Die Geschichte ist vorbei, die Zukunft besser 

Von Axel Halbhuber 

Viele Kinder in Laos leiden noch immer unter den langen Schatten der schlimmen Landesgeschichte. SOS-Kinderdorf hat es sich daher auch zum Ziel gesetzt, dem Land eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Das funktioniert nur über glückliche Kinder.
Beim Grenzübertritt von Vietnam nach Laos merkt man schnell, wie unterschiedlich die Länder Südostasiens sind. Man kann sie mit den Kindern einer Familie vergleichen, dieselben Eltern und doch eigene Charaktere. Zwar ist ein solcher Vergleich kitschig, aber doch: Vietnam ist der jugendliche Halbstarke, Laos das zehnjährige Mädchen, respektvoll, ein wenig verunsichert, aber mit einem wunderbaren Lachen gesegnet. Dabei hatte das kleine Mädchen eine schwere Kindheit. Laos war Kolonie, besetztes Land, strahlendes Imperium. Es wurde von den Thai und Franzosen ausgenommen und von den Amerikanern im Vietnamkrieg zerbombt. Es gilt heute als eines der ärmsten Länder der Welt und ist nach wie vor ein kommunistischer Ein-Parteienstaat. Aber wenn es einen mit dem herzlichen "Sabaidee" begrüßt, hält es die Hände gefaltet vor das Gesicht. Hinter diesen Händen lächelt das zehnjährige Mädchen, schüchtern und freundlich.
 
Foto: Sophie Molitor
Im SOS-Kinderdorf Savannakhet - Foto: Sophie Molitor
Die Kinder im SOS-Kinderdorf Savannakhet
sind zu jung für diese Nationalgeschichte. Sie wurden zu spät geboren, um sie erlebt zu haben und sind noch nicht alt genug, um darüber zu lernen. Aber Geschichte muss man nicht per Namen und Jahreszahlen kennen, um zu wissen, wie sie sich anfühlt. Denn Geschichte eines Volkes wird zur persönlichen Lebensgeschichte des einzelnen, auch der 104 Kinder hier: Eltern, die der Armut entfliehen und dabei ihre Töchter und Söhne zurücklassen. Bauern, deren Ernte nicht mehr für die ganze Familie reicht. Kranke, blinde, behinderte Eltern, die sich nicht um ihr Kind kümmern können. Väter und Mütter, die sterben. Hunger, Unterversorgung, Krankheit oder Landminen sind unterschiedliche Ursachen, die zum gleichen Ergebnis führen: Die Kinder sind Waisen. Rund 70 Prozent aller laotischen SOS-Kinder sind Vollwaisen, andere haben oft die Mutter verloren, werden aber von der neuen Frau des Vaters nicht angenommen. Manche der vielen Waisen von Laos haben das Glück, in einem der sechs SOS-Kinderdörfer aufgenommen zu werden.

Hier in Savannakhet hätten mehr Kinder Platz. Seit das SOS-Kinderdorf vor drei Jahren eröffnet wurde, sucht und bildet man Mütter aus. Derzeit sind zwölf Häuser schon von Familien bewohnt, demnächst wird das 13. bezogen. Und bald werden 150 Kinder hier leben, statt außerhalb um das Leben zu kämpfen. Sie werden spielen, lernen, geliebt werden und lernen zu lieben. Sie werden das Leben führen können, das Kindern zusteht. Buben beim Fußball. Und zehnjährige Mädchen im Glück.
 
Foto: Sophie Molitor
Die Kinder in Savannakhet wachsen sorgenfreier auf - Foto: Sophie Molitor
In diesem SOS-Kinderdorf ist der Kindergarten gleich rechts nach dem Eingang. Im SOS-Kinderdorf Pakse ist er hingegen im ersten Gebäude links. In beiden treffen sich täglich kurz nach fünf alle zum gemeinsamen Gebet. Tagsüber lernen und spielen - da wie dort - SOS-Kinder gemeinsam mit Kindern von außerhalb. Mit Kindern reicher Eltern, weil sich die Einrichtungen von SOS-Kinderdorf in Laos hohes Ansehen erarbeitet haben. Und mit den Kindern armer und ärmster Eltern, weil die Familienstärkungsprogramme (FSP) der Organisation mit solchen Unterstützungen auch in der Nachbarschaft helfen. Das Bild in Pakse gleicht dem in Savannakhet: Vor den wenigen Treppen des Aufganges zum Kindergarten stehen viele kleine Schuhpaare. Rote aus Gummi, blaue aus Stoff, und ganz andere. Würde man sie in Savannakhet zählen, käme man auf 80 Paare. 25 davon gehören Dorfkindern, sechs Kindern aus dem FSP und 49 den zahlenden Kindern. Im Inneren proben manche Kinder gerade einen Tanz, andere ein Lied. In wenigen Tagen ist der 1. Juni, der Weltkindertag. Dann werden in allen Dörfern große Feiern sein. Die Buben werden zu einem Sing-Wettbewerb antreten, den in Pakse der jüngste Teilnehmer gewinnen wird. Die jungen Mädchen werden den älteren Buben zuschmachten. Es wird ein gutes Fest werden.

Die Kinder lachen und haben sichtlich Spaß an den Proben der Folklore-Tänze und -Lieder zur laotischen Musik. Das Ziel ist ein besseres Leben, ein sorgenfreier Alltag für die Kinder. Kein anderes Leben. Die eigene Kultur zu bewahren, ist oberstes Ziel. Denn im Gegensatz zur Geschichte kann man die Zukunft verändern. Das Leben der Kinder im SOS-Dorf soll ein besseres sein als davor. Aber es wird immer ein Leben in Laos bleiben, nur eben in einem besseren Laos.
 
Foto: Sophie Molitor
Der Dorfleiter von Savannakhet mit einer Familie - Foto: Sophie Molitor

Dass dieser Weg gut ist, sieht man in Laos vor allem am Zuspruch der Menschen. Seit der Gründung von SOS-Kinderdorf Laos im Jahr 1993 wurden 1.034 Kinder in die sechs Dörfer aufgenommen. 102 davon leben heute schon außerhalb und eigenständig. Neben den Plätzen im privaten SOS-Kindergarten sind auch die fünf Hermann-Gmeiner-Schulen sehr gefragt. Wie viel die Eltern für die Ausbildung ihrer Kinder zahlen müssen, hängt vom Einkommen ab. Bei einem Besuch einer Englischstunde in Pakse wird schnell klar, warum sich für zehn Plätze in der Hermann-Gmeiner-Schule 200 Kinder bewerben. Die 28 Kinder lesen in beachtlichem Englisch aus neuwertigen Büchern. Die Lehrerin spricht nahezu akzentfrei und versprüht Energie. Ihr Enthusiasmus steckt die Kinder an.

Bouakhay Keophoxay ist der Direktor des SOS-Kinderdorfes Pakse. Davor unterrichtete er Mathematik und Physik im Ausbildungs-College für Lehrer. Mit der Eröffnung des Dorfes in Pakse wechselte er 1996 zu SOS-Kinderdorf. Die Antwort auf die Frage, warum er Direktor werden wollte, erinnert einen wieder an die Realität dieses Landes, das so freundlich und frei wirkt: "Weil mich die Regierung dafür ausgesucht hat." Heute lacht Bouakhay darüber, denn niemals würde er zurücktauschen. Vielmehr ist er glücklich, seinen Beruf gegen eine Berufung ausgewechselt zu haben. Er erzählt von den vielen Kindern, die er in den 14 Jahren schon in die Eigenständigkeit entlassen hat: "Ich besuche alle, die schon außerhalb leben, einmal im Monat, rede mit ihnen über Sorgen und Probleme. Oder aber auch ihre Erfolge und Ziele.“ Diese Verbindung ist Bouakhay wichtig, er weiß auswendig, dass bislang 228 Kinder in seinem Dorf gelebt haben. Derzeit leben 20 Buben im Jugendhaus, die Mädchen bleiben für gewöhnlich bei der Familie im Dorf. Insgesamt 74 Jugendliche leben in Internaten der Universitäten, auf denen sie studieren. Aber auch diese 35 Mädchen und 39 Buben kommen am Wochenende oft ins Dorf und helfen ihren Müttern im Haushalt. Oder genießen wieder einmal Kind zu sein. Dann kicken sie nach einem Regenguss mit den Buben auf dem mit Pfützen übersäten Fußballplatz. Und die älteren Mädchen flechten den zehnjährigen die Haare.

Foto: Sophie Molitor
Foto: Sophie Molitor

Als nach einem Schlamm-Gestocher im Strafraum ein Tor passiert und Bouakhay die Freude des Torschützen sieht, lächelt er offen. Das tut er nicht oft, sein Gesicht ist meist ernst. Und man könnte sich davon täuschen lassen, würde man ihn nicht beobachten, wenn er seinen Besuch durch das Dorf führt und sieht, wie die 114 Kinder ihn angrinsen. Sie schätzen ihn. Er ist den 48 Mädchen und 66 Buben zwischen vier und 13 Jahren ein Vater. Das zählt. Und er bleibt es, nachdem die Kinder ausziehen. Das zählt fast noch mehr, denn sogar in eine gute Zukunft sind die ersten Schritte oft schwierig. Bouakhays Gesicht wechselt von ernst zu traurig, wenn er erwähnt, dass er bislang 20 Kinder aus dem Dorf werfen musste. Warum, sagt er nicht. Aber die Nähe zur Thai-Grenze macht Pakse zu einem Transitposten für Drogen. Mit aller Rundum-Kriminalität.

Zurück im SOS-Kinderdorf Savannakhet: Ein Bub nimmt Anlauf und springt, bleibt aber in der Hecke hängen. Er steht auf, beschleunigt wieder und nimmt die nächste Hecke locker. Er möchte keine Zeit verlieren, bei der Boulé-Bahn, wo fast jeden Abend gespielt wird, formieren sich die Teams. Das Spiel, in Italien als Boccia bekannt, ist französisches Kolonialrelikt und Volkssport. Und es erfüllt im Kinderdorf denselben Zweck wie in Pariser Parks: Menschen treffen einander zur Kommunikation. Das Spiel ist Nebensache. Der Direktor des Dorfes Savannakhet, Kamvilay Mamabout, spielt meistens mit, oft gewinnt er auch, aber darum geht es nicht. Es geht um zwangloses Plaudern mit den Kindern, über Freunde, Liebe und Freizeit. Themen, die für Kinder noch wichtiger sind als Schule, Erziehung und Pläne. An der Boulé-Bahn applaudiert der sechsjährige Hecken-Stürzer den Freunden, die im Kinderdorf zu seinen Brüdern und Schwestern wurden.
Ein zehnjähriges Mädchen hat die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in die Hände gelegt. Sie schaut dem Spiel zu, ohne viel Anteil zu nehmen. Ihr Blick ist nicht traurig, aber etwas verträumt. Sie genießt das Treiben, die Sorglosigkeit. Sie ist umgeben von einer Familie. Und hat eine gute Zukunft vor sich.

Artikel von Axel Halbhuber, freier Journalist aus Österreich. Seit Oktober 2009 befindet sich Axel Halbhuber auf einer einjährigen Weltreise und besucht bei Gelegenheit SOS-Kinderdorf-Projekte.