Die Betreuung von unbegleiteten Kindern in Haiti und Kinderschutz 

Stellungnahme von SOS-Kinderdorf 

04/02/2010 - Mindestens 20 der 33 Kinder, die derzeit im SOS-Kinderdorf Santo in Port-au-Prince betreut werden, haben zumindest einen Elternteil. Es gibt noch keine offizielle Bestätigung darüber, wie viele dieser Kinder, die in die Dominikanische Republik gebracht werden sollten, noch einen Elternteil, einen Vormund oder Verwandte haben, die sie betreuen könnten. Erwiesen ist aber, dass der Großteil dieser Kinder keine Waisen sind.
Foto: Georg Willeit
Zwei der 33 Kinder , die unter dubiosen Umständen in die Dominikanische Republik gebracht werden sollten - Foto: Georg Willeit
Bisher gibt es noch keine Klarheit über die wahren Absichten und Beweggründe der zehn US-Bürgerinnen und Bürger. Die entsprechenden gerichtlichen Untersuchungen werden von den haitianischen Behörden durchgeführt. Aber unabhängig von den Untersuchungsergebnissen gibt es bestimmte allgemeine Prinzipien, die in Notsituationen respektiert werden sollten.

In erster Linie sollte respektiert werden, dass der beste Platz für die Betreuung und den Schutz eines Kindes seine Familie ist. Daher sollten Eltern oder Familienmitglieder, die ein Kind betreuen, jede Art von Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um dem Kind Sicherheit, Respekt und ein stabiles Zuhause bieten zu können.

In Haiti leben viele Familien in extremer Not. Schon vor dem Erdbeben lebten viele Familien auf Grund von Armut in zerrütteten Verhältnissen bzw. mussten viele Kinder ohne ihre leibliche Familie aufwachsen. Gemäß den UN-Richtlinien zur alternativen Betreuung von Kindern (UN Guidelines for the Alternative Care of Children) sollte Armut niemals eine Rechtfertigung dafür sein, ein Kind von seiner Familie zu trennen. Armut sollte vielmehr als Signal dafür verstanden werden, dass eine Familie unterstützt werden muss.

Die UN-Richtlinien zur alternativen Betreuung von Kindern legen fest, dass in Notsituationen wie der Erdbebenkatastrophe in Haiti die Identifikation von Kindern und die Zusammenführung mit ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten oberste Priorität haben. Die örtlichen Behörden in Haiti arbeiten derzeit mit UN-Organisationen und anderen Institutionen und Organisationen zusammen, um alle unbegleiteten Kinder zu registrieren. Keine Gruppierung und keine Einzelperson sollten Maßnahmen ergreifen, die eine mögliche Familienzusammenführung behindern bzw. verunmöglichen könnten. Dazu gehören: Adoption, Namensänderung, Verbringung eines Kindes an einen weit vom Heimatort, vom familiären Zuhause entfernten Platz. Bevor derartige gravierende Schritte gesetzt werden, müssen alle Möglichkeiten der Familienzusammenführung ausgeschöpft sein.

Es wird vermutlich viele Wochen und Monate dauern, bis wir exakt wissen, wie viele Kinder in Haiti tatsächlich von ihren Familien getrennt worden sind. In der Zwischenzeit sollte kein Kind als "Waise" eingestuft werden, bis dies tatsächlich von den örtlichen Behörden bestätigt wird. Entscheidungen bezüglich unbegleiteter Kinder müssen immer unter Beachtung und Einbeziehung ihres Umfeldes getroffen werden: eventuelle Geschwister, Eltern und Verwandte, aber auch die Gemeinde und das Land, wo die Kinder in Zukunft leben werden. Daher warnt SOS-Kinderdorf alle Organisationen, die in Haiti arbeiten, vor verfrühten Entscheidungen bezüglich dauerhafter Unterbringungslösungen (einschließlich Adoption).

In dieser gegenwärtigen akuten Notsituation schließen wir uns dem Aufruf der internationalen Gemeinschaft an alle Regierungen und Organisationen an, in ihrer Arbeit die UN-Richtlinien zur alternativen Betreuung von Kindern, das Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Adoption sowie die UN-Kinderrechtskonvention und ihre Zusatzprotokollen zu beachten.

In Krisensituationen sind Eltern manchmal bereit, ihre Kinder wegzugeben, weil sie keine Zukunft für sie sehen und nicht glauben, dass sie das Überleben ihrer Kinder sicherstellen können. Gründe dafür sind der noch schwierigere Zugang zu Essen, Wasser, Unterkunft, medizinischer Versorgung und anderen wichtigen Dienstleistungen. Die Hilfsbemühungen der internationalen Gemeinschaft sollten in keinem Fall mit Druck auf von Armut betroffene Familien einhergehen, der in eine ungerechtfertigte Trennung der Familie münden könnte. Alle Hilfsorganisationen in Haiti sollten sich darauf konzentrieren, Familientrennungen zu vermeiden, indem sie sicher stellen, dass die lebensnotwendigen Bedürfnisse von Familien so schnell wie möglich abgedeckt werden und dass Familien aktiv am Wiederaufbau und der Entwicklung ihres Landes teilhaben können.

Die Genesung und der Wiederaufbau Haitis werden an der Stärkung der ärmsten und verletzlichsten Familien des Landes zu messen sein. Das Nothilfeprogramm von SOS-Kinderdorf in Haiti umfasst folgende Maßnahmen:

- Nothilfepakete für Kinder und Familien (Nahrung, Medikamente, Kleidung, Unterkunftsmaterial etc.)
- Psychosoziale Unterstützung für Kinder und deren Familien
- Temporäre Betreuung für unbegleitete Kinder
- Familienzusammenführung
- Unterstützung für Familien beim Wiederaufbau ihrer Häuser und bei der Sicherung des Lebensunterhalts durch umfassende Sozialprogramme einschließlich Beratung, Berufsbildung und Arbeitsvermittlung
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