Papa trägt Hosenanzug 

Oktober 2009: SOS-Kinderdorf Santa Ana/El Salvador 

Der Direktor des SOS-Kinderdorfes Santa Ana in El Salvador ist eine Frau. Und auch wenn Norma Herrera wie eine Bankerin aussieht, hütet sie nicht nur Geld und Bilanzen. Sondern das Leben von 139 Kindern.
Foto: Axel Halbhuber
Axel kam mit Bällen und Springseilen im Gepäck - Foto: A. Halbhuber

In Santa Ana wird praktisch alles mit hohen Gittern und Stacheldraht geschützt, wie fast überall in Lateinamerika: Die Bank, der Hinterhof des Reifenhändlers, die Fenster zur eigenen Wohnung. Man hat als Besucher nicht das Gefühl, dass das notwendig ist, die Straßen wirken friedlich, selbst in der Nacht fühlt man sich sicher. Aber die Menschen, die hier leben, sagen, es muss so sein. Also ist es so.

Das große Eingangsgitter zum SOS-Kinderdorf Santa Ana bewacht mehr als Reifen. Es schützt das Glück der 139 Kinder, die hier leben. Es ist höher und massiver als die meisten anderen Gitter Santa Anas. Und doch wirkt der bewaffnete Wachmann freundlicher als seine Kollegen bei der Bank und der Post. Vielleicht liegt es an seinem Arbeitsplatz. Denn hinter dem Tor sind bunte Blumen, die täglich gegossen werden. Die Häuser sind weiß gestrichen, ohne Risse in den Wänden. Eine kleine Straße ohne Löcher führt entlang der Hauseingänge und umrundet dabei zwei große Wiesen, gepflegt und kräftig grün. Auf einer spielt eine Handvoll Kinder Fußball, das Goal wird von zwei sauber gestutzten Bäumen markiert. Der Wachmann schaut manchmal herüber und bei besonders guten Torschüssen nickt er anerkennend.

Foto: Axel Halbhuber
Norma "wacht" über das SOS-Kinderdorf - Foto: A. Halbhuber

Er und sein Gittertor leisten gute Arbeit, und doch sind sie nur Assistenten. Das Glück dieses Kinderdorfes, das Wohl der 139 Kinder zwischen 17 Monaten und 15 Jahren und ihrer Kinderdorf-Mütter liegt in den Händen von Norma Herrera. Sie ist seit vier Jahren die Direktorin des Aldea Infantil SOS Santa Ana als erste Frau in dieser Position bei SOS-Kinderdorf El Salvador. Nachdem sie vor zehn Jahren mit ihrem Studium zur Sozialarbeiterin fertig war, kam sie mit einer Angestellten im Nachbarladen ihrer Mutter ins Gespräch. Dieses Mädchen lebte im Kinderdorf und Norma war ihr so sympathisch, dass das Mädchen bei der damaligen Führung fragte, ob man denn niemanden brauche. Man bat Norma um eine Bewerbung.

Heute ist es auch Normas Aufgabe, Besuch zu empfangen und mit ihm eine Runde durch das Dorf zu machen. Sie trägt einen Hosenanzug, sieht aus wie eine Frau, die ihre Karriere in einer Bank oder einer börsennotierten Firma gemacht hat. Aber Norma hat ihre Karriere hier gemacht, wo alle Kinder sie respektvoll aber freudig begrüßen.

Foto: Axel Halbhuber
Axel muss zeigen, was seine Fußballerbeine hergeben - Foto: A. Halbhuber

Plötzlich läuft ein kleiner Bub, er muss drei oder vier Jahre alt sein, auf den fremden, bärtigen Besucher aus Europa zu, umarmt ihn und nennt ihn Jesús. Alle lachen, auch der verdutzte Besuch. Direktorin Norma beantwortet die ungestellte Frage: "Jeder, der das Kinderdorf betritt, ist für die Kinder ein Freund und Teil der Familie." Und wie zur Bestätigung zerren die Mädchen den weiblichen Besuch zu sich, um Haarreifen und Armketten zu präsentieren. Die Buben bestehen derweil darauf, dass der europäische Bart Fußball spielt. Norma bremst besorgt, bis sie merkt, dass der Besuch den Trubel mag.

Norma mag ihn auch, das merkt man der Frau Anfang vierzig an. Zunächst arbeitete sie sechs Jahre als Sozialarbeiterin im Dorf, lernte in dieser Zeit die Probleme der Menschen in Santa Ana gut kennen, begegnete den Menschen offen und erarbeitete sich Respekt bei Ämtern. "Als Sozialarbeiterin hatte ich einen guten Kontakt und Draht zu Nachbarschaft und den Behörden. Es ging Schritt für Schritt, die Türen öffneten sich nach und nach." Damals wusste Norma noch nicht, dass sie dieses Vertrauen noch brauchen wird.

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Norma mit einigen ihrer Schützlinge - Foto: A. Halbhuber

Denn als vor knapp fünf Jahren der Direktor aufhörte, schlug er Norma als Nachfolgerin vor. "Sieben Monate erledigte ich den Job nur geschäftsführend, man suchte einen männlichen Direktor." Norma erzählt das ohne gekränkten Stolz. "Auch die Mütter im Dorf wollten keine Frau, obwohl sie mich gut kannten." Als sei es ihr unangenehm, setzt Norma zögernd nach: "Und mich mochten. Aber sie dachten, dass mit einem weiblichen Direktor die Vaterfigur fehlen wird. Schließlich haben alle Kinder meinen Vorgänger 'Papa' genannt." Irgendwann entschloss sich die SOS-Kinderdorf-Führung El Salvadors doch, Norma zur ersten weiblichen Dorfdirektorin El Salvadors zu machen. Eben weil die Mütter des Dorfes sie mochten. Weil die Behörden sie respektierten. Und weil die Menschen in Santa Ana Vertrauen zu ihr hatten.

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Große Freude und Neugierde unter den Kindern, als Axel zu Besuch war - Foto: A. Halbhuber

Dieses Vertrauen ist wichtig, weil "in El Salvador nur wenige verstehen, was SOS-Kinderdorf genau macht. Es gibt hier viele Organisationen zum Wohl der Kinder und viele denken nur: noch eine. Sie sehen das besondere Modell dahinter nicht. Das Modell der Familien. Gott sei Dank sehen die Behörden uns als erste Option, wenn Kinder untergebracht werden müssen", sagt sie so beiläufig, als ob es nicht auch ihr Verdienst wäre. "Außerdem denken die Menschen hier, wir bekommen alles Geld, das wir brauchen, aus Europa oder sonst woher."

Denn die Schattenseite des grünen Rasens, der blühenden Blumen und der strahlend weißen Häuser sei der Unterschied zum Lebensstandard der Menschen dieses Landes. "Die Menschen sehen das schöne Dorf, das aber mit den Spenden vor 24 Jahren gebaut wurde. Es ist schwierig, ihnen zu erklären, dass wir für die tägliche Arbeit Unterstützung brauchen." Denn Norma sehe es auch als ihre Aufgabe im SOS-Kinderdorf, dass Kinder hier mehr Möglichkeiten haben als außerhalb dieser Mauern. "Die haben sie bestimmt, aber es ist für sie ungleich schwerer, das zu sehen. Ihre Familien sind sehr arm. Also begreifen sich unsere Kinder als Teil von Familien, die vielleicht nicht einmal die Schule abgeschlossen haben. Das macht die Situation schwierig." Trotzdem forciere sie, dass einige Kinder zu ihren biologischen Familien vermehrt Kontakt halten. "Wenn diese Kinder dann älter werden, sind diese Familien besser vorbereitet und können ihren Kindern mehr helfen." Bis dahin müsse man sie schützen, vor allem davor, in Banden und die Drogenszene abzurutschen. "Beides gilt in diesem Land heute leider als sehr cool", sagt Norma mit einem bedauernden Blick. Auswirkungen der schlechten Wirtschaftslage, aber auch noch des Bürgerkrieges, der El Salvador zwischen 1980 und 1991 rund 70.000 Menschenopfer kostete.

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Mit Kindern leben und sie liebevoll umsorgen ist ein 24-Stunden-Job - Foto: A. Halbhuber
Neben finanziellen Mitteln fehle es jedoch vor allem an interessierten Frauen. Derzeit leben sieben bis zehn Kinder in jeder Familie des Dorfes. "Das sind zu viele", sagt Norma bestimmt und zugleich machtlos. "Aber wir finden kaum oder nur sehr schwierig Kinderdorf-Mütter", beschreibt sie das Problem, das SOS-Kinderdorf auf der ganzen Welt kennt. "Es wollen zu wenige ihr Leben diesem Job verschreiben. Wenn sie woanders arbeiten, haben sie es meistens schlechter als hier, aber sie gehen irgendwann nach Hause. Und wenn es nach einem 14-Stunden-Tag ist, sie gehen nach Hause. Hier arbeiten sie rund um die Uhr. Das schreckt viele ab, die gut geeignet wären."

Norma lebt mit ihren drei Kindern und einem Enkel selber im Dorf und hilft immer wieder in den Familien aus. "Ich habe derzeit nur zwölf Mütter für 16 Familien. Vier sind aktuell bei uns in Ausbildung, eine davon wird heuer fertig." Denn auch wenn man dringend Mütter braucht, darf die Ausbildung nicht darunter leiden, das sehe sie genau so wie das Büro von SOS-Kinderdorf International in Innsbruck in Österreich. Insgesamt ist Norma neben den Kindern für 22 pädagogische Mitarbeiter verantwortlich und für elf in der Verwaltung - von der Sekretärin Claudia bis zu Chauffeur Raoul, den alle Don Raoulito nennen. "Und eine der Familien lebt außerdem nicht hier im Dorf, sondern ist als Jugendeinrichtung in der Stadt. So werden die Jugendlichen langsam in die Nachbarschaft, den Beruf und das Leben entlassen."

Foto: Axel Halbhuber
Foto: A. Halbhuber
Die Buben verlangen nach einer zweiten Halbzeit und akzeptieren das entschuldigende "Soy un hombre viejo" nicht. Also überlässt Norma ihnen den Besuch wieder. Sie muss ohnehin ins Büro. Denn neben Rundgängen, einem eigenen Haushalt und den Kindern sei da noch der Schreibtisch, sagt sie im Gehen.

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