Welchen sozialen Hintergrund haben diese Kinder?
Die Mehrheit der Kinder in den SOS-Kinderdörfern hat dasselbe Schicksal - der Krieg hat sie zu Waisen gemacht. Trotz Armut und wachsender Not sorgt die Mehrzahl der leiblichen Eltern für ihre Kinder, auch wenn sie nicht zur Schule gehen können.

Die Idylle trügt. Auch in Bukavu ist das Leben von Unsicherheit geprägt
Foto: Chris Sattlberger
Benötigen die Kinder in den SOS-Kinderdörfern eine spezielle psychologische Betreuung auf Grund von Gewalterfahrungen im Krieg und wegen der ständigen Unsicherheit?
Ja, einige Kinder sind schwer traumatisiert. Sie zeigen Anzeichen von Nervosität und großer Unruhe oder andere Verhaltensauffälligkeiten, es kommt auch zu Selbstmordversuchen.

Kindern wie diesen versucht SOS-Kinderdorf
durch Familienförderprogramme unter die
Arme zu greifen - Foto: Catherine Ngo Biyack
Gibt es noch andere Institutionen, die sich um verwaiste Kinder kümmern?
Ja, diese Einrichtungen werden hauptsächlich von Nonnen geführt, die mit finanzieller Hilfe von UNICEF und privaten Spendern verwaiste und verlassene Kinder betreuen, oft in Camps. SOS-Kinderdorf ist die einzige private Organisation, die familiennahe Langzeitbetreuung für Kinder in Not anbietet.
Ist SOS-Kinderdorf eine "sichere Insel"?
Ja, ich denke schon, das sieht man allein daran, dass Menschen beim Ausbruch von Kämpfen oft das SOS-Kinderdorf als Zufluchtsort aufsuchen. Prinzipiell werden wir von den verschiedenen Konfliktparteien respektiert, auch wenn Soldaten und Milizen immer wieder SOS-Kinderdorf-Einrichtungen vorübergehend in Besitz genommen haben. Das SOS-Kinderdorf Bukavu liegt auf einem Hügel und wird deswegen als günstiger strategischer Standort betrachtet. Normalerweise verlaufen diese "Okkupationen" relativ unproblematisch, mit einer Ausnahme. Als 1996 ein Schuss fehlgeleitet wurde, kam ein Kind ums Leben. Dass die Soldaten mit ihren Waffen herumlaufen, ist allerdings wirklich belastend für unsere Kinder.

Erst vor zwei Jahren konnte das SOS-Kinderdorf in Uvira endlich fertig
gestellt werden - Foto: Catherine Ngo Biyack
Welche Perspektiven haben die Jugendlichen, wenn sie dem SOS-Kinderdorf entwachsen sind?
Es gibt eigentlich keine echte Perspektive. Der Arbeitsmarkt ist sehr eng, es gibt kaum freie Jobs. Außerdem ist es extrem schwierig, für die SOS-Jugendlichen Ausbildungskurse und Ausbildungseinrichtungen zu finden, wo sie für ihr späteres Arbeitsleben Qualifikationen erwerben können. Manchmal gelingt es mir oder dem Dorfleiter, entsprechende Einrichtungen zu finden, aber insgesamt ist die Situation ziemlich trist.
Werden die SOS-Sozialzentren und medizinischen Zentren von vielen Menschen aus der Umgebung aufgesucht?
Viele Menschen aus den umliegenden Gemeinden kommen in das medizinische Zentrum in Bukavu. Der gute Ruf sorgt dafür, dass sich auch viele Leute, die mehr als zehn Kilometer entfernt wohnen, auf den Weg machen. Monatlich frequentieren über 700 Patienten die Krankenstation. Die häufigsten Erkrankungen sind Malaria, Grippe, Magen-Darm-Erkrankungen, urogenitale Infektionen und Lungenentzündungen. Das Zentrum bietet auch umfassende Beratung. Mütter und Kinder erhalten psychologische Unterstützung, es wird über richtige Hygienemaßnahmen aufgeklärt und über HIV/AIDS, Alkohol und Drogen.

Auch im SOS-Kinderdorf in Uvira sind die meisten Kinder direkte oder indirekte Opfer des Krieges. SOS-Kinderdorf hilft ihnen, Erlebtes zu verarbeiten und wieder Lebensfreude zu empfinden und Vertrauen zu entwickeln - Foto: Catherine F. Ngo Biyack
Würden Sie sich von der internationalen Gemeinschaft mehr Unterstützung erwarten, um Ihrem Land zu helfen?
Ja, vor allem was die Konfliktlösung mit unseren Nachbarländern betrifft. Die internationale Gemeinschaft könnte der DR Kongo auch beim Wiederaufbau des Schulsystems helfen, bei der medizinischen Infrastruktur, bei der Sanierung der Verkehrswege, und vor allem dabei, dass die Staatsmacht im gesamten Land anerkannt wird.

Und wieder sind Menschen auf der Flucht - Foto: SOS-Archiv
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1989 wurden das SOS-Kinderdorf in Bukavu, eine Schule und ein Kindergarten in der östlichen Unruheprovinz Süd-Kivu eröffnet. Es folgten eine Jugendeinrichtung und ein medizinisches Zentrum, das die katastrophale medizinische Versorgung der Bevölkerung im Umland verbessern hilft. 1997 wurde in Uvira, 120 km südlich von Bukavu, ein Nothilfedorf errichtet, um Kriegswaisen und verlassene Kinder unterzubringen und zu betreuen und sie, wenn möglich, mit ihren Familien zusammenzuführen. Wegen der instabilen Lage konnte das Dorf in Uvira erst 2006 endgültig fertig gestellt werden. Seit Mitte dieses Jahres wird an einem weiteren SOS-Kinderdorf in der Hauptstadt Kinshasa gebaut.
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