 |
| "Ich möchte meinen Kindern eine besser Zukunft bieten, als meine Eltern mir bieten konnten," so Meelis |
Meelis hat seine Hochschulausbildung im Jahr 2005 abgeschlossen, eine Immobilienfirma gegründet und arbeitet jetzt zusätzlich als Erzieher in einer SOS-Kinderdorfeinrichtung in Keila, Estland. "Im Jahr 2007 suchte man nach einem neuen Erzieher und die Leiterin der Jugendeinrichtung fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, die Aufgabe zu übernehmen. Ich dachte mir "warum nicht?", und da bin ich!" erzählt er.
Der üblichen Bewerbungsprozess wurde durchlaufen, Qualifikationen überprüft und intensiv darüber nachgedacht, ob es Sinn macht, jemanden anzustellen, der selbst in einem SOS-Kinderdorf aufgewachsen war. "Er war ganz einfach der beste Kandidat für diese Stelle, dennoch haben wir lange überlegt und ich bin froh, dass unsere Wahl letztlich auf ihn gefallen ist," meint Marika Aus, Leiterin der Jugendeinrichtung.
Meelis selbst sagt, dass es sein Traumberuf ist. "Es ist eine Arbeit für die Seele. Das Immobiliengeschäft hilft mir, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber das hier ist etwas für meine Seele. Im Moment steht es schlecht um die Wirtschaft, aber ich habe mit der Jugendeinrichtung und meiner Immobilienfirma mehrere Standbeine, außerdem bin ich noch im Elektrizitätsgeschäft, usw."
Besseres Verständnis
Durch seine Erfahrung als Unternehmer kann er seine Kommunikationsfähigkeiten gezielt dort einfliesen lassen, wo Autoritätsprobleme zu erwarten sind. "Die Jugendlichen hier kennen mich, aber sie waren noch sehr klein, als ich noch in der Einrichtung lebte. Ich habe keinerlei Probleme, sie zum Zuhören zu bewegen. Als ich es im Immobiliengeschäft mit Menschen um die 50 und 60 zu tun hatte und ich selbst Mitte zwanzig war, hab ich mir oft Fragen gestellt. Ich hatte Angst, sie würden mich nicht ernst nehmen – es war aber nie ein Problem."
 |
| Die SOS-Kinderdorf-Jugendeinrichtung in Keila |
Außerdem ist er überzeugt, dass er die jungen Menschen durch seine eigene Vergangenheit im SOS-Kinderdorf und in der SOS-Jugendeinrichtung in vielen Bereichen besser verstehen kann als andere. "Wenn ich in die Jugendeinrichtung komme, kommen die Jugendlichen zu mir und dann reden wir. Manchmal bis spät in die Nacht. Ich denke es ist einfacher für die Jugendlichen, die Notwendigkeiten und mich zu verstehen, wenn wir miteinander reden. Ich bin mir sicher, durch das Sprechen über die Probleme und meine eigenen Erfahrungen wird vieles klarer und die Jugendlichen setzen sich mit den Problemen besser auseinander."
Zugleich kann die Arbeit aber auch schwierig sein, gerade weil er die Jugendlichen so gut versteht. "Es gibt natürlich immer beide Seiten – manchmal ist es einfacher, manchmal schwieriger mit ihnen zu arbeiten," erklärt er. "Es gibt Situationen, die heikel sind, zumal ich denselben schwierigen Hintergrund habe, weil ich weiß woher sie kommen und ihrer Gefühle und Ängste vor der Zukunft verstehen kann. Oft wissen sie nicht, wie sie mit ihren eigenen Ängsten umgehen sollen, und dann kommt es zu Verhaltensproblemen."
Klare Ziele
Aus seiner Erfahrung heraus ist er aber überzeugt, dass diese Probleme bewältigt werden können. Ziele sind der Schlüssel dazu, ist er überzeugt. "Ich habe immer gedacht, ich wäre kein guter Geschäftsmann. Ich wäre zu rücksichtsvoll und umgänglich. Aber ich wollte ein besseres Leben als das, das meine Eltern mir geboten hatten, auch für meine Kinder. Ich habe mir Ziele gesetzt, das ist das Entscheidende!"
Ein Leben in Bewegung
Obwohl er die arbeit in der Jugendeinrichtung als Traumberuf bezeichnet, war diese Beschäftigung eigentlich nie teil seiner Lebensplanung, weshalb er nicht sagen kann, wie es mit der Arbeit dort weitergehen wird.
"Ich habe nie langfristig geplant, denn meine Welt und mein Leben sind ständig in Bewegung. Es gibt Dinge, die ich erreichen möchte, aber generell schaue ich nicht allzu weit in die Zukunft. Vor fünf Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich einmal hier arbeiten würde. Irgendwann möchte ich auch noch in die Politik. Vielleicht stelle ich mich dieser Herausforderung in weiteren fünf Jahren."