Lassen Sie mich gleich zur Sache kommen: Laos gilt als eines der ärmsten Länder. Was sind hier die größten Sorgen einer Hilfsorganisation wie SOS-Kinderdorf?
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| Foto: Alexander Gabriel |
Soumata Dengchampa: Die erste Antwort ist: Einen Job für unsere Kinder zu finden. Als zweites würde ich die Wünsche und Vorstellungen unserer Kinder nennen, die sich durch das Kennenlernen des westlichen Lebensstandards ergeben. Besonders durch den Internetzugang sehen die Kinder viele Dinge, die sie auf neue Ideen bringen. Nicht immer gute Ideen. Gerade die Buben kommen so manchmal mit Drogen in Kontakt. Das bringt uns zum dritten Problem: Gerade Südlaos ist ein Transitgebiet für Drogen zwischen Thailand und Vietnam. Wir sehen in den hiesigen Drogenzentren, dass Amphetamine heute eine wirklich große Gefahr sind. Davor müssen wir unsere Kinder schützen. Ein anderes Problem ist es für uns, Mütter zu finden. Das liegt vor allem daran, dass wir besondere Anforderung stellen müssen. Die Frauen sollen nicht verheiratet sein und keine eigenen Kinder haben. Weil sie dann immer zuerst für die eigene Familie da sein müssten und nicht bei ihrer SOS-Familie leben können.
Will eine Frau SOS-Mutter werden, muss sie also wie eine Nonne leben?
Sie darf schon verheiratet sein, aber kinderlos. Ehrlich: Wir könnten sonst nicht garantieren, dass sie mit den Spendengeldern nicht auch ihre eigene Familie mitversorgt.
Wie steht es um den Bekanntheitsgrad und die Akzeptanz von SOS-Kinderdorf in Laos?
Beide sind sehr hoch. Die Regierung nimmt alle Themen rund um Kinder seit einiger Zeit sehr ernst und arbeitet verstärkt an Kinderschutz-Gesetzen. Dazu machen wir Workshops in unseren SOS-Kinderdörfern. Außerdem arbeiten wir als Ratgeber für die Regierung. SOS-Kinderdorf Laos ist heute sehr gut angeschrieben, was wir zu einem großen Teil Präsident Kutin verdanken. Auch die Bevölkerung versteht zunehmend, was wir hier machen und wie wichtig unsere Arbeit ist. Besonders für Kinder aus ländlichen Gebieten. Hier ist die Armut überwältigend, es gibt keinen Strom, kein Wasser. Oft flüchten Eltern vom Land nach Thailand und lassen das Kind zurück. Diese Akzeptanz ist uns auch besonders wichtig, um künftig mehr Spenden und Unterstützung von den Menschen in Laos zu bekommen. Denn derzeit kommen unsere Mittel noch immer zu fast 100 Prozent von europäischen SOS-Kinderdorf-Vereinen. Ein wenig Geld nehmen wir durch unsere fünf Hermann-Gmeiner-Schulen ein. Und ganz wenig durch Spenden im Land.
SOS-Kinderdorf Laos nahm 1993 die Arbeit auf. Wie viele Kinder sind seitdem aus den Dörfern "gewachsen"? Und wie geht es ihnen?
102 Jugendliche führen schon ein eigenständiges Leben. 80 Prozent von ihnen haben Jobs, was in Laos am wichtigsten ist. Sie sind bei der Polizei, bei der Armee, sind Lehrer oder Büroangestellte. Manche arbeiten auch in Restaurants.
Es gibt gerade in sehr armen Ländern immer wieder die Kritik, dass Kinder im SOS-Kinderdorf zu behütet aufwachsen. Schöne Häuser, gepflegter Rasen, warmes Essen, sauberes Wasser. Das haben Kinder in Laos sonst kaum.
Und sogar mehr: Eine gute Ausbildung in den Schulen, liebende und fürsorgliche Mütter… Es ist wie der Himmel hier, die Familie, das Umfeld. Aber genau das wollen wir den Kindern mitgeben. Wir versuchen, in ihnen eine Idee wachsen zu lassen, wie das Leben sein kann. Wir geben ihnen die Liebe einer Mutter, Essen, Bildung und die Überzeugung, durch die Arbeit an sich selbst das alles zu erhalten. Und hinauszutragen. Aber natürlich kommt die weniger schöne Realität auch zu unseren Kindern. Bereits wenn sie aus der Familie in eines unserer Jugendhäuser ziehen, ist das ein Schritt in die Welt. Und meistens einer abwärts. Ziehen sie dann in eine eigene Wohnung, sind sie in der harten Realität angekommen. Und dort sollen sie die Idee dann verbreiten.
Aber den Menschen, die rundherum in Armut leben, ist das nicht immer leicht zu erklären, nehme ich an.
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| In der SOS-Schule in Vientiane - Foto: Sophie Molitor |
Das ist die andere Seite, den Menschen zu erklären, warum wir das so tun. Für die meisten sind wir eine Waisenorganisation, was zum Teil stimmt: In Laos sind 70 Prozent der Kinder in den SOS-Kinderdörfern Waisen, weitere 15 Prozent Halbwaisen. Und wenn die Menschen unsere Schulen sehen und dass davor auch teure Autos parken, können wir sagen: In unseren Schulen sind Kinder wohlhabenderer Eltern ebenso wie Kinder, denen wir ein Stipendium geben. Die jeweilige Höhe des Schulgeldes kann im Einzelfall bestimmt werden. Wenn etwa Eltern bei der Polizei arbeiten und umgerechnet 60 US-Dollar im Monat verdienen, was dem Durchschnittsverdienst in Laos entspricht, überlegt man aufgrund der Lebenskosten: Was können sie an Schulgeld bezahlen?
Können Sie die soziale Verteilung der Schulplätze beziffern?
Unsere fünf Schulen besuchen mehr als 2.500 Kinder. 30 Prozent davon sind aus den SOS-Kinderdörfern, etwa 17 Prozent aus unseren Familienstärkungsprogrammen, an manchen Standorten sogar bis zu 25 Prozent. Und der Rest sind andere Kinder. Aber noch mal: Für uns ist wichtig, dass SOS-Kinder mit anderen gemeinsam in den Schulen sind. Das ist für die soziale Entwicklung der Kinder, aber auch des ganzen Landes sehr gut.
Wieso stecken so viele „reiche“ Eltern ihre Kinder in eine Hermann Gmeiner-Schule?
Weil wir die mitunter besten Schulen des Landes haben. Daher kommen auf zehn Schulplätze bei uns rund 200 Bewerbungen. Bei Aufnahmetests für die Universitäten sind die Schüler der Hermann-Gmeiner-Schulen immer unter den besten. Derzeit ist der viertbeste Schüler des Landes aus einer unserer Schulen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Wir haben sehr gute Lehrerinnen und Lehrer. Aber auch maximal nur 40 Kinder pro Klasse.
Sie haben vorhin die Familienstärkungsprogramme erwähnt. Was kann man sich darunter vorstellen?
Wir besuchen permanent besonders die ländlichen und, ich würde sagen, ländlichsten Gebiete in Laos, weil hier die Armut am schlimmsten ist. Wir erfahren durch die offiziellen Stellen, wo unsere Hilfe am dringendsten gebraucht wird und unsere Dorfleiter fahren hin. Und wir halten den wichtigen Kontakt mit der unmittelbaren Nachbarschaft der SOS-Kinderdörfer. Insgesamt sind wir mit mehr als 600 Familien in permanentem Kontakt. Und verhindern so meistens rechtzeitig, dass Kinder zu uns in die SOS-Kinderdörfer kommen müssen, obwohl sie Eltern haben.
Wenn Sie einen Wunsch hätten, wäre der…?
Mein Wunsch ist immer derselbe, sogar wenn ich schlafe: Unsere Kinder sollen einen Job finden, auf ihren eigenen Beinen stehen und eine gute Familie haben.
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| Foto: Benno Neeleman |
Das klingt, als ob sie für SOS-Kinderdorf Laos keine großen Wünsche hätten.
Das ist der allergrößte Wunsch, weil er alles bedingt. Um unseren Kindern schlussendlich starke Beine mitzugeben, auf denen sie auch wirklich stehen können. Aber wenn Sie etwas ganz Praktisches hören möchten: Wir brauchen ein siebentes Dorf in Laos in einem der Gebiete, in denen viele Minderheiten leben. Dort ist die größte Armut. Deren Standards sind unterunterdurchschnittlich.
Interview geführt von Axel Halbhuber, Juni 2010