In einem Flüchtlingslager nahe Nyunzu im
Osten der DR Kongo (2005)
Foto: Benno NeelemanKein Konflikt nach dem Zweiten Weltkrieg hat derart viele Menschenleben gefordert. Doch die Weltöffentlichkeit nimmt dies kaum zur Kenntnis. Seit 1998 starben geschätzte 3,8 Millionen Menschen in Folge der gewaltsamen Auseinandersetzungen. Entweder kamen sie direkt in Kriegshandlungen ums Leben oder durch Hunger und Krankheiten, weil die Versorgung völlig zusammengebrochen ist. Ein Friedensabkommen aus dem Jahr 2002 konnte bis heute im Gebiet der Großen Seen keine echte Befriedung bewirken.
Immer wieder gerieten die SOS-Kinderdörfer in Bukavu und Uvira in den Strudel der politischen Ereignisse, mussten Evakuierungspläne vorbereitet werden, kam es zu Plünderungen der Einrichtungen, nutzten Milizen und Soldaten das SOS-Kinderdorf-Gelände als vorübergehende Lagerstätte. Wie sieht die Situation heute aus, welche Perspektiven haben die Menschen in der Region Süd-Kivu, welche Lebensbedingungen finden die Kinder vor, wie bewältigen die Mitarbeiter(innen), Mütter und Kinder der SOS-Kinderdörfer den schwierigen Alltag? Marthe Kangene, die Leiterin von SOS-Kinderdorf im Land, antwortet auf diese und andere Fragen.

Kinder aus dem SOS-Kinderdorf in Bukavu: Was ihnen die Zukunft wohl
bringt? - Foto: Solveig Vinamont
Wie sieht die generelle Situation im Osten des Kongo aus?
Es ist das Gefühl, nicht zu wissen, was der morgige Tag bringt. Es herrscht nicht Krieg, aber auch nicht Friede. Alles kann jederzeit passieren. In diesem Klima der Instabilität und wegen der massiven Flüchtlingsbewegungen steigen auch die Lebenskosten ständig. Im Vergleich zu Uvira ist die Situation in Bukavu sehr kritisch und gefährlich, es gibt viele Verbrechen, es kommt oft zu Plünderungen, Vergewaltigungen, Morden.

Tausende von Kindern in der DR Kongo wurden und werden zu Opfern
des Krieges, viele werden auch als Kindersoldaten missbraucht
Foto: Solveig Vinamont
Gibt es irgendeine funktionierende soziale, wirtschaftliche und politische Infrastruktur, auf die sich die Menschen verlassen können?
Es gibt nur eine bescheidene soziale Infrastruktur. Eigentlich besteht sie nur aus einer Gruppe von Freiwilligen aus Süd-Kivu, die sich zusammengeschlossen haben, um Menschen in Not zu helfen. Diese Freiwilligen versuchen, die Kriegsopfer in einer Liste zu erfassen und sie offiziell zu registrieren. Sie organisieren für die Menschen Hilfe und Unterstützung durch Spender innerhalb oder außerhalb der Region bzw. des Kongo.

SOS-Kinderdorf versucht, möglichst vielen Kindern durch Bildung eine
gute Basis für später zu ermöglichen (SOS-Schule in Bukavu)
Foto: Solveig Vinamont
Wie sieht die allgemeine Lebenssituation von Kindern im Kongo aus?
Ihr Leben ist geprägt von Elend, Unsicherheit, Hoffnungslosigkeit. Kinder haben keine Zukunft und keine Perspektiven. Die Mehrheit geht nicht in die Schule. Aber selbst denen, die eine Schule besuchen, sagen die Erwachsenen, dass es sich eigentlich nicht lohnt, denn viele, die eine Schule absolviert haben, sind arbeitslos und auf der Suche nach einer Anstellung. All dies führt dazu, dass die Zahl der Straßenkinder im gesamten Land ständig zunimmt, vor allem in der östlichen Region. Die Straßenkinder, Maibobo genannt, leben in ununterbrochener Angst vor Gewalt und sogar Mord. Sie sind besonders exponiert und anfällig für Krankheiten. Wegen der ständigen Verschlechterung der Lage nehmen viele Eltern ihre Verantwortung nicht mehr wahr. Eine der Folgen ist die wachsende Prostitution von minderjährigen Mädchen, die auf diese Weise für sich selbst oder die ganze Familie sorgen müssen.

Viel zu viele Kinder in der DR Kongo müssen Hunger leiden, sterben an
vermeidbaren Krankheiten, haben kein Zuhause, können keine Schule
besuchen (Notausspeisung in Kongolo, 2007) - Foto: Benno Neeleman
Wie viele Kinder in den östlichen Provinzen und im gesamten Land würden eine langfristige Betreuung benötigen?
Ich verfüge über keine genauen Statistiken, aber ich bin mir sicher, es sind tausende, tausende Kinder, die dringend eine außerfamiliäre Betreuung, ein neues Zuhause benötigen würden, weil sie entwurzelt, verwaist, verlassen sind.
Wie viele Kinder werden zurzeit in den SOS-Kinderdörfern in Uvira und Bukavu betreut?
Rund 300 Kinder und Jugendliche leben in Bukavu, über 230 in Uvira.
Leben im Ausnahmezustand / Teil 2