. Die kranke, traurige Frau ist der neuen, lächelnden Frau gewichen. Ich kann von mir sagen, dass ich glücklich bin. Ich weiß nicht, wie lange ich noch leben werde. Momentan geht es mir gut, aber ich weiß gut über HIV Bescheid und auch darüber, wie die Krankheit unter Umständen verlaufen kann. Einzig um die Gesundheit meines Sohnes mache ich mir ständig Sorgen.

Ihr Lächeln

Er geht in die dritte Klasse, ist sehr gut in Mathematik und spielt gerne mit seinen Schulfreunden. Deren Eltern verhalten sich anders als die im Kindergarten. Sie verbieten ihren Kindern nicht, mit ihm zu spielen oder uns zuhause zu besuchen. Sie sind auch arm, so wie wir. Der gemeinsame Kampf gegen die Armut lässt sie vielleicht die Menschen in uns sehen. Vielleicht trägt auch mein Verhalten dazu bei. Sie sehen mich, Lamzira, eine 40jährige Frau, die vielleicht ein paar Kilo zu viel hat. Sie sehen meinen Sohn, eine achtjähriges Kind und Multiplikationstalent. Den Virus sehen sie nicht.

Ich bin dankbar für diesen Hoffnungsschimmer, der vor zwei Jahren in mein Leben trat. Ich habe meinen Frieden gefunden, bin ruhig und glücklich. Ich genieße jeden Moment. Ich schätze jede Umarmung und jeden Kuss. Ich hege keinen Groll, bin dankbar und lächle.

Ihr Sohn

Die Schule, die Lamziras Sohn besucht befindet sich genau hinter ihrem Zuhause. Er hat gerade Pause, rennt aus dem Klassenzimmer, um seiner Mama etwas zu zeigen. Wieder hat er eine 10 (die beste Note) geschafft. Er lächelt schüchtern und läuft zurück zu seinen Freunden. In seiner schwarz-weißen Uniform sieht er aus wie ein kleiner Gentleman. Er hat dunkles Haar und leuchtende Augen, spielt gern Verstecken und lacht viel. Sein Name ist Giorgi.

Derzeit gibt es zwei SOS-Kinderdörfer in Georgien, zwei Jugendeinrichtungen, einen SOS-Kindergarten und vier SOS-Sozialzentren.

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