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| Dorfleiter Carlos mit einigen seiner Schützlinge - Foto: A. Halbhuber |
Das städtische Kinderdorf in Mexiko City wird von Carlos geführt, einem sympathischen Onkeltypen Mitte 30. Er trägt gerne Jeans, auch eine Jeansjacke. Seine runde Brille sitzt manchmal zu tief. Und wenn er seine lockigen, mittellangen Haare mit Gel nach hinten striegelt, schaut das gleichermaßen cool und seltsam aus. Fragt man Larissa, Mitarbeiterin des SOS-Kinderdorf-Nationalbüros, wird schnell klar, warum dieser Job so gut zu Carlos passt: Um in der größten Stadt der Welt für Kinder zu sorgen, brauche es einen guten Schmäh und Spaß an der Sache.
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| Die alten Wohnhäuser sind desolat - Foto: A. Halbhuber |
Derzeit schupft Carlos ein Bauprojekt, Größenordnung zwei Millionen Dollar. Das gesamte SOS-Kinderdorf Mexiko City wird renoviert, eigentlich wird es sogar neu gebaut. Stufenweise müssen alle Familien aus ihren alten, teils baufälligen Häusern ausziehen. Sie ziehen zwischenzeitlich in alle möglichen Räumlichkeiten des Dorfes, derzeit steht kein Zimmer leer. Aber schon im März werden dann die ersten ihre neuen Häuser beziehen: Schöne Häuser, in drei verschiedenen Stein-Naturfarben. Sie stehen künftig im Halboval rund um einen von diesen modernen Multifunktions-Basket-Fußballplätzen. Die Buben werden sich dann nicht mehr den Asphaltparkplatz teilen müssen, um ein gepflegtes Kickerl zu genießen. Alle Häuser werden offen auf den Spielplatz ausgerichtet sein. Künftig haben alle Familien eine Zufahrt bis zur Wohnungstüre, bislang sind die Wege zwischen den Häusern zu schmal für Autos. Derzeit muss sich Carlos unter anderem um die Entscheidung kümmern, welche Mutter mit ihren Kindern ins erste fertige Haus einziehen darf. Denn der Andrang ist groß.
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| Baustelle in Mexico City |
Aber so sehr Carlos in diesem Neubau aufgeht, so gerne er seinem Besuch aus Wien Pläne und Scribbles zeigt und ihn über das Gelände und durch Rohbauten führt: Eine andere Geschichte gefällt ihm noch besser. Als sein Besuch nämlich erzählt, dass im SOS-Kinderdorf Wien vor zwei Jahren das erste dezentrale "Dorf" entstand, adaptiert für eine Großstadt, Familien in der Nachbarschaft. Zuerst lächelt Carlos noch lausbübisch, wie er es öfter tut. Er sagt, wie genial diese Idee ist. Denn: "In einer Stadt brauche es viel Kontakt zur Nachbarschaft."
Aber dann sagt er, ganz nebenbei, wie zufällig, dass diese Idee gar nicht so neu ist. Er erzählt von Martha Torres. Der Mutter, die das SOS-Kinderdorf Mexiko City vor 15 Jahren verlassen hat. Nicht um auszusteigen, sondern um die Idee von Wien schon 1994 zu verwirklichen. Martha Torres fragte damals bei der Leitung an, ob sie mit ihren sieben Kindern in einen Vorort der Großstadt ziehen kann. In ein eigenes Haus, mit echter Nachbarschaft. 1994 stimmte die Leitung der Idee zu. 2009 stimmt Martha Torres zu, den Besuch aus Wien zu empfangen. Er möchte ihre Geschichte hören.
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| Martha hat 24 Kinder groß gezogen - Foto: A. Halbhuber |
Martha begrüßt uns beim Eingangstor und wirkt nervös. Die 75jährige Frau mit den kräftigen, auffallend schwarzen Haaren und den tiefen Falten im Gesicht zappelt ein bisschen herum, wenn sie fotografiert wird. Mit ihrer großen Brille schaut sie aus wie eine mexikanische Sophia Loren. Sie trägt einen braunen dünnen Rollkragenpulli. Martha Torres ist längst in Pension, lebt aber noch immer mit einer ihrer Töchter in dem Haus, das ihre Tochter Flor damals für sie gekauft hat. "Flor ist nämlich eine leitende Angestellte", sagt Martha und versucht ihren mütterlichen Stolz gar nicht erst zu verbergen. Wird sie auch später nicht: Während unseres dreistündigen Besuches wird sie immer wieder Fotos von ihren 24 Kindern und 18 Enkeln herausholen. Und das große Familienfoto wird auf ihrem Schoß liegen, das Foto, das langsam verbleicht, viele Jahre alt sein muss. Oder sie wird aus einer Lade eines der Schulzeugnisse oder einen Anstellungsnachweis herausfischen. Sie wird uns oft erzählen, dass aus all ihren Kindern etwas geworden ist, Ingenieur etwa oder Lehrerin oder in der Administration.
Im Haus weist Martha dem Besuch seinen Platz auf der Couch zu, sie selber setzt sich auf einen Sessel. Sie winkt Alejandra, die als letzte Tochter im Haus wohnt, bis ihr Jus-Studium fertig ist. Dieses Studium wird auch von einem der anderen ehemaligen Kinder Marthas mitfinanziert. "Schließlich habe ich sie alle in der Privatschule lernen lassen." Alejandra bringt auf die Geste hin einen Aschenbecher und stellt ihn vor Martha ab, fragt, ob sie auch Feuer brauche. Martha winkt ab und zündet sich eine Zigarette so genüsslich an, wie man sich eine von drei Zigaretten am Tag eben anzündet.
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| Zeit für ein Match mit dem Besuch aus Österreich - Foto: A. Halbhuber |
Mit der Zigarette löst sich auch die letzte Nervosität und Martha erzählt. Dass sie in Chihuahua geboren wurde und für ihren Mann nach Mexiko City umzog. Dass sie nach dessen Tod wieder zurück ging und später eine Reportage über SOS-Kinderdorf gelesen hat. "Da habe ich einen Termin ausgemacht und bin sofort danach in das Dorf gezogen. Eigentlich habe ich vor allem wegen meiner Einsamkeit mit dieser Arbeit begonnen." Das war 1973.
Ihre Mutter habe das gar nicht verstanden. "Sie hat anfangs gesagt: ‚Haben wir dich schlecht behandelt, dass du jetzt eine andere Familie brauchst?‘ Darauf habe ich ihr gar nicht geantwortet. Aber später wurde das besser." Ihre Mutter habe sie sogar oft hier im Haus besucht, bis sie vor zwei Jahren verstarb. Und wenn eines von Marthas sechs Geschwistern heute anruft, dreht sich das Gespräch meist nur darum, wie es den Kindern geht, was es Neues in deren Leben gibt. "Meine Familie hat meine Sicht und meine Intention bald verstanden. Das war mir sehr wichtig. Dass sie sich für meine Kinder interessieren." Martha hatte im Schnitt immer neun Kinder im Haus. Leibliche Kinder hatte sie nie.
Manchmal unterbricht Martha ihre Erzählungen. Dann wendet sie sich zu Carlos oder Larissa. Wer denn für ihr Begräbnis bezahlen werde, wenn sie einmal stirbt? Ob das die Organisation denn auch übernehmen werde? Denn ihren Kindern wolle sie das nicht anlasten. Martha bereitet nicht das Sterben Sorgen, sondern die Versorgung ihrer Lieben. Manchmal unterbricht sie die Fragen nach dem Begräbnis, um Carlos zu fragen, ob er denn im Dorf keinen Konstrukteur brauche. "Denn einer meiner Söhne sucht gerade Arbeit" sagt Martha und wendet sich dabei zu ihrem Besuch aus Österreich. Dann ist sie sofort wieder in den Erzählungen. Schließlich kommt doch einmal das Thema Sterben: "Aber wenn ich nach meinem Tod wiedergeboren werde, arbeite ich wieder für SOS-Kinderdorf." Martha lacht und gönnt sich noch eine Zigarette. Heute werden es wohl vier.
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| Axel und einer seiner neuen Freunde - Foto: A. Halbhuber |
Warum sie aus dem Dorf ausziehen wollte? "Zuerst wollte Flor ein Haus in der Stadt kaufen, aber das war nicht leistbar", sagt Martha und schummelt sich um die wahre Antwort. "Dann ergab sich etwas Gutes, dieses Haus, hier im Ort Otumba. Es war zuerst ein Wochenendsitz, dann renovierten wir es und zogen um." Martha weiß, dass sie die Frage nicht beantwortet hat, also setzt sie fort: "Ich wollte den Kindern das echte Leben zeigen, sie nicht geschützt von den Mauern und umgeben von der schützenden Familie eines Kinderdorfes aufwachsen lassen. Kinder sollten sich alles selber besorgen müssen." Kurze Pause. "In gewisser Weise die Härte des Lebens kennen lernen." Jedenfalls habe sie die Kinder damals gefragt: Die Hälfte wollte im Dorf bleiben, die andere Hälfte nach Otumba ziehen. "Die Verantwortung habe ich auf mich genommen. Aber der Direktor unterstützte mich sehr dabei."
Um mehr Geld zur Verfügung zu haben, eröffnete sie neben dem Haus ein kleines Papiergeschäft, in dem alle mithalfen. "Aber vor wenigen Jahren habe ich es zugesperrt." Als bei Martha Wirbelsäulenprobleme diagnostiziert wurden. Deshalb sitzt Martha auf dem Sessel neben der Couch. "Vom Sofa komme ich nur schwer auf." Nach einem Resümee ihrer Entscheidung, eigenständig außerhalb des Dorfes die Kinder großzuziehen, muss man Martha gar nicht erst fragen. Sie sagt es von selbst: "Es ist für jedes Kind anders, jedes Kind hat sein eigenes Glück." Und ach ja, übrigens: "Einer meiner Buben ist Biologe geworden, der erforscht seltene Arten." Sie deutet auf dem alten Foto auf einen Buben.
Nur einmal, da war es sehr schwer, nicht in der Stadt zu leben. Ein Sohn erkrankte. An AIDS. "Er musste nach Mexiko City ins Krankenhaus, aber ich musste hier sein, bei der Familie." Als der Bub im Sterben lag, wollte er nur sie, seine Mama sehen. Er verlangte nach ihr. "So etwas sind schwierige Situationen", sagt Martha, die ohne Tränen auskommt, wenn sie traurige Geschichten erzählt. Wie um sich selber abzulenken, spricht sie weiter: "Bei einem Besuch wie diesem spüre ich ein Heimweh zum Dorf. Aber all die Jahre war ich nie alleine. Die Kinder kommen zu Besuchen und lassen Fröhlichkeit zurück. Im Haus und in meinem Herzen. Oder ihre Probleme und Sorgen." Nur eben alleine, alleine sei sie nie.
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| Foto: Axel Halbhuber |
"Doch, oh ja", schließt sie ab, insgesamt sei das eigenständige Leben sehr erfolgreich gewesen. "Erstens haben fast alle Kinder erfolgreich geheiratet. Fast alle sind gut verheiratet, keines geschieden. Und zweitens: Alle sind ehrlich, verantwortungsvoll, nehmen keine Drogen, haben keine Probleme mit dem Gesetz, stehen voll im Leben." Martha sagt diesen Satz langsam und sehr deutlich, als ob sie ihn schon lange in sich trägt. Und fügt abschließend hinzu: "Tengo una satisfacción muy grande!" Ihre Genugtuung ist groß. Martha selber zerstört ihren schönen Schlusssatz: "Noch einen Vorteil hatte das Ausziehen. Außerhalb des Dorfes gibt es keine Gerüchte und keinen Tratsch unter den Müttern." Das Lächeln gibt Martha recht: Dieser Schluss ist noch besser.