
Die Wasserversorgung in den Flüchtlingslagern ist eine Herausforderung - Foto: Y. van den Broek
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In Oure Cassoni, nur fünf Kilometer von der Grenze zum Sudan entfernt, könnten die Menschen ohne die Hilfe von NGOs und UN-Organisationen kaum überleben. SOS-Kinderdorf arbeitet vor Ort eng mit UNHCR und dem International Rescue Committee zusammen, um jene Familien zu finden, die am dringendsten therapeutisch und medizinisch betreut werden müssen und um die Hilfsmaßnahmen untereinander zu koordinieren.
Ende Februar besuchte UNHCR-Botschafterin Angelina Jolie das Flüchtlingscamp in Oure Cassoni, um sich ein Bild von der dramatischen Situation zu machen und die Weltgemeinschaft wachzurütteln für das Schicksal der Menschen aus Darfur. Gemeinsam mit Yolanda van den Broek besuchte sie während ihres zweitägigen Aufenthalts auch drei Familien, die von SOS-Kinderdorf betreut werden. Angelina Jolie zeigte sich betroffen, dass sich seit ihrem letzten Besuch vor drei Jahren die Situation der Menschen nicht wirklich verändert hat. Andererseits war sie berührt von deren ungebrochener Hoffnung auf eine Rückkehr nach Darfur, auf Friedenstruppen und eine Ahndung der Verbrechen. Sie zeigte sich beeindruckt von der Arbeit der Hilfsorganisationen, deren Mitarbeiter(innen) oft schon jahrelang vor Ort im Einsatz sind und unter diesen schwierigen Bedingungen unbeirrt weitermachen.
UNHCR hat im Tschad zwölf Camps für mehr als 230.000 Darfur-Flüchtlinge aufgebaut, Oure Cassoni ist das nördlichste. Professionelle Hilfe für traumatisierte Kinder und Mütter hat es bis zum Start des Hilfsprogramms von SOS-Kinderdorf in diesem Camp nicht gegeben. Dabei haben fast alle in der Heimat und auf der Flucht Schreckliches erleben müssen. Wie der kleine Mahamat*, von dem Yolanda erzählt, stellvertretend für tausende Kinder, die schwerstens traumatisiert wurden und dringend psychologische und ärztliche Hilfe brauchen und - Frieden und Sicherheit:

Foto: Y. van den Broek
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"Der Krieg in Darfur ist eine Katastrophe für die Menschen. Viele mussten ihr Zuhause verlassen, nachdem es geplündert und niedergebrannt worden war, Frauen und junge Mädchen wurden geraubt, Vieh gestohlen und die Leute mussten mit buchstäblich Nichts aus der Heimat fliehen. Die Menschen des Zaghawa-Stamms sind zäh und stark, über Gefühle wird nicht viel geredet. Die meisten Männer würden sagen, dass sie der Verlust des Landes am meisten schmerzt, aber was die Menschen tatsächlich durchgemacht haben, kann man nur erahnen. Ich bin mir sicher, dass mit der Zeit mehr Geschichten an die Oberfläche kommen werden. Wir entdecken immer mehr verborgene Traumen und hören immer mehr erschütternde Erfahrungen. Es ist schwierig, nur eine Geschichte herauszugreifen, weil es so viele gibt, die erzählt werden müssten…aber diese berührt mich ganz besonders.
Uns wurde von einem Buben berichtet, der dringend unsere Hilfe bräuchte. Wir gingen zu ihm nach Hause. Es sah aus, wie woanders auch: ein desolates Zelt mit einer behelfsmäßigen Mauer aus Lehmziegeln drum herum, um zu verhindern, dass das Zelt im Sandsturm mitgerissen wird. Draußen in der Sonne saß der siebenjährige Mahamat, nackt und ganz alleine. Mit einem Stück Stoff um seinen Knöchel war er an eine Stange gebunden. Er saß auf den Knien, der Mund offen und das Gesicht mit Fliegen übersät, und schlug mit seinem bloßen Rücken gegen die Mauer. Als wir uns ihm näherten, rutschte er weg, so weit, wie es der Kleiderfetzen an seinem Bein zuließ.
Die Mutter brachte ihm ein altes Shirt und uns gab sie Tee, dann erzählt sie Mahamats Geschichte. Vor drei Jahren war Mahamat ein ganz normaler, gesunder Junge, als er draußen im Gelände spielte. Dann kam ein Flugzeug und warf auf das Haus ihrer Nachbarn eine Bombe. Mahamat geriet in Panik und lief davon. Erst 48 Stunden später wurde er zufällig am Ende des Dorfes völlig dehydriert entdeckt und zu seiner Mutter nach Hause gebracht. Von diesem Moment an hat Mahamat aufgehört zu sprechen. Die Mutter packte ihre anderen vier Kinder und Mahamat zusammen und floh in den Tschad.
Man weiß nicht, wo Mahamats Vater ist, seit vier Jahren ist er verschwunden, wahrscheinlich tot oder bei den Rebellen. Seit der Ankunft im Camp hat Mahamat versucht, wegzulaufen und sich selbst zu verletzen. Die Mutter wusste nicht, wie sie ihn davon abhalten sollte und hat ihn angebunden. Während wir um ihn herum saßen, schlug er in den Sand und sich selbst und vermied jeden Augenkontakt. Nach einer Weile ließ er es zu, dass ich ihn berührte. Und als ich seine Fessel löste und versuchte, mit ihm ein bisschen zu gehen, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Mahamat ist drei Jahre lang so gesessen, seine Muskeln haben sich verkürzt, er kann kaum gehen und nicht die Beine ausstrecken.

Provisorischer Unterricht im Schatten von Bäumen - Foto: Y. van den Broek
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In der Anfangszeit im Camp, wenn ein plötzlicher Lärm auftrat oder ein Flugzeug auftauchte, erzählt seine Mutter, begann Mahamat stark zu zittern. Jetzt, nach drei Jahren, wirkt er erstarrt, tritt nicht in Kontakt, lebt ganz in seiner kleinen Welt. Während unseres nächsten Besuchs suchte er körperlichen Kontakt, hielt unsere Hände, saß nah bei mir und sah mir sogar manchmal in die Augen.
Die Mutter hat nicht versucht, irgendeine Hilfe für Mahamat zu finden, weil es dort, wo sie gelebt hatten, einfach keine medizinische Einrichtung gab. Sie ist sehr erleichtert, dass ihr SOS-Kinderdorf hilft, sich um Mahamat zu kümmern. Während unseres ersten Besuchs schien er froh, aus seinem kleinen Gefängnis herauszukommen, wir machen mit ihm Spieltherapie und regelmäßig geht jemand mit ihm, um seine Muskeln zu stärken. Ich hoffe, wir können diesem kleinen Jungen ein bisschen Vertrauen zurückgeben, ein Gefühl von Sicherheit…eine Zukunft."
*Name von der Redaktion geändert