Umwege und Ziele 

Serge, Côte d'Ivoire  

Serge war fünf Jahre alt, als er in das SOS-Kinderdorf Abobo kam. Seine Mutter war unverheiratet, seinen Vater hatte er nie kennengelernt. Serge und seine Mutter lebten in ärmlichsten Verhältnissen: Sie waren obdachlos, zu essen gab es nur unregelmäßig. Auf einem Markt wurde Serge entdeckt und schließlich ins SOS-Kinderdorf gebracht. Das war im Jahr 1975. Heute, mit 39 Jahren, zählt Serge zu den erfolgreichsten Managern im Gastronomiebereich von Côte d'Ivoire.

Wenn Serge über das SOS-Kinderdorf spricht, beginnen seine Augen zu leuchten: "Ich habe mich leicht im SOS-Kinderdorf Abobo eingelebt. Wir alle waren Geschwister und kannten einander. Wir waren froh im SOS-Kinderdorf zu leben. Das Kinderdorf war ein schöner und sauberer Platz. Es gab ein kleines Schwimmbecken, Schaukeln und einen Fußballplatz, wo wir spielten. Ich war immer glücklich, wenn kein Unterricht stattfand, denn, um ehrlich zu sein, die Schule war nicht so meins", erzählt er schmunzelnd. Lieber beschäftigte er sich mit anderen Dingen, wie dem Bau von Spielzeugautos, dem Makrameeknüpfen und dem Kochen. Nicht zu vergessen der Sport: Serge liebte Tischtennis. Ein Mal nahm er sogar an den nationalen Meisterschaften teil, schied aber in der ersten Runde aus.

Sich zuhause fühlen

Bevor ich in die Jugendeinrichtung kam hatte ich zwei SOS-Kinderdorf-Mütter, Mama Béby und Mama Zaratou. Sie kümmerten sich voller Hingabe um uns und behandelten uns, als ob wir ihre eigenen Kinder wären. Ich war häufig krank, aber Mama Béby beklagte sich nie darüber. Sie betreute mich wie eine richtige Mutter. Dank ihrer Betreuung und Fürsorge gewöhnte ich mich sehr rasch an das Leben im Dorf". Serge hatte auch Kontakt zu seiner leiblichen Mutter, die ihn einmal jährlich im SOS-Kinderdorf besuchte.

Serge erinnert sich auch an sein Familienhaus: "Unser Haus war gut ausgestattet mit schönen Möbeln, einem Fernseher und einem großen Radio. Die Häuser waren damals noch anders gebaut als heute. Sie bestanden aus abgetrennten Bereichen anstelle von Räumen. Zehn Kinder lebten in einem Haus mit zehn Bereichen, sodass jedes Kind seinen Raum und seine Privatsphäre hatte. Jeden Abend überzeugte sich unsere SOS-Kinderdorf-Mutter davon, dass alle Kinder in ihren Bereichen schliefen und dass alles in Ordnung war, bevor sie selber zu Bett ging."

Die Kinder, sagt Serge, verstanden sich gut, sie spielten und aßen miteinander. Natürlich gab es auch kleinere, harmlose Streitigkeiten, bei denen es meistens darum ging, dass jemand ein Stück Fleisch gegessen hatte, ohne den anderen etwas davon abzugeben, oder um etwas, das "wir wohl kaum der SOS-Kinderdorf-Mutter und dem Dorfleiter erklären konnten", erzählt Serge mit einem Augenzwinkern. Die schönsten Zeiten seiner Kindheit, so Serge, waren Festtage wie Weihnachten, Neujahr und Ostern, denn da "wurden wir mit Kleidung, Schuhen, Geschenken und Essbarem verwöhnt."

Eintritt ins Berufsleben

Während seiner dreijährigen Ausbildung in der Gastronomie lebte Serge in der Jugendeinrichtung. Ein Jahr später verließ er das Jugendhaus und fand mithilfe des Dorfleiters in einem Betrieb vor Ort seine erste Arbeitsstelle. "Als ich das SOS-Kinderdorf verließ, war mir klar, dass ich nun auf eigenen Beinen stehen musste. Es war nicht einfach, weil ich mich plötzlich so allein fühlte. Ich fand eine kleine Wohnung, in der ich allein lebte, ohne meine SOS-Kinderdorf-Mutter, ohne meine Geschwister, und das war manchmal traurig", erzählt er.

Diese Zeit war nicht einfach für ihn, es gab Enttäuschungen und gescheiterte Versuche. "Es war verantwortungslos von mir, dass ich die Arbeit nicht ernst nahm. Deshalb verlor ich sie." Dennoch standen ihm der Dorfleiter und seine ehemalige SOS-Kinderdorf-Mutter weiterhin zur Seite, unterstützen und ermutigten ihn. Er lernte realistisch zu bleiben und positiv zu denken. Der Dorfleiter gab ihm etwas Geld, sodass er ein kleines Häuschen mieten konnte, in dem er zwei Jahre lebte.

"Ein halbes Jahr nachdem ich meine erste Arbeit verloren hatte, fand ich eine neue Stelle. Mein erstes Gehalt betrug 90.000 FRS CFA (ca. 140 €). Für mich war das wie Millionen. Ich gab das Geld weder für Freizeitaktivitäten noch für Unterhaltung aus, denn ich hatte ein Ziel. Ich wollte Geschäftsmann werden, und mir war klar, dass ich dafür ein gutes Startkapital benötigte." Serge begann jeden Monat einen Teil seines Gehalts zu sparen und eröffnete 1998 sein erstes Restaurant. "Nach zwei Jahren ging ich wegen Misswirtschaft in Konkurs und versuchte ein Jahr später einen Neustart" erzählt er.

Dieser Versuch war deutlich erfolgreicher: Innerhalb von fünf Jahren gelang Serge die Eröffnung von vier Restaurants in der Stadt Abidjan. Er beschäftigt heute 20 Mitarbeiter. "Das Kochen war schon lange meine Leidenschaft. Als Kind und als Jugendlicher beobachtete ich meine Mutter, sah zu, welche Zutaten sie verwendete, um die beste Suppe zu kochen, die ich je gegessen hatte", erzählt er lächelnd.

Gute Beziehungen

Serge zusammen mit seiner Frau und den beiden Töchtern
Serge zusammen mit seiner Frau und den beiden Töchtern - Foto: SOS-Archiv
Regelmäßig stattet Serge dem Dorfleiter, den Müttern und Tanten und seinen jüngeren Geschwistern Besuche ab. " Wenn ich das Bedürfnis habe, mit jemandem ganz ehrlich zu sprechen, gehe ich ins Dorf, denn dort sind meine wahren Eltern und Freunde", sagt er. Auch seine ehemalige SOS-Kinderdorf-Mutter, die nun in Agboville, circa 100 km von Abidjan lebt, besucht er regelmäßig. Und auch wenn sie in Abidjan ist, besucht sie ihn. Serges Kinder lieben sie und nennen sie "Oma".

Serge ist stolz darauf, in einem SOS-Kinderdorf aufgewachsen zu sein. Allerdings bedauert er, dass die Dörfer heute kleiner sind und die Kinder weniger Platz zum Spielen haben. "Das Leben im Dorf ermöglichte uns,  neue Freundschaften aufzubauen und bestehende zu vertiefen. Im Dorf kennt jeder jeden. Wir verstehen uns alle gut, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Religion. Wir sind alle Geschwister", sagt er. "Meiner Meinung nach ist es ein Privileg, in einem SOS-Kinderdorf aufwachsen zu dürfen, denn es ist ein guter Ort für Kinder. Sie werden liebevoll betreut, erhalten eine gute Ausbildung und erhalten die Zuneigung, die sie für ihre Entwicklung brauchen. Deshalb sind sie im späteren Leben meist erfolgreich", fügt er hinzu.

Viel Anerkennung

Serge ist überzeugt, dass das SOS-Kinderdorf maßgeblich dazu beigetragen hat, dass er ein erfolgreicher Geschäftsmann und guter Familienvater wurde. "Das SOS-Kinderdorf ermöglichte mir den Schulbesuch und tat alles, um meinen Erfolg im Leben zu fördern", sagt er. Durch seine Erfahrung im SOS-Kinderdorf hat er gelernt, wie wichtig Dinge wie Teilen, Liebe und Verantwortung sind. "Ich lernte, mich nicht meinem Schicksal zu ergeben, sondern hart zu arbeiten, um zu beweisen, dass jeder einen guten Platz in der Gesellschaft finden kann, unabhängig von seiner Vergangenheit oder seinem sozialen Status", ist er überzeugt.

"Meine glückliche Kindheit verdanke ich dem SOS-Kinderdorf. Die Beziehungen waren so tief, dass ich heute noch die Mütter, meine Geschwister, den Dorfleiter, die pädagogischen Mitarbeiter und all die anderen Mitarbeiter vermisse. Ich denke oft an die vielen schönen Augenblicke, die ich im Dorf erlebt habe. Ich bin meiner leiblichen Mutter dafür dankbar, dass sie mir eine gute Ausbildung ermöglichte und ich zu dem werden konnte, der ich heute bin. Ich hatte alles, was ich brauchte, und lernte auch Umgangsformen, die für das Leben in der Gesellschaft wichtig sind. Auch wenn wir im SOS-Kinderdorf ein wenig zu sehr behütet waren und ich auf das Berufsleben nicht so gut vorbereitet war: Ich fand meinen Weg. Heute kann ich stolz sagen, dass alles gut läuft, auch wenn es hie und da Probleme gibt".

Serge ist verheiratet, Vater zweier Töchter, ein Sohn ist unterwegs. "Ich fordere meine Kinder ständig auf, viel zu lernen und lege Wert darauf, dass sie eine gute Einstellung zu Arbeit  bekommen. Ich erinnere sie auch daran, wie glücklich sie sich schätzen können, dass sie Eltern haben, die für sie sorgen", sagt er.

Serge sieht sich selbst nicht als reiche Person, sondern als jemanden, der seinen Weg im Leben gemacht hat. Er möchte seine geschäftlichen Aktivitäten weiter ausbauen: "Wir verzeichnen eine jährlich steigende Wachstumsrate, sowohl was das Einkommen als auch was den Umsatz betrifft, und ich plane in den kommenden Jahren die Erweiterung meiner Geschäfte im Bereich Import, Computer oder Möbel". Serges ehrgeizige Ziele sind in greifbarer Nähe.