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| Monika Lienhart (rechts unten) im Kreis ihrer SOS-Kinderdorf-Familie - Foto: SOS-Archiv |
Vieles war fremd für die vier Mädchen: die schroffen Berge, der unverständliche Dialekt, das Haus im Tiroler Stil. Und da war diese Frau: "Ich habe lange nicht 'Mama' gesagt", erzählt Monika Lienhart. Denn an ihre Mutter konnte sie sich gut erinnern, sie hatte ihr Gesicht vor Augen, wusste genau, wie ihre Stimme geklungen hatte. Die Mutter war ein halbes Jahr zuvor gestorben, der Vater hatte die Familie bereits vor Jahren verlassen. Sechs Monate lang lebten die fünf Schwestern alleine, bewältigten irgendwie den Alltag, bis schließlich eine evangelische Gemeindeschwester veranlasste, dass die Kinder ins SOS-Kinderdorf kommen. Die älteste Schwester war damals 15 Jahre alt - zu alt, um im Kinderdorf aufgenommen zu werden. Der Abschied war schmerzhaft. "Für uns war es schwer, aber für meine große Schwester, die alleine zurück bleiben musste, war es am allerschwersten", erinnert sich Monika Lienhart. Ihre Schwester war für damalige Verhältnisse in einem Alter, in dem von jungen Leuten erwartet wurde, dass sie einen Beruf ergreifen und Geld verdienen. Sie fand Arbeit in einem Haushalt in der Heimatgemeinde der Kinder, 400 Kilometer vom SOS-Kinderdorf entfernt. Dennoch blieben die Schwestern in Kontakt.
Als Monika Lienhart mit ihren Geschwistern ins SOS-Kinderdorf kam, waren bereits fünf Kinder in ihrer Kinderdorf-Familie. Trotz aller Scheu vor dem Fremden: Es war auch aufregend. Ein eigenes Bett für jedes Kind - zu Hause hatten die Schwestern sich zu dritt zwei Betten teilen müssen -, die vielen Kinder, das gemeinsame Herumtollen. Und eine Kinderdorf-Mutter, die sich um alles kümmerte. Irgendwann kam das "Mama" ganz von selber - nachdem Monika Lienhart ihre Kinderdorf-Mutter monatelang nicht einmal mit "Du" angesprochen hatte, sondern sich um jede Form der Anrede gedrückt hatte.
Die Beziehung zu ihrer SOS-Kinderdorf-Mutter durchlief viele Höhen und Tiefen. Noch heute, erzählt Monika Lienhart, fließen manchmal die Tränen, wenn sich die beiden zu ihrem samstäglichen Kaffee treffen und Erinnerungen nachhängen. Zwei Menschen mit ihren Geschichten, mit ihren Sehnsüchten, mit ihrer Sprachlosigkeit, ihren Stärken und Ängsten haben sich über die Jahre hinweg zusammengerauft, vieles an- und ausgesprochen. "Heute ist sie wie ein Felsen für mich, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie mal nicht mehr ist. Sie ist mein Daheim, sie ist die Großmutter meiner Kinder."
Zu Hause im SOS-Kinderdorf
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| Das Leben spielte sich vor allem in der "Stube" ab - Foto: SOS-Archiv |
Das Familienleben, so erzählt Monika Lienhart, spielte sich vor allem in der "Stube" ab. Dort standen ein großer Tisch, eine Eckbank und ein Schrank mit einer Schublade für jedes Kind. In der Stube hat die große Familie gegessen, gespielt, geredet, gestritten. Dort machten die Kinder ihre Hausaufgaben, und am Sonntag - als besonderer Luxus - hörten alle gemeinsam Radio. Fernsehen, Illustrierte, Comics oder Computer - nichts von alledem gab es damals. Freizeit, das hieß vor allem draußen sein, im Kinderdorf oder im Wald, gemeinsam mit den anderen Kindern vom Dorf. Gemeinsam ging man zur Schule, im Winter durch den tiefen Schnee, ohne Stiefel, denn Stiefel konnten sich damals nur wenige leisten. "In der Schule hieß es dann: Alle Kinderdorf-Kinder ziehen ihre Wollstrümpfe aus und hängen sie über die Heizung, " entsinnt sich Monika Lienhart. Die Lehrerin wusste um den langen Schulweg und seine zahlreichen Gelegenheiten zu Schneeballschlachten und Rangeleien im Schnee.
Dass "die SOS-Kinderdorf-Kinder" als solche etikettiert wurden, grämt Monika Lienhart noch heute: "Ich weiß, dass es nicht böse gemeint war, aber es hat die Kluft zwischen den Kindern von Imst und jenen im SOS-Kinderdorf verstärkt." Und diese Kluft gab es. Aus der Sicht der Imster Kinder waren die Kinder aus dem SOS-Kinderdorf mit vielen tollen Dingen ausgestattet, sie besaßen Spielsachen, einen Sportplatz im Kinderdorf, sie konnten im Sommer ins Ferienlager fahren, Dinge, die in den 50er- und 60er-Jahren eher die Ausnahme als die Regel waren. "Ohne eine Sekunde zu zögern hätten wir das hergegeben, wenn wir dafür wieder unsere Mama, unsere Familie gehabt hätten", sagt Monika Lienhart mit Nachdruck.
Besonders gerne denkt Monika Lienhart an die Advents- und Weihnachtszeit. Am ersten Adventstag ist die Krippe aufgestellt worden, ganz feierlich war da den Kindern. Und die, die brav waren oder etwas Besonderes getan haben, durften einen Strohhalm in die Krippe legen, damit das Jesus-Kind weich liegt. An den Brauch der "Herbergssuche" erinnert sich Monika Lienhart: "Wenn es dunkel geworden ist, sind die Nachbarn mit einem Marienbild gekommen. Wir haben einen schönen Platz für das Marienbild hergerichtet, gemeinsam Tee getrunken, Kekse gegessen und uns unterhalten. Das Bild haben wir am nächsten Tag ins nächste Haus weiter getragen. Das war wunderschön."
Monika Lienhart war "die Große" in der Familie. Sie durfte mit ihrer Kinderdorf-Mutter zusammen die Päckchen für die kleineren Kinder packen, am Heiligen Abend mit den Kindern spazieren gehen, damit die große Bescherung vorbereitet werden konnte. Wenn es dann endlich so weit war, durfte zuerst das jüngste Kind seine Päckchen öffnen - und neun Augenpaare schauten ihm zu. Erst wenn es fertig war ist das nächste dran gekommen. "So haben wir Freude geteilt", sagt Monika Lienhart. Zu später Stunde sind dann die größeren Kinder mit den Erwachsenen durch den verschneiten Wald in den Ort in die Christmette gestapft. Vor der riesigen Tanne vor dem Gemeindehaus hat man sich getroffen und gesungen.
Bildung für "das Mädchen"
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| Monika Lienhart und ihre jüngere Schwester Ursula - Foto: SOS-Archiv |
Monika Lienhart war eine gute Schülerin, lernte leicht, las leidenschaftlich gerne. "Ein Mal pro Woche konnten wir uns in der Bücherei Bücher ausleihen, und ich war immer schon eine Stunde, bevor die Tür geöffnet wurde, dort." Dennoch wollte sie Frisörin werden. Der damalige Dorfleiter überredete sie schließlich, weiter zur Schule zu gehen. "Ich habe dann zwar die Aufnahmeprüfung gemacht und natürlich auch bestanden, habe mir aber gedacht: 'Jetzt tu ich so blöd, dass sie mich wieder hinauswerfen.'" Fast wäre ihr das gelungen, doch als der Dorfleiter ihr in einem ernsten Gespräch klar machte, welches Privileg es war, als Mädchen eine höhere Schule zu besuchen, da "hat das bei mir was in Bewegung gesetzt. Ich wollte weiter in die Schule gehen - vor allem wegen der anderen Mütter, die immer gesagt haben: 'Sie ist doch ein Mädchen, warum soll sie weiter zur Schule gehen?' Unsere Mama hat uns immer verteidigt, sie war stolz auf uns. Und ich wollte es nun den anderen Müttern zeigen."
Noch während ihrer Schulzeit wurde Monika Lienhart klar, dass sie Krankenschwester werden will. Wieder gab es Diskussionen: Im Kinderdorf war man der Meinung, dass die Schwesternschule im nahe gelegenen Ort Zams die beste Möglichkeit wäre, aber Monika Lienhart wollte nach Innsbruck - und setzte sich durch. Als 1966 das Mädchenheim eröffnet wurde war sie eines der ersten vier Mädchen, die dort eingezogen sind. Alle vier Mädchen kamen mit dem Zug in Innsbruck an, aufgeregt und voller Vorfreude auf "die große Stadt". Drei Stunden brauchten die Mädchen, um den kurzen Weg vom Bahnhof ins Mädchenheim zurück zu legen; so vieles gab es zu sehen und zu bestaunen. Zur Begrüßung, Monika Lienhart weiß es noch genau, gab es eine kalte Platte, und danach hieß es: "Ihr habt sicher eine Schürze in eurem Koffer. Die holt ihr jetzt heraus, und dann putzen wir das Haus."
Nichtdestotrotz empfindet Monika Lienhart diese Zeit als den Beginn ihres Erwachsenwerdens. "Wir sind als junge Frauen behandelt worden, die Zügel wurden ein bisschen lockerer gelassen und auch das Selbstwertgefühl hat sich entwickelt." Sie geht ihren Weg, lernt ihren Traumberuf, den sie viele Jahre lang ausübt. Heute ist sie 60 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Töchtern. Sie hat vor kurzem ihren Ruhestand angetreten, genießt ihr Dasein als Oma und die Reisen mit ihrem Mann. Ihre leiblichen und auch ihre Kinderdorf-Geschwister trifft sie in regelmäßigen Abständen - zumindest bei den großen Familienfeiern.
Wenn sie heute das SOS-Kinderdorf Imst besucht, sieht sie die Unterschiede zu damals. "Die Zeiten sind eben andere", meint sie: "Die Kinder sind materiell natürlich besser ausgestattet, und die Mädchen haben es heute bestimmt leichter. Buben konnten damals selbstverständlicher eine höhere Schulbildung bekommen oder studieren, das war zu meiner Zeit einfach generell so. Heute werden die Mädchen ganz anders gefördert." Auch dass das Kinderdorf offener ist als damals, der Kontakt mit der Umgebung ein viel selbstverständlicherer, und dass die Kinderdorf-Mütter ihr soziales Leben außerhalb des Kinderdorfes pflegen, fällt ihr positiv auf. Aber sie sieht auch die andere Seite: die Vorgeschichten der Kinder sind andere als zu ihrer Zeit, und die Kinderdorf-Mütter häufiger mit Gewalt und Missbrauch konfrontiert.
Im Herzen stark sein
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| Seit vielen Jahren glücklich verheiratet: Monika und Alfred Lienhart - Foto: M. Lienhart |
Leicht hatten es die Kinderdorf-Mütter freilich auch damals nicht, das ist Monika Lienhart bewusst: "Sie waren sicher manchmal überfordert, mit der kurzen Ausbildung, die sie damals hatten. Nach zwei Monaten ein Haus mit neun Kindern zu übernehmen, nach dem Motto: 'Sie sind jetzt die Mama von diesen Kindern', das war sicher nicht einfach. Da musst du im Herzen stark sein." An Momente der Verzweiflung kann sich Monika Lienhart noch erinnern: "Es gab einen Zeitpunkt, wo unsere Kinderdorf-Mutter weggehen wollte. Da haben wir Rotz und Wasser geheult, alles haben wir ihr versprochen, damit sie bleibt. Und sie hat es mit uns geschafft."
Es gibt Momente, da ist auch Monika Lienhart selbst erstaunt über den Weg, den ihr Leben genommen hat. Manchmal, erzählt sie, wenn sie ein Stück Schokolade isst, fällt ihr eine Episode aus ihrer Kindheit ein, aus der Zeit, als die fünf Schwestern alleine lebten: "Wir haben eine kleine Schokolade gekriegt, da sind wir alle am Tisch gesessen, haben diese kleine Tafel geteilt und mit Messer und Gabel gegessen. Manchmal, wenn ich heute ein Stück Schokolade esse, dann denke ich mir: Mein Gott, geht es mir gut. Ich bin oft überrascht über mein Leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich zum Beispiel mal nach Amerika komme oder nach Kanada oder auf eine Kreuzfahrt gehe. So viel Glück zu haben. Und die Kraft, meinen Weg so zu gehen."