Lebensschule SOS-Kinderdorf 

Hae Soo, Korea 

Hae Soo Joung feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Seit einigen Jahren leitet er das SOS Child Welfare Temporary Centre in der südkoreanischen Stadt Daegu. Aufgewachsen ist er im SOS-Kinderdorf Daegu und dort, so sagt er, habe er gelernt, was er für sein Leben braucht.

"Ich wuchs behütet von meiner SOS-Kinderdorf-Mutter und zusammen mit meinen Kinderdorf-Geschwistern auf. Diese Kindheit ist die Basis, auf der ich mein Leben aufgebaut habe, und ich erinnere mich gerne und oft daran zurück." Hae Soo Joung war sieben Jahre alt, als er in das SOS-Kinderdorf kam. Das war im Jahr 1966: Korea erholte sich nur langsam von den Folgen des Korea-Krieges, immer noch gab es viele Kinder, die zu Skeletten abgemagert und in Lumpen gekleidet auf der Straße lebten. Hae Soo Joungs Mutter war kurz zuvor gestorben, der Vater verzweifelt und überfordert. Er brachte Hae Soo und seinen Bruder bei Verwandten unter, doch als Hae Soo an Lungenentzündung erkrankte, lehnten auch die Verwandten ab, sich weiter um die Kinder zu kümmern. Ein Onkel veranlasste schließlich, dass die beiden Jungen ins SOS-Kinderdorf kommen.

Foto: SOS-Archiv
Hae-Soo, stehend, rechts - Foto: SOS-Archiv
Die erste Zeit war geprägt von Hae Soos Krankheit - es dauerte lange, bis er sich von seiner Lungenentzündung erholte. Danach entdeckt Hae Soo Schritt für Schritt sein neues Leben. "Ich bin gerne zur Schule gegangen und habe gute Noten bekommen", erinnert er sich. "Aber genau so gerne habe ich mit Murmeln oder mit meinem Kreisel gespielt oder mich mit meinen Geschwistern um die Ziegen, Hasen und Hühner gekümmert, die wir im SOS-Kinderdorf gehalten haben." Auch im Gemüsegarten, den seine SOS-Kinderdorf-Mutter angelegt hatte, half er oft mit. Oder musste mithelfen. "Das war harte Arbeit", weiß er noch, "aber zu sehen, wie das Gemüse wächst und gedeiht, hat auch Freude bereitet."

Die Ausstattung des Familienhauses war bescheiden. "Zu jener Zeit", erzählt Hae Soo, "hatten wir noch keinen Kühlschrank, keine Waschmaschine und auch keinen Fernseher." Und das bedeutete viel Arbeit für seine SOS-Kinderdorf-Mutter. Hae Soo hat aus dieser Zeit das Bild einer ständig beschäftigten Frau vor Augen, die von morgens bis abends nicht zur Ruhe kam: "Schließlich waren wir zehn Kinder, die in ihrer Obhut lebten." Dennoch war der Standard im SOS-Kinderdorf höher als in vielen anderen koreanischen Familien, berichtet Hae Soo. "Ich hatte viel Kontakt mit den Kindern in meiner Schule, und meine Schulfreunde beneideten mich so manches Mal um die Möglichkeiten, die wir hatten."

Die Sonn- und Feiertage verbrachte Hae Soo in der Kirche, als Ministrant. Ein Mal war er auch als einer der Heiligen Drei Könige unterwegs, das hat ihm besonderen Spaß gemacht. Ein Höhepunkt war auch der alljährliche Sommerurlaub: Das ganze SOS-Kinderdorf fuhr zusammen ans Meer in ein Ferienlager. "Das war so aufregend", erinnert sich Hae Soo, "die Lieder, die wir zusammen gesungen haben, habe ich noch heute im Ohr."

Nachdem Hae Soo die Handelsschule abgeschlossen hatte, lebte er noch sechs Monate im SOS-Kinderdorf, bis er Arbeit fand. Als er seine erste Stelle antrat, stellte ihm sein Arbeitgeber auch eine Schlafmöglichkeit zur Verfügung, und so verließ Hae Soo sein Zuhause. Auch wenn er sagt, dass es ihm nicht schwer fiel, sich in sein neues Umfeld einzugliedern: Manchmal fühlte er sich dennoch ein wenig einsam. "Dann bin ich ins SOS-Kinderdorf gegangen und habe meine SOS-Kinderdorf-Familie besucht."

Nach seinem dreijährigen Militärdienst wollte Hae Soo weiterstudieren. Er

Bei einem Besuch von SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner (2. von links)
Hae Soo (2. v. l.) bei einem Besuch von SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner - Foto: SOS-Archiv
besuchte die Universität und absolvierte ein Betriebswirtschaftsstudium. Als ihn eines Tages der Dorfleiter des SOS-Kinderdorfes Daegu fragte, ob er für ihn arbeiten wolle, sagte er sofort zu. Was er  nicht erwartet hatte: Die Arbeit im SOS-Kinderdorf stellte ihn vor große Herausforderungen. Rückblickend weiß er: "Mir fehlte es an Verständnis für die Bedürfnisse der Kinder. Die Lebensgeschichten der Kinder, die im SOS-Kinderdorf lebten, waren andere als die zu meiner Zeit. Während damals hauptsächlich Waisen ins SOS-Kinderdorf aufgenommen wurden und Hunger und Armut die größten Probleme waren, sind es nun Kinder, die zumeist noch mindestens einen Elternteil haben und die vernachlässigt oder missbraucht wurden."

Hae Soo kehrte noch einmal an die Universität zurück, studierte Sozialarbeit und trat die Stelle als Direktor des Sozialzentrums an. "Heute kann ich das Leid und die Traumata der Kinder besser verstehen, und auch in der Arbeit mit meinen Kollegen profitiere ich von meinem Studium", sagt er. Doch als die wichtigste Schule seines Lebens bezeichnet er das SOS-Kinderdorf: "Ich denke positiv, ich versuche, andere Menschen und ihre Ansichten zu verstehen, ich habe gute Erinnerungen an meine Kindheit. Diese Dinge schätze ich, und das möchte ich auch mit anderen Menschen teilen."

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