
Valmiera/Lettland - Foto: Reinis Hofmanis
In der gesamten Region befinden sich geschätzte 1,3 Millionen Kinder in institutioneller Betreuung, sind also getrennt von ihrer leiblichen Familie. Abgesehen davon, dass die Betreuungsqualität häufig nicht einmal Mindeststandards genügt, wäre es bei einem hohen Prozentsatz zu verhindern, dass Kinder aus ihren Familien gerissen werden. Mit adäquater sozialpädagogischer Intervention, durch entsprechende materielle Zuwendungen, Beratungstätigkeit und andere Unterstützungsleistungen ist es oft möglich, Familien, die am Rande des Zusammenbruchs stehen, aufzufangen und auch langfristig zu stabilisieren.
Die politische und wirtschaftliche Transformation hat in vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion vieles zum Positiven verändert, aber sie hat - vor allem was die Sozialsysteme betrifft - in vielen Bereichen ein Vakuum hinterlassen. Arme bis mittellose Familien leben heute häufig schlechter als vor 20 Jahren.
Armut, Arbeitslosigkeit, Alkohol- und Drogenmissbrauch, HIV/AIDS sind die größten Probleme. Hauptbetroffene sind Alleinerzieherinnen und Großfamilien. Dazu kommt, dass viele Familien, die unter dem Existenzminimum leben, kaum bis gar nicht wissen, wie sie zu Sozialleistungen kommen können, die ihnen aber vom Gesetz her zustehen.
Weißrussland: SOS-Sozialarbeiterin Tanya besucht die Familien in ihren Dörfern. Dafür fährt sie hunderte Kilometer mit dem Bus - Foto: Peter Lydén
"Es herrschen eine unglaubliche Passivität und Unkenntnis der eigenen Grundrechte. Viele Menschen leben deswegen schlechter, als sie eigentlich müssten", erzählt Tanya, eine Mitarbeiterin der Familienförderprogramme, die SOS-Kinderdorf in Weißrussland vor allem in ländlichen Gebieten seit einigen Jahren durchführt. Sozialorganisationen helfen zumeist in den städtischen Ballungsräumen, deswegen geht SOS-Kinderdorf in Weißrussland hinaus aufs Land.

Estland: Frauen tragen zumeist die Hauptlast in den Familien, wenn sie nicht überhaupt nur auf sich gestellt sind - Foto: Peter Lydén
Estland, EU-Mitgliedsland und in vielen Bereichen ein Reformstaat par excellence, kämpft mit einer Reihe von sozialen Problemen. Die Zahl der Alkohol- und Drogenabhängigen ist in einigen strukturschwachen Landesteilen dramatisch hoch, auch die HIV-Infektionsraten steigen. Ida gehört zu jenen, die SOS-Kinderdorf in Estland betreut. Jung, allein erziehend, drogensüchtig, arbeitslos, in beengten, desolaten Wohnverhältnissen mit ihrer Mutter und Großmutter. Es gelang, Ida in einem Methadonprogramm unterzubringen. Die Familie wird mit Lebensmitteln unterstützt, über den Umgang mit HIV aufgeklärt und in sozialen Fragen beraten. Heute ist Ida soweit, sogar Zukunftspläne für sich und ihr Kind zu entwickeln.

Rumänien:Großfamilien stehen oft vor Zerreißproben, wenn es an allen Ecken und Enden fehlt - Foto: Benno Neeleman
In Rumäniens Hauptstadt Bukarest betreibt SOS-Kinderdorf seit drei Jahren ein Familienförderprogramm. Die Davidescus gehörten zwei Jahre lang zu den Begünstigten, bis sie 2006 jenen Punkt erreichten, an dem sie nicht mehr auf externe Hilfe angewiesen waren. Dabei befand sich die elfköpfige Familie vor der Intervention in einer extremen Notlage. Die Eltern mit neun Kindern in einem Zwei-Zimmer-Haus, in das es hineinregnete, keines der Kinder besuchte regulär die Schule, unhaltbare hygienische Zustände. Verschiedenste Sozialdienste vernetzten sich mit SOS-Kinderdorf - und die Familie Davidescu arbeitete selbst kräftig an einer Veränderung mit, denn ohne Selbstmotivation geht jede Hilfe ins Leere. Die Eltern Nicolae und Alina waren sogar dermaßen gestärkt, dass sie einer allein erziehenden Mutter helfen konnten, die sich in einer ähnlichen Notlage befand wie sie ehedem.
Die Namen der genannten Personen wurden geändert.
Teil 2